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Interview / Archiv | Beitrag vom 31.07.2017

Suche nach außerirdischen LebensformenIrgendwas mit Kohlenstoff

Tilman Spohn im Gespräch mit Dieter Kassel

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Die Aufnahme im Weltall zeigt, wie sich eine Sojus-Kapsel der Internationalen Raumstation annähert. (dpa / picture alliance | NASA)
Wo verspricht die Suche nach Signalen von Außerirdischen am ehesten Erfolg? Dieser Frage widmet sich etwa der Wissenschaftler Tilman Spohn. (dpa / picture alliance | NASA)

Gibt es außerirdisches Leben? Diese Frage treibt nicht nur Freunde der Science Fiction um, sondern Wissenschaftler auf der ganz Welt. Der Astrophysiker Tilman Spohn erklärt, wonach Forscher eigentlich suchen.

Computersimulationen haben gezeigt, dass auf bis zu zehn Milliarden Planeten unserer Galaxie Leben exisitieren oder sich zumindest entwickeln könnte. Große Hoffnungen, dass sich darunter eine Art zweite Erde mit intelligentem Leben finden ließe, hat der Astrophysiker Tilman Spohn nicht.

Der Leiter des Instituts für Planetenforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Berlin sagte im Deutschlandfunk Kultur: "Wir suchen nach dem, was sozusagen am wahrscheinlichsten ist, was wir am wahrscheinlichsten finden würden." Und das seien nun mal Mikroben, also "sehr primitive Lebensformen". Auch auf der Erde habe es weit überwiegend nur ganz einfaches Leben gegeben. Der Mensch hingegen mache lediglich ein Millionstel der Zeit der Erdentwicklung aus.

Silizium weniger wandlungsfähig als Kohlenstoff

Die Suche nach außerirdischem Leben wirft Spohn zufolge auch die grundsätzliche Frage auf, was Leben eigentlich ausmacht: "Wir haben keine gute Definition, was Leben eigentlich ist. Es gibt da verschiedene Kriterien, die man anwenden könnte, aber zum Beispiel, dass ein Wesen selbst lernen kann, das können zum Beispiel auch Computerprogramme. Also insofern ist das ein bisschen schwierig."

Biologisch gesehen brauchte man unserem Verständnis von Leben ein Fluid, das gut Nährstoffe transportieren und aufnehmen kann. "Und das ist eine Eigenschaft von Wasser." Außerdem brauche man ein Atom, das gut komplexe Moleküle bilden könne. "Und das ist Kohlenstoff." Das auch in der Diskussion stehende Silizium sei hingegen weniger wandlungsfähig. "Insofern ist das schon die beste Annahme, die man haben kann, dass man sagt, es sollte Kohlenstoff sein."

(uko)

Das Gespräch mit Tilman Spohn ist Teil der Sommerreihe "Ferne Welten - Auf der Suche nach Leben im All" vom 31.07. - 05.08.2017 in unserer Sendung "Studio 9".


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Jeden Tag sprechen wir ab heute in unserer Serie mit Wissenschaftlern, die auf der Suche sind nach außerirdischen Lebensformen, wobei – Formen ist ja schon das Stichwort. Außerirdisches Leben, das ist ja gar nicht eindeutig definiert. Klar ist uns, glaube ich, allen, dass Wissenschaftlern nicht nach grünen Männchen mit Antennen am Kopf suchen. Aber wonach denn eigentlich konkret sonst? Wir wollen einige grundsätzliche Fragen jetzt zum Auftakt unserer Reihe klären, und zwar mit Tilman Spohn, der Astrophysiker ist, Leiter des Instituts für Planetenforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Berlin. Herr Spohn, schönen guten Morgen!

Tilman Spohn: Guten Morgen!

Kassel: Wenn ein seriöser Wissenschaftler nach Außerirdischen sucht, nach was sucht er dann genau?

Spohn: Nach Mikroben, also nach sehr primitiven Lebensformen. Wir suchen nachdem, was sozusagen am wahrscheinlichsten ist, was wir am wahrscheinlichsten finden würden. Und wenn wir uns die Erdgeschichte angucken, dann müssen wir ja feststellen, dass wir Menschen nur etwa ein Millionstel der Zeit der Erdentwicklung ausmachen in unserer Zeit, seitdem es uns Menschen gibt, ganz einfaches Leben aber seit drei Milliarden, dreieinhalb Milliarden Jahren existiert.

