Andy Warhols Zögling

David LaChapelle: "Intervention", aus der Serie "Jesus is My Homeboy", 2008 © David LaChapelle Courtesy Fred Torres Collaborations; Galerie Rafael Jablonka, Köln
Von Anette Schneider · 23.02.2011
In den 90er-Jahren stieg er auf zu dem Pop-Fotografen schlechthin. Jahrelang arbeitete David LaChapelle für die großen internationalen Musik- und Modemagazine. Stars und Sternchen rannten ihm die Tür ein. Nun zeigt die Kestner-Gesellschaft Hannover unter dem Titel "Earth Laughs in Flowers" neue Arbeiten.
Ob Pop-Stars, Models oder Louis-Vuitton-Taschen: David LaChapelle präsentierte die Produkte stets in grellen, überbordenden und sehr glatten Inszenierungen. Und weil alles so schön schrill anzusehen war und niemandem weh tat, rannten ihm die Stars sein Atelier ein: Madonna und Pamela Anderson. David Beckham und Paris Hilton. Jeff Koons und Britney Spears.

Ob David LaChapelle Courtney Love als Marienfigur zeigt, oder Pamela Anderson aus einem Ei schlüpfen lässt - stets stieß in seinen Inszenierungen Leere auf Leere: Hauptsache Stars, Sternchen oder Luxusklamotten sahen in den sorgfältig nachgebauten Taifun- und Waldbrandlandschaften gut aus.

Vor ein paar Jahren hatte der heute 47-Jährige dann genug von diesem Geschäft. Er zog sich zurück nach Hawai, blickte über den Tellerrand der Luxus-Glitzerwelt, und kam zu der Erkenntnis:

"Wir leben in einer sehr unsicheren Zeit. Und als Künstler und Mensch sollten wir das ansprechen, und uns in unserer Arbeit damit beschäftigen. Ich finde nicht, dass sich viele zeitgenössische Künstler mit diesen Problemen beschäftigen, die uns als Menschheit angehen. Kunst sollte reflektieren, was in der Welt geschieht. Und ich versuche, das in meinen Bildern zu tun: aufzuklären. Und zwar in sehr klarer Weise. Das ist mein Ziel."

Und das sieht dann so aus: Raumfüllend versammelt LaChappelle ein gewaltiges fotografisches Sammelsurium von Mensch und Tier. Auf Wellpappe gedruckt und ausgeschnitten stehen und liegen da goldene kopulierende Schweine, nackte Menschen mit klinisch reinen Edelkörpern in lasziven Posen, darunter ein Farbiger, der sich auf Damien Hirsts Brilliantenschädel räkelt.

Paris Hilton schlendert mit einem Leoparden durch die Szene. Figuren verschwinden unter umstürzenden Harfen und antiken Säulen. Es wimmelt von kunsthistorischen Verweisen, von Goldstücken, Torten, Drogen und leeren Champagnerflaschen. Aach ja, und irgendwo flackert auch noch die Hölle auf.

Ganz schön dekadent das Ganze. Und so heißt die 2008 entstandene Arbeit denn auch - "Decadence". Kuratorin Kristin Schrader:

"Er ist ja sozusagen Zögling von Andy Warhol. Er hat ja in den 80er-Jahren angefangen, für das Magazin 'Interview' zu arbeiten, und ist auch dieser Prämisse von Warhol gefolgt: Du kannst alles machen, Hauptsache die Leute sehen gut aus. Und das macht er ja auch wirklich. Ich glaube, er folgt der Pop Art im besten Sinne: Er möchte nämlich allgemeinverständlich sein. Er will mit seiner Kunst niemanden abstoßen, niemanden überfordern, sondern die Leute sollen sich angesprochen fühlen."

Aber war da nicht von "Aufklären-wollen" die Rede?

Im zweiten Saal hängen großformatige Blumenstilleben: riesige Tulpen und Lilien welken schön vor sich. Zwischen den Blumen liegen Handys herum, Süßigkeiten, und diverse Vanitas-Symbole. So wirklich in die Tiefe gehen auch diese Bilder über das Wohlleben und die Vergänglichkeit des Lebens nicht.

Wo also erfährt man etwas über die von dem Fotografen konstatierten ökologischen und ökonomischen Probleme?

"Ich denke, die sind Teil unserer Evolution. Wir haben die Probleme geerbt. Alles, was wir tun können, ist: Es uns immer wieder bewusst zu machen. Und für mich als Künstler bedeutet das, dass ich die klarsten und deutlichsten Bilder mache, die ich machen kann. Bilder, die die Leute verstehen, die sie berühren und bewegen. Das ist meine Aufgabe als Künstler."

Ja. Das hatten wir schon. Nur war da vor lauter Plakativität und Klarheit nichts zu sehen als glatte Oberfläche.

Aber eine Serie steht auch noch aus. "Jesus my Homeboy", was soviel heißt wie "Jesus mein Kumpel", deren Hauptperson bei LaChapelle einem Abziehbild der evangelikalen Kirche gleicht: Da sieht man einen ätherischen langhaarigen Mann in langem Hemd, mit verklärtem Blick und stets geweiteten Armen zwischen Jugendlichen in supercooler Sport- und Freizeitkleidung . Mal beim Abendmahl in einem engen Wohnzimmer, mal im Gespräch auf der Straße, oder bei der Begutachtnug seiner Wundmale in einem kahlen Zimmer.

Religion als Lösung aller Probleme?

"Ich denke, die Vorstellung von Liebe, von Vergebung, die Überlegung: 'Ist Geld der Ursprung alles Bösen?' - wenn das religiös ist, dann vermute ich, bin ich religiös, denn ich beschäftige mich mit diesen Fragen."

Die Evolution als Ursache für politische und gesellschaftliche Probleme. Liebe als deren Lösung. - Soviel zur Aufklärung.

In LaChapelles grell-popigen Inszenierungen ist auch sie eben nichts weiter als eine leere Hülle, wie es der Pop Art nun einmal entspricht. Und wie es die von LaChapelle zum Teil großartig in Szene gesetzten Stars und Sternchen waren. Und wie es die gerade in Sankt Moritz vorgestellten neuesten Werbeaufnahmen für den Luxuswagenhersteller Maybach sind. Bildgewaltig kreist stets alles um - nichts.