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Buchkritik | Beitrag vom 09.03.2020

Susan Neiman: „Von den Deutschen lernen“Erinnerungsarbeit hilft

Von Hannah Bethke

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Cover von Susan Neiman "Von den Deutschen lernen" vor einem Aquarell-Hintergrund ( Carl Hanser Verlag / Deutschlandradio)
Susan Neiman stellt die Frage: Wie sollten Gesellschaften mit dem Bösen der eigenen Geschichte umgehen? ( Carl Hanser Verlag / Deutschlandradio)

Wie gehen Gesellschaften mit verübten Unrecht um? Die in Berlin lebende amerikanische Philosophin Susan Neiman vergleicht die deutsche Erinnerungspolitik mit der Aufarbeitung der Sklaverei in den USA.

Wer sich mit der Geschichte der deutschen Vergangenheitsbewältigung beschäftigt, kennt das Gebot: Du sollst nicht vergleichen. Der Weltgeschichte mangelt es nicht an Diktaturen, Ausbeutung und Vernichtung. Wer jedoch, zumal als Deutscher, die Singularität des Holocaust in Frage stellt, läuft Gefahr, dessen Schrecken zu relativieren. Wie aber sieht es mit den Mechanismen der historischen Aufarbeitung aus? Kann die Vergangenheitspolitik einer Gesellschaft Modell für andere Gesellschaften mit ganz anderen kulturellen und historischen Kontexten sein?

Die Philosophin Susan Neiman weiß um die schwindelerregende Fallhöhe und wagt es trotzdem: "Von den Deutschen lernen", lautet der provokante Titel ihres neuen Buches, das schon im Untertitel sein politisches Ziel formuliert: "Wie Gesellschaften mit dem Bösen in ihrer Geschichte umgehen können."

Obwohl die deutsche Nachkriegszeit vor allem von Verdrängung und Verleugnung der eigenen Vergangenheit gekennzeichnet war und es Jahrzehnte dauerte, bis ein kollektives Gedächtnis wachgerufen und eine mehrheitsfähige Erinnerungskultur etabliert wurde, steht für Neiman unzweifelhaft fest, dass die deutsche Vergangenheitsaufarbeitung am Ende eine Erfolgsgeschichte war.

Aufarbeitung des Nationalsozialismus in beiden Deutschlands

Die Schauplätze, die Neiman wählt, entsprechen ihren eigenen Lebensstationen: Als jüdische Amerikanerin, die in den Südstaaten aufgewachsen ist und seit zwanzig Jahren das Einstein Forum in Potsdam leitet, stellt sie die deutsche Vergangenheitspolitik der historischen Aufarbeitung von Rassismus und Sklaverei in den Vereinigten Staaten gegenüber.

Susan Neiman, amerikanische Philosophin und Direktorin des Potsdamer Einstein-Forums, zu Gast bei Anne Will (imago images / Jürgen Heinrich) Susan Neiman, amerikanische Philosophin und Direktorin des Potsdamer Einstein-Forums (imago images / Jürgen Heinrich)

Besonders interessant – und besonders anfechtbar – ist Neimans Erörterung über die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Die Autorin bestreitet, es habe in der DDR keine selbstkritische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit gegeben; ganz im Gegenteil stehe der Osten in dieser Hinsicht sogar besser da als der Westen. Aber war die Rede vom verwirklichten Antifaschismus nicht bloß ein Mythos der DDR? Nicht mehr als die Entnazifizierung der Westdeutschen, glaubt Neiman. Am Ende aber stand ein wiedervereinigtes Deutschland, das auf einem vergangenheitspolitischen Konsens gründet.

Verdrängter Rassismus in den USA

Davon seien die Südstaaten noch weit entfernt. Neiman, die einst für Obama in den Wahlkampf gezogen ist, untersucht die strukturellen Versäumnisse in der Vergangenheitsaufarbeitung der USA, die bis heute dominierenden Verzerrungen und falschen Behauptungen in der Darstellung der Sklaverei, die Verleugnung des Rassismus, das fehlende Eingeständnis von Scham und Schuld für die eigenen Verbrechen. Ist das wirklich vergleichbar mit der anfänglichen Verdrängung der deutschen Vergangenheit? Und ist die Hoffnung berechtigt, die Amerikaner würden sich eines Tages ihrer rassistischen Geschichte stellen, weil es den Deutschen mit ihrer Vergangenheit ja auch gelungen ist? 

Neimans verblüffende Fragestellung ist eine Stärke des Buches. Man ist sofort irritiert und will mehr wissen. Doch leider schweift die Autorin auf den fast sechshundert Seiten zu oft ab. Sie lässt sich allzu schnell von ihren eigenen Eindrücken hinreißen und verfällt ins Anekdotische, das zur Veranschaulichung des Sachverhalts nicht nötig gewesen wäre. Dadurch droht ihre interessante und tiefschürfende, wenn auch provokante Analyse fast unterzugehen. Neiman hat ohne Zweifel ein sehr wichtiges Buch geschrieben – aber wenn sie ihre Studie auf spannende zweihundert Seiten komprimiert hätte, wäre der Gewinn für die Leser größer gewesen.

Susan Neiman: Von den Deutschen lernen. Wie Gesellschaften mit dem Bösen in ihrer Geschichte umgehen können
Aus dem Englischen von Christiana Goldmann
Hanser Berlin Verlag, Berlin 2020
576 Seiten, 28 Euro

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