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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 25.09.2020

Synagoge in HalleDie Tür, die hielt

Von Matthias Bertsch

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Einschusslöcher in der Tür der Synagoge in Halle (picture alliance / Winfried Rothermel)
Einschusslöcher in der Tür der Synagoge in Halle, die nun Teil eines Mahnmals wird. (picture alliance / Winfried Rothermel)

Ein Blutbad blieb aus, letztes Jahr beim Anschlag in Halle an Jom Kippur. Denn die Synagogentür hatte gehalten. Die Tür soll nun Teil eines Mahnmals vor dem Gotteshaus werden. Wo die einen an ein Wunder glauben, sprechen andere von Physik.

Max Privorozki ist ein praktischer Mensch. Mit Gefühlen und Theorien hat er es nicht so, sagt der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde von Halle von sich selbst. Aber wenn er an den Anschlag auf die Synagoge an Jom Kippur im letzten Jahr zurückdenkt, dann ist es für ihn rein rational kaum zu erklären, warum es nicht zu einem Blutbad kam.

"Eigentlich es ist großes Wunder, dass diese Tür standgehalten hat", sagt Privorozki. "Das war nicht selbstverständlich. Wir haben diese Tür bestellt vor vielen Jahren, ohne zu überlegen, dass diese Tür uns irgendwann Leben retten wird."

Porträt von Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde von Halle, mit Kippa vor einer Steinmauer (Privat)"Nicht die Tür hat uns gerettet sondern der Allmächtige hat uns gerettet", sagt Max Privorozki. (Privat)

Doch letztlich, so der Gemeindevorsitzende, war die Tür nur das Medium. "Nicht die Tür hat uns gerettet sondern der Allmächtige hat uns gerettet, also das ist meine Auffassung, aber mit Hilfe dieser Tür. Das ist genauso wie beim Auszug aus Ägypten - da gab es Wunder, zum Beispiel als Juden schafften, über das Meer zu gehen. Also es gab viele Wunder damals, auch zehn Plagen... Man kann die nicht vergleichen möglicherweise nach Ausmaß, aber trotzdem, das waren auch bestimmte Gegenstände, die dem jüdischen Volk geholfen haben, sich zu retten."

Landesbischof spricht vom "Wunder von Halle"

So wie Max Privorozki sehen es einige Gemeindemitglieder. Und der evangelische Landesbischof von Mitteldeutschland, Friedrich Kramer, spricht schon wenige Tage nach dem Anschlag in einem Gedenkgottesdienst vom "Wunder von Halle". Ein Begriff, den die Medien aufgreifen und der schnell die Runde macht.

"Es kommen Leute und fotografieren diese Tür: Dutzende, Hunderte! Also die machen auch Selfies" erzählt Privorozki. "Wenn ich Besuch bekomme aus USA und aus Israel, Freunde kommen, die machen immer Selfies, in Berlin zum Beipsiel Brandenburger Tor oder Reichstag, und diese Tür in Halle jetzt spielt ungefähr die gleiche Rolle, also Leute machen immer wieder Fotos."

Andere haben es nicht bei Fotos belassen, ergänzt Lidia Edel. Die 19-Jährige ist selbst keine Jüdin, aber der Jüdischen Gemeinde eng verbunden. Ihre Eltern stammen aus Russland so wie die vieler Freunde, die Teil der Gemeinde sind. "Ich hab auch mitgekriegt, das war sehr interessant, dass Leute gekommen sind an die Tür, Leute, die davor gebetet haben, aber auch, wo die Schüsse waren, da haben sie das Holz rausgekratzt, und sie haben versucht, eine kleine Holzspäne zu ergattern, die dann quasi sie beschützen soll", sagt Edel.

Ende Juli haben Handwerker die alte Tür ausgebaut und durch eine neue ersetzt, aber der Rummel ist damit keineswegs vorbei. Diverse Museen aber auch die Stadt hätten sie gern ausgestellt, doch die Gemeinde hat sich dagegen entschieden.

"Wir haben uns überlegt und haben gedacht, egal welche Angebote kommen, es ist wichtig, dass diese Tür bleibt hier und zwar wirklich hier", sagt Privorozki. "Weil wir könnten das irgendwo in der Stadt ausstellen auch, aber hier, direkt hier auf diesem Gelände. Die wird aber nicht einfach so stehen, sondern sie wird ein Bestandteil eines Mahnmals sein. Diese Tür spielt eine zu große Rolle für uns und die gehört hierher."

