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Frühkritik | Beitrag vom 24.09.2021

Tade Thompson: "Wild Card"Fiktiver Staat, realistische Gewalt

Von Sonja Hartl

Das Buchcover des Krimis von Tade Thompson, "Wild Card", auf orange-weißem Hintergrund. (Deutschlandradio / Suhrkamp)
"Wild Card" berichtet im besten Hardboiled-Stil von einem fiktiven westafrikanischen Staat. (Deutschlandradio / Suhrkamp)

Nach seiner Rückkehr aus London gerät ein Wachmann in seiner afrikanischen Heimat zwischen die Fronten zweier konkurrierender Rebellentruppen. Der Krimi "Wild Card" erzählt von einer schwierigen Heimkehr – und von Korruption und sexistischer Gewalt.

Ein unfreiwilliger Detektiv, verführerische Frauen und ein verzwickter Todesfall mit politischen Implikationen: Tade Thompsons Kriminalroman "Wild Card" hat alle Zutaten bester Hardboiled-Literatur, lakonische Dialoge inklusive.

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Jedoch spielt er nicht in den USA, sondern im fiktiven Staat Alcacia in Westafrika. Dorthin reist Weston Kogi nach Jahren in England zur Beerdigung seiner Tante, und obwohl er seine Jugendliebe Nana wiedertrifft, die er vor Jahren in Alcacia zurückgelassen hat, will er eigentlich so schnell wie möglich zurück nach England in sein langweiliges Leben als Wachmann in einem Supermarkt.

Kleine Lüge, groß bestraft

Doch Weston Kogi kann nicht widerstehen, sich ein bisschen aufzuspielen, und behauptet, dass er in London als Polizist im Morddezernat arbeitet.

Kurz darauf wird er darum von dem Anführer der Liberation Front of Alcacia (LFA) – der mächtigsten Rebellengruppe des Landes – gezwungen, den Mord an dem angesehenen Politiker und Friedensstifter Enoch "Papa Busi" Olubusi aufzuklären.

Als Schuldige soll er möglichst eine konkurrierende Rebellentruppe ausmachen. Aber die haben längst Wind von der Sache bekommen und setzen Kogi ebenfalls unter Druck. Er gerät zwischen die Fronten und der brutale Geheimdienst des Landes mischt auch noch mit.

Sexismus wird akzeptiert

Autor Tade Thompson ist in London geboren, in Nigeria aufgewachsen und lebt seit 1998 in England. Auch er ist also nicht nur einem Land verbunden. Mithilfe der Hardboiled-Konventionen spürt er in "Wild Card" den gesellschaftlichen Verwerfungen in dem fiktiven (aber realistisch gezeichneten) westafrikanischen Alcacia nach, in dem Korruption herrscht und Gewalt das bestimmende Merkmal ist - insbesondere Gewalt gegen Frauen.

In entscheidenden Szenen verschiebt Thompson den Fokus von den Männern auf die Frauen, die diese Gewalt erfahren, und die Folgen, die sie hat.

Aber er zeigt auch, dass sich Sexismus nicht nur in extremen Handlungen wiederfindet, sondern sich in die Köpfe der Menschen einbrennt. In einer großartigen Passage, die Kogis Jugendfreundin Nana gehört, wird sehr deutlich, wie selbstverständlich Sexismus akzeptiert wird, auch von den Figuren dieses Romans. Daher ist "Wild Card" nicht nur aufgrund des Handlungsorts ein außergewöhnlicher Kriminalroman.

Tade Thompson: "Wild Card"
Aus dem Englischen von Karl-Heinz Ebnet
Suhrkamp, Berlin 2021
329 Seiten, 10,95 Euro

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