Symptome durch TikTok und Youtube

    Sieht aus wie Tourette, ist es aber nicht

    08:15 Minuten
    Ein junger Mensch hält ein Smartphone in der Hand, auf dem TikTok-App zu sehen ist.
    In den USA zeigten Jugendliche Symptome des Tourettesyndroms, nachdem sie Videos auf der Plattform TikTok gesehen hatten. © imago images / Bihlmayerfotografie
    Kirsten Müller-Vahl im Gespräch mit Nicole Dittmer · 21.10.2021
    Audio herunterladen
    Menschen, die unkontrolliert fluchen, leiden oft an dem Tourettesyndrom. Plötzlich schien die Krankheit auch junge Menschen zu betreffen, die TikTok- und Youtube-Videos gesehen hatten. Was ist dran an dem Phänomen? Eine Psychiaterin klärt auf.
    Wildes Fluchen, unkontrolliertes Schimpfen, von einem Moment zum anderen – das passiert, wenn Menschen unter dem Tourettesyndrom leiden. Eine Krankheit, die unter Jugendlichen plötzlich weiter verbreitet schien, in den USA vor allem bei Mädchen. Und auch bei deutschen Jugendlichen aufgetaucht ist. Kirsten Müller-Vahl hat sich damit beschäftigt. Sie ist Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie an der Medizinischen Hochschule Hannover.


    Auch sie habe plötzlich viele Patient:innen mit der Verdachtsdiagnose Tourettesyndrom gehabt, berichtet Müller-Vahl. Die Symptome seien bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen "abrupt" aufgetreten. Ihre Patien:innen hätten "sehr komplexe Bewegungen, häufig mit ausfallenden Armbewegungen" gezeigt und Schimpfwörter und Beleidigungen gerufen.
    Laien könnten diese sogenannten Tics durchaus als Tourettesyndrom interpretieren. Für Expert:innen sei aber klar, dass es sich nicht um die Krankheit handle, sagt Müller-Vahl. Denn diese sei eine chronische Entwicklungsstörung und setze mit dem fünften bis siebten Lebensjahr ein.
    "Im Gegensatz zu dem, was wir jetzt bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit funktionellen Bewegungsstörungen sehen, sehen wir bei den Tourette-Betroffenen primär einfache Bewegungen und Geräusche: so etwas wie Augenblinzeln, Grimassieren, vielleicht mal Kopfschütteln und Geräusche wie Schniefen oder Hüsteln."

    Nur eine funktionelle Störung

    Schnell sei deutlich gewesen, dass es sich um eine funktionelle Störung bei den Patient:innen handeln müsse, so Müller-Vahl. Bei Youtube sei man schließlich fündig geworden. Dort haben die Betroffenen wohl Videos von Menschen angesehen, die angeblich unter Tourettesyndrom leiden, haben sich mit den Dargestellten und deren angeblicher Diagnose möglicherweise identifiziert und diese nachgeahmt.
    Die Diagnose einer funktionellen Störung habe in der Regel eine rasche und wirksame Heilung durch eine Psychotherapie ermöglicht, sagt Kirsten Müller-Vahl. Personen, die sich bereits stark mit der falschen Diagnose Tourette identifiziert hatten und bei denen die Symptome schon länger vorhanden waren, hätten allerdings Mühe gehabt, die neue Diagnose einer funktionellen Störung zu akzeptieren.
    Mehr zum Thema