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Interview | Beitrag vom 14.09.2019

Tag der deutschen Sprache"Wir müssen mehr miteinander sprechen"

Murtaza Akbar im Gespräch mit Ute Welty

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Gaststätte mit Hinweis wir haben kein WLAN, redet miteinander und tut so, als wäre es 1995 in der Altstadt von Heidelberg, Baden Württemberg. (imago images / Ralph Peters)
Warum nicht einfach mal wieder in eine Kneipe setzen und miteinander reden – ohne Smartphone, wie hier in Heidelberg. (imago images / Ralph Peters)

Ältere beschweren sich gern darüber, dass die Sprache verrohe. Das sei nicht der Fall, sagt Sprachforscher Murtaza Akbar. Vielmehr werde das Deutsch vielfältiger. Deswegen müsse mehr miteinander gesprochen werden, um sich zu verstehen.

Ute Welty: Der Tag der deutschen Sprache wird heute erwachsen. Vor 18 Jahren wurde er vom Verein Deutsche Sprache ins Leben gerufen. Dieser will nach eigener Aussage den unkritischen Gebrauch von Fremdwörtern eindämmen und für den Gebrauch von gutem und verständlichem Deutsch werben. Für gutes Deutsch setzt sich auch Murtaza Akbar ein, er ist Geschäftsführer der Agentur Wortwahl für Unternehmens- und Onlinekommunikation in Neu Isenburg bei Frankfurt am Main.

Im Zeitalter von Twitter, Instagram und Kiezdeutsch ist immer wieder von der Verrohung  der deutschen Sprache die Rede. Was kommt denn bei Ihnen davon an?

Murtaza Akbar: Wenn von der Verrohung der deutschen Sprache die Rede ist, dann zeigen meistens die älteren Generationen auf die jüngeren Generationen: Die sind es, die diese Sprache verrohen. Das kann ich aber überhaupt nicht unterstreichen. Ganz im Gegenteil: Ich bin ein Fan der jungen Generation, ich bin auch Dozent im Studiengang Onlinekommunikation, da geht es um Social-Media-Kommunikation. Ich verteidige die jungen Menschen.

Was ist mit Verrohung gemeint? Das ist die Frage. Es ist gemeint, dass anders gesprochen wird wie zum Beispiel, gehst du Kino? Es werden Abkürzungen benutzt über WhatsApp, das ist keine Verrohung der Sprache, das ist eine Vielfalt der Sprache. Wir haben genauso anders gesprochen, als wir Jugendliche waren, als wir jung waren im Vergleich zu älteren Generationen – und genauso ist es heute.

Eine Beleidigung ist keine Verrohung

Welty: Aber ich finde es ehrlich gesagt nicht besonders freundlich, wenn mir jemand sagt, ey Alte, geh sterben!

Akbar: Ich glaube nicht, dass das jemand zu Ihnen sagen würde, wenn er Ihnen in die Augen schaut. Das ist keine Verrohung, das ist eher eine Art Beleidigung.

Welty: Ja, aber was ist denn eine Beleidigung anders als eine Verrohung?

Akbar: Das ist jetzt ein Beispiel. Ich finde es ganz schwierig, wenn wir pauschalisieren. Wir sagen, ja, alle Jugendlichen sprechen jetzt so, das ist nicht wahr, denn die Sprache ist unfassbar lebendig. Ich behaupte mal, als wir jung waren oder als ich jung war, habe auch ich den einen oder anderen beleidigt, vielleicht in einer andere Wortwahl, das kann gut sein, aber das zu pauschalisieren, das verurteile ich.

Auch die Älteren verkürzen die Sprache

Welty: Die tägliche Kommunikation im digitalen Zeitalter, die wird aber ohne Frage immer weiter verkürzt. Welche Folgen hat das?

Akbar: Das hat massive Folgen. In der Tat, wir haben verkürzt, sobald wir mit WhatsApp geschrieben haben. Übrigens WhatsApp ist der wahre große Social-Media-Kanal, mehr als 50 Millionen Menschen nutzen Whatsapp. In diesem Zusammenhang auch, wenn wir von der jungen Generation sprechen, die die Sprache angeblich verroht, 50- bis 69-Jährige in Deutschland, jeder zweite nutzt WhatsApp – und auch die nutzen Abkürzungen. Früher hat man Abkürzungen genutzt in Form von OMG, Oh mein Gott, oder LOL, laughing out loud, also wenn ich irgendwie laut gelacht habe.

Heute nutzen wir gar keine Abkürzungen mehr, heute nutzen wir die berühmten Emojis-Bilder. Das verändert natürlich auch die Sprache, weil jetzt viele junge Menschen auch Abkürzungen benutzen, wenn sie sprechen. Das heißt, die Sprache von WhatsApp und Facebook kommt in das Mündliche und andersherum auch.

Welty: Inwieweit kann das aber für das Deutsche eine Gefahr auch bedeuten, wenn sich das immer weiter vermischt?

Akbar: Generell besteht die Gefahr, weil sich das Medienverhalten von uns auch extrem verändert hat. Früher hatten wir "Wetten, dass ...", da saß die ganze Familie vor, 20 Millionen Zuschauer und mehr. Am nächsten Morgen war man in der Schule und hat dort einen Witz von Thomas Gottschalk wiederholt und die ganze Klasse hat gelacht – das gibt es heute nicht mehr.

