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Studio 9 | Beitrag vom 24.11.2020

Tagebuch eines IntensivpflegersWachsender Stress und immer mehr Patienten

Von Felicitas Boeselager

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Krankenpfleger behandeln auf einer Intensivstation einen Covid-19 Patienten. (picture alliance/dpa/Oliver Berg)
Die Pflegekräfte sehen sich in ihren Bedürfnissen noch immer nicht ausreichend von der Politik wahrgenommen, sagt Intensivpfleger Andreas Schneider. (picture alliance/dpa/Oliver Berg)

Covid-Patienten stabilisieren, Kolleginnen einarbeiten, weniger Pausen machen: Die Arbeit des Bremer Intensivpflegers Andreas Schneider wird von Tag zu Tag anstrengender. Eine Woche lang gibt er Einblick in seinen Alltag.

"Ja, guten Morgen, es ist jetzt 05.30 Uhr, ich sitze jetzt im Auto, bin seit 3.50 Uhr wach, da hat mein Wecker geklingelt", sagt Andreas Schneider.

Das ist die erste Sprachnachricht, die Intensivkrankenpfleger Andreas Schneider am Montag vergangener Woche schickt. Bis Sonntag wird er sich ab jetzt regelmäßig aus seinen Schichten melden. Schneider ist seit 20 Jahren Krankenpfleger, seit 10 Jahren arbeitet er auf einer Intensivstation des Klinikverbundes Nord.

"So, ich habe jetzt gerade Frühstück gehabt", erzählt er. "Ein Patient von uns, der im künstlichen Koma ist, hat auf einmal nichts mehr reingelassen in die Lunge, irgendwie war da eine Blockade."

Covid-Patienten mit zusätzlichen Herzproblemen

Schneider hilft, den Patienten zu stabilisieren, und hat dann Zeit, zu den Patienten zu gehen, für die er zuständig ist. Gleichzeitig arbeitet er diese Woche eine neue Kollegin ein und bereitet eine zukünftige Kollegin auf ihre Prüfung in wenigen Tagen vor.

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Trotzdem hat Schneider das Gefühl, dass das Krankenhaus dieses Mal etwas besser gerüstet ist als noch in der ersten Welle. Es gibt genug Schutzausrüstung und Operationen werden nicht mehr generell verschoben.

"Jetzt wird halt schon geschaut und abgewägt", sagt er. "Es wird von Tag zu Tag geschaut, wie sieht die Bettensituation aus, was kann operiert werden und welche Patienten sind jetzt am dringendsten?"

Toller Teamgeist, aber Wut auf die Politik

Die ersten Tage der Woche sind verhältnismäßig ruhig, die angehende Pflegerin besteht ihre Prüfung, Schneider ist erleichtert. Als er am Freitag, nach einem freien Tag, wieder eine Sprachnachricht schickt, hat sich die Situation geändert.

"Ich habe jetzt meine Pause im Spätdienst hinter mich gebracht", sagt er, "fing anfangs sehr unruhig an, wir haben jetzt vier Covid-Patienten. Dann habe ich noch mitbekommen, dass gestern und heute noch ein, zwei Kollegen aus dem Urlaub extra hergekommen sind, also freiwillig."

Um die anderen zu unterstützen, der Teamgeist in seiner Station sei toll, erzählt er, allein die Wut auf die Politik wachse zusehends. Die Pflegekräfte fühlen sich mit ihren Anliegen nicht wahrgenommen.

"So, ich bin jetzt zu Hause angekommen", erzählt Andreas Schneider. "Und ich habe eben noch mal die Info bekommen, dass zum Ende des Spätdienstes noch ein fünfter Covid-Patient dazukommen sollte, in der Nacht fehlten ein oder zwei Kollegen. Heute war mehr Action und die Pausen konnten leider nicht eingehalten werden."

Am Sonntagabend liegen insgesamt sieben Corona-Patienten auf der Intensivstation, Schneider kann sich nicht erinnern, dass sie in der ersten Welle so viele Corona-Fälle gleichzeitig dahatten.


In unserer Reihe über Intensivstationen in Deutschland haben wir in Studio 9 am Montag auch mit dem Intensivmediziner Christian Karagiannidis gesprochen. Er fordert von der Politik klare Vorgaben für den Fall, dass Kliniken überlastet sind. Das Gespräch hören Sie hier:

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