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Lesart | Beitrag vom 30.01.2019

T.C. Boyle: "Das Licht"Ein Selbstfindungstrip mit Folgen

Von Carsten Hueck

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"Das Licht" von T.C. Boyle (Hanser Verlag/picture alliance/dpa/Foto: KEYSTONE/Ennio Leanza)
Im Roman "Das Licht" von T.C. Boyle erleben die Teilnehmer neue Drogenerfahrungen. (Hanser Verlag/picture alliance/dpa/Foto: KEYSTONE/Ennio Leanza)

Der Student Fitzgerald wird von seinem Doktorvater auf eine Party eingeladen. Doch aus der Hoffnung auf einen Karrieresprung wird der Beginn eines abenteuerlichen Drogentrips. T.C. Boyles Roman „Das Licht“ ist grell, bunt und intelligent.

Wer mit Auftritt und Outfit des US-amerikanischen Autors T.C. Boyle zum ersten Mal konfrontiert ist, wird sich darüber wundern, wie anmutig dieser schräge, schillernde, leicht obsessiv wirkende Paradiesvogel in seinem neuen Roman "Das Licht" die Welt zu Beginn der 1960er-Jahre beschreibt.

Die Hauptfigur Fitzgerald Loney, Promotionsstipendiat an der Elite-Universität Harvard, ist mit Anfang 30 Vater eines angehenden Pubertiers. Seine Frau Joanie hat ihr Studium abgebrochen, als sie Mutter wurde, jobbt nun in der Bibliothek, stärkt ihm den Rücken und verkleidet sich zu Halloween als Jackie Kennedy. Den Rock'n'Roll haben die beiden irgendwie verpasst, stattdessen sprechen sie über die neueste Aufnahme von John Coltrane. Die größte Herausforderung besteht darin, ihren alten Ford Fairlane am Laufen zu halten:

"Er hatte kein Doktorandenstudium begonnen, um mit Gott Bekanntschaft zu machen. Er war hier, um einen Abschluss zu machen, mit dem er einen guten Job bekommen würde, so dass er seine Rechnungen bezahlen, ein Haus kaufen und einen Wagen anschaffen konnte, der tatsächlich ansprang, wenn man den Zündschlüssel drehte und Gas gab."

Experimente mit psychedelischen Drogen

Vermutlich hätte Fitz tatsächlich eine akademische Karriere machen können, hieße sein Doktorvater nicht Timothy Leary. Als Enfant terrible des Wissenschaftsbetriebs beginnt der nämlich gerade Experimente mit psychedelischen Drogen und verlagert seine Lehrveranstaltungen an den häuslichen Kamin, wo er seinen Studenten allwöchentlich in unterschiedlichen Dosierungen LSD verabreicht – zu der Zeit in den USA, im Gegensatz zu Marihuana, ein legales Mittel.

Die beabsichtigte Bewusstseinserweiterung stellt sich nach anfänglicher Verzögerung ein: Fitz und Joanie folgen Professor Leary wie die Graugansküken dereinst Konrad Lorenz. Sie reisen mit ihm nach Mexiko und leben später gemeinsam mit anderen "Psychonauten" auf einem herrschaftlichen Anwesen zwei Stunden von New York entfernt, das Leary für einen Dollar pro Jahr von Gönnern gemietet hat.

Der Verlust des Selbst

Dort drehen sie immer mehr ab. Freie Liebe und freier Drogenkonsum, Selbstfindungstrips, die Suche nach dem Licht, dem Göttlichen in uns und der Welt, sollen eine neue Zeit und eine bessere Gesellschaft hervorbringen. Doch statt zu sich zu kommen, verlieren sich die Protagonisten immer mehr.

Wie schon in anderen Büchern mixt T. C. Boyle aus Suchenden, Außenseitern und visionären Persönlichkeiten, aus Sex, Rausch und Gruppenexperimenten einen historischen Roman. Und wieder einmal wirft er darin Fragen auf, die wir uns bis heute stellen: Führt jeder Versuch, die Welt zu verbessern ins Chaos? Brauchen auch intelligente Menschen Führerfiguren? Wo sind unsere Grenzen als Individuum und als Gemeinschaftswesen? Woher die Verführungskraft von Scharlatanen? "Das Licht" beleuchtet diese Fragen: grell, bunt, schillernd, sarkastisch und intelligent.

T.C. Boyle: "Das Licht"
Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
Hanser Verlag, München 2019
379 Seiten, 25 Euro

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