Superhelden und Gespenster

Andy Hope in der Kestnergesellschaft in Hannover in seiner Ausstellung. © picture alliance / dpa
Von Carsten Probst · 22.02.2012
Die Pop Art lebt - auch 25 Jahre nach dem Tod des Meisters Andy Warhol. Die Kestnergsellschaft in Hannover zeigt ab Freitag neue Arbeiten des deutschen Comickünstlers Andy Hope: Phantome, Zeitmaschinen und Superhelden.
Die Pop Art ist tot, es lebe die Pop Art! Andreas Hofer ist ein Künstler, bei dem sich das Prinzip Hoffnung schon in den Künstlernamen eingeschrieben hat. Seit 2010 nennt sich der gebürtige Münchner nur noch Andy Hope 1930, als Anspielung zunächst auf den britischen Boxerpoeten und Dadaisten-Pionier Arthur Cravan, der sich als Pseudonym zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter anderem Dorian Hope nannte - und natürlich auf Andy Warhol, den Pop Art Großveteranen.

"Dann gibt's natürlich noch die Zahl, 1930, die das Ende des Konstruktivismus einerseits, der Moderne einerseits und der Beginn beziehungsweise der Aufstieg des Comics und des Superheldens. Und dieser Moment der Zeit, dieses Spiel mit der Zeit ist etwas, was in allen Arbeiten, die wir hier in der Ausstellung versammelt haben, eine Rolle spielt."

Sagt Kuratorin Antonia Lotz. Aber wie stellt man einen Künstler aus, bei dem sich mittlerweile alles ums Verschwinden dreht? So wie die Pop Art als Kunstphänomen in der Zeit verschwindet, so verschwinden auch die Bilder der Moderne. Welche Utopie bleibt noch, wenn sich im Zeitalter der rasenden Datenströme Kunst als ein hoffnungslos langsames Medium erweist, das doch eigentlich so gar nicht für das schnelle Vergessen gemacht ist?

Andy Hope hat einen Künstler-Trick gefunden, der auf verblüffend simple Weise funktioniert: Er radikalisiert quasi das Prinzip der Pop Art. So wie die Pop Art die Kunst im Konsumdenken verschwinden und wieder aufleben ließ, so lässt Andy Hope nun auch die Pop Art selbst in der Zeit verschwinden und wieder aufleben. Er löst sie auf in der Zeit, er schichtet und wiederholt die Motive der Moderne und der Comickultur, mixt sie wie Evergreens zu Medleys zusammen, nur dass es eben nicht um Musik, sondern um Bilder geht. Und siehe da: Es entsteht etwas Anderes, Eigenes, Anrührendes – fast so etwas wie ein melancholischer Blick auf die Vergänglichkeit, den man in dieser Ausschließlichkeit in der Gegenwartskunst gar nicht mehr gewohnt ist:

"Diese Medleys sind alle aufgetragen auf sogenannte Canvas Boards, vorgefertigte Pappen, die mit Leinwand überzogen sind, die man so als Standard-Größen kaufen kann. Es handelt sich oft um sehr leuchtende, kräftige Farben, und im Gegensatz zu seinem früheren Werk, wo es doch eher häufig doch sehr pastos aufgetragene, eher dunklere Töne waren und auch sich immer um individuelle Leinwand- und Blattgrößen gehandelt hat."

Mitunter sieht man nur leere Sprechblasen, dann wieder merkwürdig verfremdete Superhelden, die an Batman oder Superman erinnern, doch wild durcheinandergewürfelt, ohne Zusammenhang scheinbar, Bildhülsen, die unter der Einwirkung der Zeit sediert und gleichzeitig doch wieder vertraut sind. Superhelden, die die abgestürzten Kopien der Moderne irgendwie auffangen sollen und als Klischee wieder zur Erde zurücktragen. Auf der Wand gegenüber sieht man nur noch die Phantome von Bildern.

"Es handelt sich ja hier im Grunde um negative Schatten oder um 'weiße Schatten', häufig genannt, die an Objekte erinnern, an Gegenstände erinnern, die einmal dagewesen sind, also an Bilder, die vielleicht in einer Wohnung gehangen haben, und wenn man diese Bilder abnimmt und der weiße Fleck, der dann übrigbleibt, weil sich der Rest der Wand verfärbt hat über die Jahre, das sind im Grunde genommen die 'Phantome' oder ist das, was wir hier im Ausstellungsraum sehen in ihrer eigenen Form als vielleicht Ahnengalerie, dass sie also an etwas erinnern, das nicht mehr da ist. Oder dass wir auch nicht genau bestimmen können, wie es vielleicht einmal ausgesehen hat oder woher es kommt."

Im Nebensaal erhält man den intensivsten Eindruck der verschlingenden Zeittiefen, die Andy Hope an den Betrachter heranträgt. Längliche Röhren mit schwarzen Quadraten als Öffnung, in die man durch kleine Bilderrahmen hineinschauen kann. Ein Zitat natürlich zunächst von Kasimir Malewitschs "Schwarzem Quadrat", das sich seinerzeit im Grunde genau dieselbe Frage nach der Zeitlichkeit der Kunst stellte wie Andy Hope heute gut hundert Jahre später. Aber blickt man nun in diese Röhren hinein, dann öffnet sich nur ein scheinbar unendlicher schwarzer Raum, eine vierte Dimension, ein schwarzes Loch der Kunst. Ein ungutes Gefühl breitet sich aus, ein Gefühl von Haltlosigkeit. Will Andy Hope hier wieder einmal die Geste vom Tod der Kunst bemühen?

Nein, ganz so pathetisch soll es am Ende dann doch nicht zugehen. In der Mitte des Hauptsaales wartet eine Art Paravent aus Holz- und Glaswänden, der an eine Art Reisekoje erinnert – und es wohl auch ist. Und er erinnert an Marcel Duchamps transportables Museum, jenes Boîte-en-Valise, bei dem man die Bilder einfach einsammelt und mitnimmt auf die Zeitreise. Solch listige Lösungen, der alles verschlingenden Zeit ein Schnippchen zu schlagen, vermag wohl nur die Kunst zu bieten. Auch wenn wir nicht genau wissen, wie es funktioniert. Das Prinzip Hoffnung, dem Andy Hope sich verschrieben hat, gilt. Und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
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