Stephan Thomes Taiwanroman "Pflaumenregen"

    Ein anderer Blick auf den Zweiten Weltkrieg

    12:38 Minuten
    Ein bewaffneter Soldat steh an einem Strand. Um ihn herum Stacheldraht.
    Mit der Rückgabe Taiwans an China änderte sich über Nacht alles für viele Taiwaner, sagt Stephan Thome. Hier ein chinesischer Soldat auf der Insel 1955. © picture alliance / dpa / Everett Collection
    Stefan Thome im Gespräch mit Joachim Scholl · 22.09.2021
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    Stephan Thome ist Sinologe, lebt in Taiwan und hat der Insel das Buch „Pflaumenregen" gewidmet. Die Handlung beginnt im Zweiten Weltkrieg. Dem Autor ist wichtig, das Weltereignis einmal nicht aus europäischer Perspektive zu betrachten.
    Stephan Thome lebt in Taiwan, ist Sinologe und schreibt in schöner Regelmäßigkeit Bücher, schon das letzten spielte in Asien. Er hat nun sein fünftes Buch Taiwan gewidmet, das eine bewegte Geschichte hat und dessen Gegenwart nicht unkompliziert ist.
    "Pflaumenregen" spielt in Taiwan, in zwei Epochen: in der Endphase der Herrschaft japanischer Kolonialherren, und im neuen Jahrtausend. Der Zweite Weltkrieg hat auch die Länder in diesen Breiten nachhaltig beeinflusst, aber womöglich anders als in Europe und sicher anders als in Deutschland.

    Der Krieg und Japans Kapitulation

    In den 1940er-Jahren wächst Umeko auf, mit acht Jahren ist sie stolz, japanisch zu sprechen, sie gehört zur lokalen Mittelschicht, die den japanischen Kolonialherren sehr ähnlich ist. Dann wird der Zweite Weltkrieg spürbar, am Ortsrand entsteht plötzlich ein Lager für ausländische Kriegsgefangene – das für die Handlung noch wichtig wird –, schließlich kommt es zur Niederlage Japans und plötzlich entstehen ganz neue politische Verhältnisse.
    "Für viele Taiwaner ändert sich praktisch über Nacht die ganze Welt, in der sie aufgewachsen sind", erklärt Thome. Die Insel Taiwan wird an China zurückgegeben. "Aber in der Erinnerung vieler Menschen und zumal eines Kindes wie Umeko gab es gar keine Erinnerung an die Zeit, als Taiwan mal zu China gehört hat", erklärt Thome.


    "Es wird ein sehr strenges Regime, ein diktatorisches Regime aufgezogen. Die japanische Sprache wird innerhalb eines Jahres verboten, die Leute werden ziemlich gewaltsam sinisiert. Man lebt noch am selben Ort, aber plötzlich in einem völlig anderen Land, indem man noch deutlicher als vorher Underdog und unterdrückte Mehrheit ist - von einer neuen Elite eben unterdrückt."
    Stephan Thome sitzt an einem Tisch vor grünem Hintergrund, vor ihm ein Mikro. Er trägt ein dunkles Sakko und ein helles Hemd, ohne Krawatte.
    "Das kollektive europäische Gedächtnis ist sehr auf Europa fokussiert", sagt Stephan Thome.© imago / Horst Galuschka
    Das moderne Taiwan kommt ins Spiel, indem Harry, Umekos Sohn, der inzwischen in den USA lebt, 2016 wiederum mit seinem Sohn nach Taiwan zurückkehrt, um mehr über seine Mutter zu erfahren – und damit über die Zeit, als das Land japanische Kolonie war. Und Harry möchte einen Roman darüber schreiben. Hier sind die jungen Menschen der internationalen Moderne kennenzulernen, die aus dem Land stammen, aber kosmopolitisch sind, mit hochbezahlten Jobs in Hongkong, das Handy immer im Einsatz.