Tür soll nicht ins Museum

Davon ist auch Lidia Edel überzeugt. Die Idee eines Mahnmals geht wesentlich auf die angehende Kunststudentin zurück. Sie hat mit vielen Gemeindemitgliedern gesprochen, die am Tag des Anschlags in der Synagoge waren. "Generell gab es einfach nur den Wunsch, das nicht sehr öffentlich zu machen, wie zum Beispiel die Tür auf den Markt zu stellen, das wollte keiner", sagt sie.

"Es sollte schon hier eine nähere Verbindung haben. Man kann es hier ausstellen, haben mir die meisten auch vermittelt, und dass es trotzdem sein äußeres Erscheinungsbild nicht zu sehr verändern sollte, also dass man trotzdem erkennt, das ist die Tür von damals, das war den meisten wichtig."

Porträt der angehenden Kunststudentin Lidia Edel vor der hölzernen Eingangstür zur Synagoge (Matthias Bertsch)Die Idee eines Mahnmals geht wesentlich auf Lidia Edel zurück. (Matthias Bertsch)

Wie das Mahn- oder Denkmal genau aussehen wird, soll bis zu seiner Einweihung am 9. Oktober ein Geheimnis bleiben. Aber ein paar Informationen gibt Privorozki dann doch preis. Das Denkmal wird eine Komposition aus verschiedenen Gegenständen sein, in deren Zentrum die Tür steht. Sein Name: Neun-Zehn-Neunzehn, in Erinnerung an den Tag des Anschlags. Außerdem sollen die Namen der beiden Menschen, die der Attentäter ist seiner Wut erschoss, weil er nicht in die Synagoge kam, auf dem Denkmal verewigt werden.

Und noch etwas verrät Lidia Edel. "Es wird mit dem Thema Holz zu tun haben. Mit Bäumen, das Lebendige, weil ein Baum zeigt auch einfach den Lebensprozess: von der kleinen Sprosse, von dem Samen hin zum großen Baum. Es ist quasi auch unser menschlicher Werdegang, und wie wir selbst halt auch durch das Leben schreiten. Mal kann ein Ast brechen, man kann mal verletzt werden als Mensch, verbal oder halt auch körperlich, jeder verletzt sich mal. Wir haben viele Gemeinsamkeiten zu Bäumen, und diese Bindung will ich auch darstellen."

"Hype um die Tür übertrieben"

Zur feierlichen Einweihung werden viele Politiker und Sicherheitskräfte in der Synagoge sein. Für normale Gemeindemitglieder und andere Interessierte wird es – auch wegen Corona – kaum Platz geben, sie dürfen danach einen Blick auf das Denkmal werfen. Auch Thomas Thiele wird irgendwann vorbeikommen, um sich anzuschauen, was aus der alten Tür der Synagoge geworden ist. Der Tischler aus Dessau hat sie vor rund zehn Jahren angefertigt.

"Ja, natürlich. Da bin ich schon gespannt, was die junge Frau daraus macht, was da auch sich langfristig draus entwickelt", sagt Thiele. "Was mich ein bisschen, na ja, nicht beängstigt, aber wo ich mir meine Gedanken drüber mache: Die Tür hat gehalten, das ist okay, aber darum jetzt so nen Hype zu machen, das wär für mich deutlich übertrieben."

Von einem Wunder will er mit Blick auf die Tür nicht sprechen. "Ich muss dazu vom Grundsätzlichen her erst mal sagen, ich bin nicht gläubig, religiös, in keinerlei Hinsicht, Wunder lassen sich ja häufig irgendwo nachher physikalisch, chemisch oder wie auch immer begründen oder erklären, ja. Das Zusammenspiel verschiedener Punkte in dieser Situation haben dazu geführt, dass es eben kein großes Unglück gab, so seh ich es."

Thieles Anliegen ist es, gute handwerkliche Qualität zu liefern und damit einen möglichen erneuten Anschlag zu verhindern. Das gilt auch für die neue Tür, die auch von ihm stammt. Sie sieht aus wie die alte, aber im Inneren ist sie noch durch Stahlbleche verstärkt. Mehr Sicherheit kann nicht schaden. Darin sind sich alle einig: diejenigen, die von Physik sprechen, und die, die von Wundern reden.

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