Also suchen wir auch in anderen Planeten zunächst mal nach sehr einfachem Leben. Natürlich würde es schon sehr spannend sein, eine zweite Erde zu finden und auch dort intelligentes Leben zu finden, aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist sehr viel geringer als für sehr einfaches Leben. Deshalb suchen wir zunächst mal danach.

Keine gute Definition, was Leben ausmacht

Kassel: Das heißt aber doch auch, dass wir alle, auch die Wissenschaft, schon sehr stark davon ausgehen, dass sich auch Leben außerhalb der Erde sehr ähnlich entwickelt haben muss wie das Leben auf der Erde?

Spohn: Das ist eine der Schwierigkeiten natürlich bei dieser ganzen Geschichte, denn wir haben zunächst mal, muss man sagen, für unser Leben auf der Erde, wir haben keine – oder sagen wir mal so, wir haben keine gute Definition, was Leben eigentlich ist. Es gibt da verschiedene Kriterien, die man anwenden könnte, aber zum Beispiel, dass ein Wesen selbst lernen kann, das können zum Beispiel auch Computerprogramme. Also insofern ist das ein bisschen schwierig.

Aber wir sagen dann halt, wir suchen nach Leben, wie wir es von der Erde kennen, als einfachste Annahme, wissen aber, dass es möglicherweise auch andere Lebensformen geben könnte. Nur wissen wir nicht, wie wir die entdecken würden. Also suchen wir nach Lebensformen, wie wir sie von der Erde kennen, oder zumindest ähnlich dem. Wir können uns natürlich auch vorstellen, dass die Rolle von Wasser, wie wir es von Lebewesen von der Erde kennen, ersetzt werden könnte durch andere Flüssigkeiten, aber das ist immer in gewisser Weise erdähnliches Leben, und das suchen wir zunächst mal.

Kohlenstoffbasis als "beste Annahme"

Kassel: Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn ich als Laie zur Wissenschaft, an Astrophysiker natürlich, aber auch Biologen, sage, na ja, aber diese Idee, man braucht Wasser, es muss alles auf Kohlenstoffverbindungen basieren, das muss doch nicht so sein, dann haben die immer gesagt, nein, das ist Quatsch, also das ist Science Fiction, es müsste eigentlich schon so sein. Inzwischen habe ich auch vom sogenannten "Siliziummenschen" gehört. Ich meine, diese Wortverbindung ist etwas absurd, wegen "Mensch", aber sie wissen, was ich meine. Also, dass es Kohlenstoff und Wasser sein müssen als Voraussetzung, ist doch nicht hundertprozentig gegeben?

Spohn: Na ja, sagen wir mal so, das Verständnis, das wir von Leben haben, ist, dass Sie auf der einen Seite ein Fluid brauchen, was Nährstoffe gut transportieren kann und sehr gut Nährstoffe aufnehmen kann, und das ist eine Eigenschaft von Wasser. Es gibt keine andere Flüssigkeit, die das so gut kann wie Wasser. Das ist das eine. Und dann brauchen Sie ein Atom, das sehr gut komplexe Moleküle bilden kann, und das ist Kohlenstoff. Silizium hat ähnliche Eigenschaften, ist aber nicht so versatil, ist nicht so wandlungsfähig wie Kohlenstoff. Aus dem Grund ist Kohlenstoff schon das wahrscheinlichste Element für komplexe molekulare Strukturen, die man ja letztendlich braucht, um Leben zu machen. Insofern ist das schon die beste Annahme, die man haben kann, dass man sagt, es sollte Kohlenstoff sein.

Reicht der Zeitraum nicht, um sich zu treffen?