    Asiatische Perspektiven

    Thome sagt, er veröffentliche seine Bücher im Drei-Jahres-Rhythmus, das ergebe sich seltsamerweise immer wieder so. Bei diesem Buch habe er eigentlich weniger Zeit einkalkuliert und auch weniger als die 526 Seiten, die es nun geworden sind. "Aber irgendwie tendiere ich dann halt doch zu so einer epischen und breiten Erzählweise." Zudem habe die Lektorin nach den ersten Entwürfen darauf hingewiesen, dass man es breiter aufziehen müsse, um den komplexen geschichtlichen Hintergrund verstehbar zu machen.
    "Das kollektive europäische Gedächtnis ist sehr auf Europa fokussiert", sagt der Sinologe. Das sei ihm schon bei seinem letzten Buch aufgefallen, als er von "einem wirklich historischen Ereignis erster Güte" gesprochen habe, einem riesigen Bürgerkrieg in China. Aber viele Leute hätten ihm gesagt, nie davon gehört zu haben. "Taiwan ist natürlich noch marginaler. Das hat auch mit der politischen Isolation des Landes zu tun."


    "Der Zweite Weltkrieg ist für uns in erster Linie ein europäisches Ereignis und zumal ein deutsches", verdeutlicht Thome. Er habe es reizvoll gefunden, bestimmte Ereignisse aus der anderen Perspektive, von der anderen Seite der Welt zu erzählen. Aus der Perspektive Ostasiens nehme sich vieles ganz anders aus als aus der deutschen oder europäischen, sagt er.
    Buchcover: "Pflaumenregen" von Stephan Thome
    Das Schweigen über die Kriegs- und Nachkriegserlebnisses sei in Taiwan ein anderes Schweigen als das in Deutschland, so Stephan Thome.© Deutschlandradio / Suhrkamp

    In Taiwan das Schweigen der Opfer

    In der Familie von Umeko gibt es ein Geheimnis, ein Trauma, dem Harry immer näherkommt. Aber es gebe auch das Schweigen der Älteren: Mit seiner Mutter über die Vergangenheit zu sprechen, sei wie ein scheues Tier zu füttern, heißt es an einer Stelle im Roman.
    Thome betont, dass das Schweigen ein anderes Schweigen sei als das in Deutschland: "In dem Falle ist es eher die Schwierigkeit der Opfer, darüber zu reden – und nicht das Schweigen der Täter, die nicht bekennen wollen, was passiert ist."
    Die Opfer seien in Taiwan jahrzehntelang eingeschüchtert worden. "Es war verboten, darüber zu reden. Man durfte das nicht. Und etwas von dieser Haltung hat sich natürlich bei den Leuten festgesetzt und internalisiert." Und das, wo es ohnehin in Bereichen der ostasiatischen Kulturen eine gewisse Scheu gebe, sehr persönlich, sehr offen zu reden.

    Plädoyer für Taiwans Unabhängigkeit

    Thome spricht sich im Vorwort des Buches für ein unabhängiges Taiwan aus. "Ich habe große Sympathien dafür", sagt er auf Nachfrage. "Ich weiß, dass mittelfristig und vielleicht noch auf sehr lange Zeit eine formale Unabhängigkeit völlig unmöglich ist. Würden die Taiwaner sich formal für unabhängig erklären, dann würde China auf jeden Fall militärisch losschlagen, das ist klar. Das kann im Moment nicht sein."
    Er erklärt weiter: "Mir geht es in dem Buch erst einmal darum, darauf aufmerksam zu machen, dass Taiwan nicht selbstverständlich ein Teil von China ist." Natürlich sei die chinesische Kultur und Sprache ein wichtiges Ingredienz dieser Identität. "Aber es hat sich aufgrund der besonderen Geschichte – und das beginnt mit der Kolonialzeit bis zur selbst erkämpften Demokratisierung und Öffnung der Gesellschaft – eben eine sehr eigene taiwanische Identität herausgebildet."
    Immer mehr Leute bezeichneten sich selbst zuerst und vor allem als Taiwanerin und Taiwaner. "Das zur Kenntnis zu nehmen und dem Raum zu geben – weil es eine historische Entwicklung ist, die man nicht durch eine Regierung vorgeben und steuern kann – dafür habe ich Verständnis. Und dafür wollte ich mit dem Roman auch ein bisschen Verständnis bei hiesigen Leserinnen und Lesern wecken."
    (mfu)

    Stephan Thome: "Pflaumenregen"
    Suhrkamp, Berlin 2021
    526 Seiten, 25 Euro

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