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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 20.06.2016

Syrer zum IntegrationsgesetzIntegration ist nicht Verzicht auf Identität

Von Amloud Alamir

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Die beiden Syrer Karim und Mazen sitzen in einer Berliner Sprachschule, um Deutsch zu lernen. (Amloud Alamir)
Karim und Mazen beim Deutsch lernen in einer Berliner Sprachschule. (Amloud Alamir)

Manche Flüchtlinge haben Angst, wenn sie in Deutschland jetzt Sprach- und Integrationskurse absolvieren, dass sie ihre Identität aufgeben. Unser Autor hat syrische Flüchtlinge dazu befragt und festgestellt, dass der Begriff "Integration" erst einmal geklärt werden müsste.

Karim Suleiman kommt aus der syrischen Stadt Hama und wohnt seit einem Jahr in Berlin, erzählt er mir.

"Der Kontakt unter den Kulturen ist eine gute Sache, bei dem Deutsche und Syrer ihre Gewohnheiten und Traditionen miteinander austauschen können."

Karim ist 24, hat in Syrien ein Jahr lang Medizin studiert, bis der Krieg auch seine Stadt erreichte. Nach einem Angriff wurde er durch ein Trümmerteil am linken Bein schwer verletzt, zwölf Mal operiert und trägt immer noch Krücken. Seit gut einem Monat lernt er jetzt Deutsch in einem Sprachkurs in Berlin. Dort gibt es auch viele Diskussionen über die Frage, was Integration ist. Karim hat die Sorge, dass er eigene Traditionen aufgeben soll.

Der Syrer Karim steht auf Krücken gestützt im Innenhof der Berliner Sprachschule (Amloud Alamir)Karim kann durch eine Verletzung aus dem Krieg in Syrien nur auf Krücken laufen. (Amloud Alamir)

"Ich bin gegen die Integration, die einen persönlich vollkommen verändert, jedoch bin ich dafür, dass man voneinander lernen kann, sprich von verschiedenen Gedanken und Lebensweisen und so miteinander klar kommt. Ich respektierte und akzeptiere die Sichtweise anderer und sie meine."

Der junge Mann will noch weitere acht Monate in der Sprachschule in der Berliner Friedrichstraße lernen. Dabei ist ihm wichtig, dass es Lerngruppen für unterschiedliche Berufsgruppen gibt. Ein Mediziner braucht andere Fachwörter als ein Handwerker. So würde man Zeit sparen. Außerdem sollte es auch eine Einteilung nach der Lernfähigkeit der Teilnehmer geben.

"Für einen 25-Jährigen ist es einfacher und schneller den Lernstoff aufzunehmen als für einen 50-Jährigen, weil ein 50-Jähriger mehr Verpflichtungen hat, er hat eine Familie und daher nicht soviel Zeit."

Karim hat auch vom Integrationsgesetz gehört, das der Bundestag demnächst beschließen will. Das besagt auch, dass die Personen, die nach drei Jahren kein fortgeschrittenes Sprachniveau erreicht haben und für ihren Unterhalt nicht weitgehend selbst sorgen können, Kürzungen des Sozialgeldes droht und ihr Aufenthaltsstatus nur befristet bleibt.

"Es ist nicht einfach, die Sprache zu lernen, da man immer an seine Familie in Syrien denkt und Angst hat, dass ihnen etwas passiert. Sie könnten getötet werden oder deren Hab und Gut zerstört werden. Es ist nicht so, dass wir aus einem sicheren Land oder Stadt wie London kommen, daher ist dieses Gesetz hart, weil die Menschen unterschiedliche Situationen haben."

"Aufgabe der Geflüchteten die Sprache zu erlernen"

Eine andere Meinung zum geplanten Integrationsgesetz hat MazenTabaja. Er kommt aus der syrischen Hauptstadt Damaskus und befürwortet das Gesetz.

"Wir müssen verstehen, dass die Deutschen ihre Steuern zahlen, um den Geflüchteten zu helfen, ihnen Sicherheit zu geben und ihre Sprachkurse zu bezahlen: Daher ist es die Aufgabe der Geflüchteten die Sprache zu erlernen und zu arbeiten, um sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen."

Der 52-jährige Mazen hat mehr als 20 Jahre als Zahntechniker in der Kieferorthopädie gearbeitet. Nach dem Sprachkurs in der Berliner Friedrichstraße möchte er weiterhin als Zahntechniker in Deutschland arbeiten. Über Integration gebe es bei vielen seiner Landsleute ein Missverständnis, beobachtet er.

"Die Neuankömmlinge haben ein falsches Verständnis von Integration, weil sie denken, dass Integration der Verzicht auf Identität und Zugehörigkeit bedeutet. Auch für Kinder. Davor haben sie Angst, weil sie nicht wirklich wissen, was dieser Begriff bedeutet. Sie glauben, sie geben ihre Identität auf."

Mazen schlägt vor, dass die Neuankömmlinge in arabischer Sprache Basisinformationen über Integration lernen. Zum Beispiel was die Vorteile sind und was der Begriff überhaupt bedeutet.

"Viele wissen wenig über den Begriff der Integration. Dabei geht es bei den Integrationskursen einfach um das schnelle Erlernen der deutschen Sprache. Das hilft der Person, dann eine Arbeit zu finden, Geld zu verdienen, damit die Person eine eigene Wohnung mieten kann. Nur mit dem Jobcenter ist das schwierig."

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