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Lesart | Beitrag vom 10.07.2019

Sylvain Prudhomme: "Legenden"Schafe und Schmetterlinge

Von Dina Netz

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Cover von Sylvain Prudhommes Buch "Legenden".  (Deutschlandradio / Unionsverlag)
Freundschaft, die Liebe zu einer Landschaft, die Lust am Leben - von diesen Idealen handelt Prudhommes Roman "Legenden". (Deutschlandradio / Unionsverlag)

Eine mythische, le­gen­den­um­wo­bene Landschaft in Frankreich ist der Schauplatz von Sylvain Prudhommes neuem Roman. Sie erzählt in "Legenden" auf zarte, humorvolle Weise von den Menschen dort - aber auch ihren Widersprüchen und Verletzlichkeiten.

Der Tag, an dem seine beiden Cousins beerdigt wurden, war ein strahlender Sonnentag. Da ist sich Nel sicher. Aber nein, widerspricht ihm seine Tante Josette, es ging ein peitschender Regen nieder. Szenen dieser Art gibt es viele in "Legenden".

Sylvain Prudhomme, weitgereister Autor, der auf dem deutschsprachigen Buchmarkt mit einem Roman über Guinea-Bissau, "Ein Lied für Dulce", in Erscheinung trat, führt uns diesmal in die hinterste französische Provinz: in die Crau, eine aufgeladene mythische Landschaft, in der Herkules den Ligurern gegenüberstand, Wehrmachtsoffiziere sich vor den Angriffen der alliierten Truppen verschanzten, eine Gegend von Schafzüchtern, ein "toter Winkel" mitten in der Provence zwischen Salon und Nîmes – 30 Kilometer Wüste abseits der Touristenströme. Viele, die dort aufgewachsen sind, zieht es immer wieder dorthin zurück. Auch der Fotograf Nel hat dort das genaue Hinschauen gelernt, "die Materie der Dinge einfangen, ihre Falten, ihr Korn".

Eine Provinz und ihre Legenden

Die Menschen leben häufig seit Generationen in und um die Crau. So haben sich über ihre eigenen und die Leben ihrer Vorfahren die titelgebenden "Legenden" gebildet. Es braucht einen Außenstehenden, den Engländer Matt, um mit seinen Fragen Antworten zu provozieren, deren Vibrationen auch in der Gegenwart zu spüren sind.

Eigentlich will Matt, der mit Nel befreundet ist, einen Film drehen, in dem er die "Chu" porträtiert. Die Chu war seit Mitte der 60er-Jahre ein Treffpunkt, heute würde man sagen: eine angesagte Party-Location. Matt will mit seinem Film den Geist jener Zeit einfangen, die Unbekümmertheit und Freiheit der damals Jugendlichen. Doch im Laufe seiner Recherchen wandelt sich der Focus, das Projekt wird immer stärker eins über Nels Cousins Christian und Fabien: Zwei wilde, stolze Männer, die ganz nach ihren eigenen Vorstellungen lebten und zu denen der jüngere Nel bewundernd aufblickte.

Nels Familie lebte eher "eine Geschichte von Schafen", während er seine Cousins als Schmetterlinge sah. Dass Matt sich viele Jahre später so in seine Familiengeschichte drängt, irritiert Nel und führt zu Spannungen in ihrer Freundschaft.

Widersprüche und Verletzlichkeiten

Sylvain Prudhomme lässt abwechselnd Nel und Matt erzählen, dann wieder berichtet ein distanzierter Erzähler von ihren Gesprächen. Prudhomme rückt seinen Figuren nicht auf den Leib, zeigt sie mit all ihren Widersprüchen und Verletzlichkeiten, aber auch mit großer Empathie. Die Geschichte beruht auf einer realen Recherche des Autors – daher vielleicht die Nähe zu den Figuren.

"Legenden" hält auf zarte, humorvolle Weise Ideale hoch, die in globalisierten Social-Media-Zeiten fast altmodisch wirken, auf eine wohltuende Weise: Freundschaft, die Liebe zu einer Landschaft, die Lust am Leben. Der Roman fragt auch, was von einem Leben bleibt. Von Fabien bleibt Nel eine wichtige Maxime: "Wenn man etwas wirklich will, bekommt man es am Ende immer. Du wirst sehen, es stimmt."

Sylvain Prudhomme: "Legenden"
Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer
Unionsverlag, Zürich 2019
256 Seiten, 22 Euro

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