Kassel: Nun gibt es ja gewisse Formeln sogar, nachdem man schon errechnet hat, wie wahrscheinlich außerirdisches Leben ist, auch intelligentes, und es gibt dann immer wieder Gegner, die ganz simpel sagen, na ja, wenn es da draußen ist, warum begegnen wir ihm nicht. Wir finden es nicht, die finden uns nicht. Es gibt eine neue Erklärung dafür, die mir halbwegs einleuchtet, die indirekt sogar was mit dem Klimawandel zu tun hat. Immer mehr Wissenschaftler sagen, na ja, vielleicht ist es grundsätzlich so, dass intelligente Zivilisationen nur einige Tausend Jahre überleben und dass dieser Zeitraum einfach nicht reicht, um sich gegenseitig zu treffen. Ist das für Sie eine mögliche Erklärung dafür?

Spohn: Dass der Zeitraum nicht reicht, um uns zu treffen, das kann ich mir schon vorstellen, und zwar einfach deshalb, wenn man sich von der Erde ausgehend überlegt, wie lange es gedauert hat, bis sich menschliches Leben entwickelt hat, dann waren das halt fast 4,5 Milliarden Jahre. Und wenn wir jetzt weiter nach draußen gucken, gucken wir ja in der Zeit zurück. Natürlich sehen wir da auch Sternen- und Planetensysteme, die älter sind. Aber wir sehen nicht sozusagen einen Planeten, ein Planetensystem zu allen Zeiten, sondern wir sehen den immer nur zu einem bestimmten Zeitpunkt wegen der Endlichkeit der Ausbreitungsgeschwindigkeit, der Lichtgeschwindigkeit. Das ist ein Problem.

Auf der anderen Seite kann man natürlich argumentieren, wie Sie es jetzt auch getan haben, dass möglicherweise eine menschliche Zivilisation nur eine bestimmte Zeit leben kann. Das ist natürlich eine etwas unschöne Perspektive für uns. Und es gibt da auch Gegenüberlegungen. Man kann sagen, das Leben entwickelt sich immer weiter und geht auf immer höhere Stufen und wird das irgendwie schon bewerkstelligen. Das wissen wir im Augenblick nicht. Da kann man spekulieren, kann sagen, wie der Hawking das zum Beispiel macht, dass wir nur noch – was hat er gesagt? – hundert Jahre oder so was haben. Dann wäre es in der Tat so, dass wir dann nur ein kleines Fenster sehen würden, und dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir so was entdecken, natürlich sehr gering.

Wo in unserem Sonnensystem gibt es sonst noch Leben?

Auf der anderen Seite – deshalb suchen wir ja halt zunächst mal nach primitivem Leben. Primitives Leben existiert auf jeden Fall sehr viel länger, und für uns Wissenschaftler wäre das zunächst mal der erste Schritt, dass wir sagen könnten, Leben existiert zumindest in primitiver Form auch an anderen Plätzen in unserem Universum. Da können wir mit der Suche ja schon im Sonnensystem anfangen. Da können wir Mars gucken, also Europa, Enceladus, das sind die wahrscheinlichsten Plätze für Lebensformen in unserem Sonnensystem. Wir können da schon mal gucken. Und dann natürlich auch uns überlegen, welche Biosignaturen denn auf weiter entfernten Planeten zu beobachten wären, auch erzeugt durch primitives Leben, und könnten danach suchen.

Kassel: Enceladus, einer der Jupitermonde.

Spohn: Enceladus ist ein Saturnmond, Europa ist ein Jupitermond.

Kassel: Jetzt bringe ich schon die Planeten durcheinander. Wir wissen ja auch gar nicht, wo dann am Ende jemand lauert. Herr Spohn, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch. Es blieben natürlich viele Fragen offen, aber es ja Anfang der Woche. Wir werden noch mit vielen Ihrer Kollegen darüber reden. Danke für heute!

Spohn: Schönen Tag!

Kassel: Ja, wünsche ich Ihnen auch. Tilman Spohn war das. Er ist der Leiter des Instituts für Planetenforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Das war der Auftakt unserer Serie "Ferne Welten", die wir fortsetzen werden mit vielen anderen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, mit einem ehemaligen deutschen Astronauten und, und, und. Sie finden eine Übersicht darüber natürlich im Internet, im irdischen Internet unter deutschlandfunkkultur.de. Auch da gibt es unsere Serie  "Ferne Welten".

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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