Über schlechte Witze lacht niemand

Welty: Oder eben auch nicht, wenn es kein guter Witz war.

Akbar: Genau, wenn es kein guter Witz war, wenn es ein Altherrenwitz war. Aber heute gibt es das nicht mehr, heute gibt es immer kleinere Zielgruppen, immer kleinere Marktsegmente von Medienkonsum. Das verändert natürlich auch den allgemeinen Wortschatz.

Eine meiner Thesen ist: Der allgemeine Wortschatz wird immer kleiner, also der gemeinsame Wortschatz verschiedener Generationen, auch verschiedener Gruppen – in englisch verschiedener Communities. Im Fitnessstudio spricht man anders als in der Bank und im IT-Unternehmen anders als bei der Post.

Welty: Aber da sind Missverständnisse innerhalb der Gesellschaft doch programmiert.

Akbar: Das ist genau das Problem. Das ist nicht die Verrohung der Sprache, sondern die Sprache wird immer vielfältiger. Da ist der Punkt. Ich appelliere auch an meine Studierenden, an ältere Generationen, wir müssen mehr miteinander sprechen. Da gilt es natürlich nicht nur, dass die älteren Generationen auf die jüngeren zugehen, sondern auch die Jungen auf die Älteren.

Welty: Und wir müssen uns auf ein Vokabular einigen.

Akbar: Das wird schwer, weil wir sagen immer, was ist … Wir brauchen ein Standardwerk, und das Standardwerk ist meistens der Duden. Der Duden hat circa 135.000 Wörter und richtet sich Gott sei Dank auch nach Sprache, die auf der Straße gesprochen wird. Da steht korrektes Deutsch drin, das ist ganz wichtig, dass wir das haben, aber da steht zum Beispiel auch drin: like, facebooken, sogar tindern.

Ich glaube, viele Menschen wissen gar nicht, was das ist. Da müssen wir schauen, dass die älteren Generationen das auch annehmen. Das passiert aber immer häufiger über WhatsApp und weitere Kanäle, über die wird generationsübergreifend kommuniziert.

Unternehmen hinken hinterher

Welty: Sie beraten viele Unternehmen, mit welchen Anliegen kommen die zu Ihnen?

Akbar: Die Kommunikation für Unternehmen wird immer komplizierter und komplexer. Die Website gibt es seit 15, 18 Jahren, jetzt gibt es immer mehr Social-Media-Kanäle. Gerade die großen Konzerne nutzen alle Kanäle und sprechen die unterschiedlichsten Zielgruppen an. Da sind Fehler programmiert.

Da gibt es ganz viele Beispiele: VW spricht auf seiner Webseite Bewerber an – zum Beispiel Schüler – und sagt dann, kommen Sie zu uns als Schülerpraktikant. Ein Schüler im Alter von 15 bis 18 Jahren wird also gesiezt. Auf Facebook duzt VW erfahrene Manager: Komm zu uns als Key Account Manager. Dieser Key Account Manager ist locker 30, 35, vielleicht auch 40 Jahre alt. Wo ist da die individuelle Ansprache? Da werden alle über einen Kamm geschert bei Facebook, der Kanal ist wichtiger als die individuelle Ansprache. Ich sieze einen Schüler auf der Webseite und duze einen erfahren älteren Herren oder eine ältere Frau auf der Facebookseite.

Welty: Wie kommt das zustande, dass man solche Fehler begeht, dass das nicht die richtige Ansprechhaltung ist.

Akbar: Da ist einfach eine große Unsicherheit. Es gibt auch weitere Beispiele. Ich sitze hier in Frankfurt, hier gibt es eine große Imbisskette, die duzen alle. Da stehen 20-, 25-Jährige hinter der Theke, da gibt es Currywurst und Pommes. Da stehe ich in dieser Schlange, da steht vor mir eine Frau, das darf ich sagen in dem Fall, sehr elegant, graumeliert, ich schätze mal 60, 70 Jahre alt, ganz tolle Erscheinung – und dann war ich sehr gespannt, wenn sie drankommt, was sagt die junge Dame hinter dem Tresen. Die junge Dame hat runter geschaut und auf einmal hochgeschaut und die Dame gesiezt. Das fand ich gut. Das ist eine intuitive, gefühlvolle Ansprache, die aus dem Herzen kommt, wenn man es überspitzt formuliert. Das ist genau das. Das geht auf Onlinekanälen schwierig.

Auch Junge nutzen schöne Worte

Welty: Deutsch ist bekannt als schwierige, aber auch als schöne Sprache. Was macht diese Schönheit aus?

Akbar: Ach, Deutsch ist eine wunderschöne Sprache. Der deutsche Wortschatz hat 300.000 bis 500.000 Wörter. Klar, Englisch hat zum Beispiel mehr. Aber es gibt unfassbar viele Worte, die ich wunderschön finde, also lichtdurchflutet wird leider von Immobilienmaklern oft verwendet, Sonnenschein, es gibt so schöne Wörter, die wir auch verwenden – auch viele Jugendliche und junge Menschen. Da ist nichts von Verrohung, da ist unglaublich viel schöne Sprache dabei – der deutsche Wortschatz ist traumhaft schön.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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