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Lesart | Beitrag vom 28.10.2019

Susanne Röckel: "Kentauren im Stadtpark"Die Kraft alter Mythen

Von Manuela Reichart

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Das Buchcover des Erzählbands "Kentauren im Stadtpark" von Susanne Röckel.
Susanne Röckel beschreibt den Abgrund, der in der modernen Wirklichkeit lauert. Die Sehnsucht nach der Kraft der alten Mythen und der Stärke, die jene Wesen aus der frem­den Welt immer noch haben.

So tief kann keine Psychotherapie je hinabsteigen: Sabine Röckel taucht in "Kentauren im Stadtpark" in die düsteren Abgründe der menschlichen Seele und trifft mythologische Wesen.

Sie stehen unter dem Bann rätselhafter Helden und Göttergestalten und wissen nicht recht, wie ihnen ge­schieht. In den drei Erzählungen, die Sabine Röckel in "Kentauren im Stadtpark" versammelt, befinden sich die Protagonisten (zwei Frauen und ein Mann) in Ausnahmesi­tua­tionen – und werden heimgesucht von düsteren Wesen und alten My­then.

Im Vorwort schreibt die kluge Autorin: "Sirenen und Kentauren sind nicht untergegan­gen", ihr selbst seien sie "Wegweiser und Werkzeug auf dem Weg zu je­nem Anderen der Realität, genannt Literatur."

Variation von Herkales und seiner Frau

Eine Frau erfährt vom Betrug des Ehemannes, einem Mittsechziger, der einem Herkules gleich enorme Kräfte und einen regen Verschleiß an jungen Frauen hat. Dieses Mal ist der Betrug jedoch schwerwiegender als früher. Sie erinnert sich deswegen an das stin­kende Hemd, das ihr vor vielen Jahren in die Hand gedrückt worden war nach einer schreckli­chen Vergewaltigung. Es habe Zauber­kräfte, hatte man ihr gesagt, könne die ewige Liebe sichern.

Span­nend und virtuos verschachtelt erzählt Röckel hier eine Varia­tion von Herakles und seiner Frau, die von einem Kentaur übers Wasser getragen und sexuell bedrängt wird. Üb­rig bleibt im Mythos wie in dieser Geschichte jenes Hemd des Täters, das sich am Ende ganz und gar nicht als Liebeszaubermittel er­weist. Die schwarze Magie ist stärker als der helle Wunsch.

Sehnsucht nach der Kraft alter Mythen

Susanne Röckel beschreibt den Abgrund, der in der modernen Wirklichkeit lauert. Die Sehnsucht nach der Kraft der alten Mythen und der Stärke, die jene Wesen aus der frem­den Welt immer noch haben. Sei es der titelgebende Kentaur, das vor Erotik strot­zende Mensch-Pferd-Wesen, oder seien es die riesigen Vögel aus der Unterwelt, mit de­ren Hilfe ein von Schuldge­fühlen geplagter Lehrer sich endlich von seiner verstorbenen Frau lossagen kann.

Der brave Mann versteht ebenso wenig, was ihm im italieni­schen Trauerurlaub geschieht, wie er damals begriffen hatte, warum seine schöne Kommilito­nin gerade ihn begehrte. Überhaupt ist es stets die Liebe, die irrational und übermächtig ist.

In der dritten Erzählung verwandelt die Autorin "Daphne und Apoll": Eine selbstsi­chere Theolo­gin kennt sich plötzlich nicht mehr aus in ihrer Arbeitswelt. Bedroht von der Macht der Erotik, verwandelt sie sich in einen Baum.

Reise in die düsteren Abgründe der Seele

Es sind aber keine Traumbilder oder Hirngespinste, mit denen wir in "Kentauren im Stadtpark" konfrontiert werden. Die Wesen aus der dunklen Welt gehö­ren zwar nicht in unseren von Vernunft geprägten Alltag, aber das besondere Vermögen der Autorin besteht da­rin, ebenso selbstver­ständlich wie kunstvoll von der Zwangsläufigkeit und Sinnhaf­tigkeit der alten Mythen zu erzählen.

Atemlos folgt man ihr in die düsteren Abgründe der Seele, in die keine Psychotherapie je hinabsteigen kann.

Susanne Röckel: "Kentauren im Stadtpark". Drei Erzählungen
Verlag Jung und Jung, Salz­burg, 2019
221 Seiten, 23 Euro

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