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Sein und Streit | Beitrag vom 22.09.2019

Stück über menschliche AbgründeKlatschen bis zum Erschöpfungstod

Von Günter Kaindlstörfer

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Eine Illustration zeigt klatschende Hände in den Farben grün, weiß und schwarz auf rotem Grund. (imago images / Ikon Images / Otto Dettmer)
Dem "Führer des Weltproletariats" wird so lange applaudiert, bis erste Erschöpfungstote zu beklagen sind: Eine Geschichte, die Michael Köhlmeier auf die Spitze getrieben hat. (imago images / Ikon Images / Otto Dettmer)

Misstrauen, Verrat, Unterwerfung - in ihrem neuen Buch „Der werfe den ersten Stein“ erkunden Konrad Paul Liessmann und Michael Köhlmeier menschliche Abgründe. In Wien haben sie ihren philosophisch-literarischen Dialog auf die Bühne gebracht.

Angewandte Philosophie im besten Sinne ist es, was Michael Köhlmeier und Konrad Paul Liessmann da im "Radiokulturhaus Wien" bieten. Das Prinzip ist einfach: Michael Köhlmeier, der virtuose Erzähler, gibt eine Geschichte zum Besten, einen Text mit dem Titel "Unterwerfung" zum Beispiel, anschließend schreitet Konrad Paul Liessmann zur philosophischen Vertiefung.

"Es war einmal ein Parteitag", hebt Köhlmeier an. "Der wurde weit weg von der Hauptstadt abgehalten, zum Schluss las der Vorsitzende eine Grußbotschaft des Genossen Josef Stalin vor. Da hoben sich alle von ihren Plätzen und klatschten – und hörten nicht auf. Denn wer würde der Erste sein, der aufhörte? Was würden seine Gründe sein? Verdiente die Grußbotschaft des Genossen Stalin nur ein kleines Klatschen? Was würde der Erste, der die Hände in die Taschen steckte und sich setzte, damit zum Ausdruck bringen wollen? Dass es da etwas gab, was am Genossen Stalin zu kritisieren wäre? Nein, keiner dachte daran, mit dem Klatschen aufzuhören."

Michael Köhlmeier spinnt in diesem Text eine verbürgte Geschichte weiter, die Alexander Solschenizyn im "Archipel Gulag" erzählt: die Geschichte eines KPdSU-Provinzparteitags im Jahr 1937, auf dem eine halbe Ewigkeit lang niemand mit dem Klatschen aufhört, bis es dem Direktor der örtlichen Papierfabrik zu dumm wird: Er beendet die Akklamation und lässt sich, nachdem er dem Genossen Stalin seinem Gefühl nach ohnehin ausgedehnt gehuldigt hat, in seinen Sessel sinken. Die Folgen: Verdammung zu zehn Jahren Arbeitslager.

Besinnungslose Unterwerfung

Köhlmeier treibt Solschenizyns Geschichte ins Aberwitzig-Bizarre weiter: Bei ihm wird dem "Führer des Weltproletariats" so lange applaudiert, bis erste Erschöpfungstote zu beklagen sind. Konrad Paul Liessmann:

"In diesem grotesken Bild bündeln sich die Konturen der Unterwerfung. Sie machen den Menschen nicht nur zur Funktion eines fremden Willens, sie rauben ihm seine Würde gerade dann, wenn diese Unterwerfung nicht durch offene Androhung von Gewalt erzwungen, sondern durch innere Zustimmung hergestellt wird. Das Erhabene einer ehemals revolutionären Bewegung kippt in dieser Szene ins Lächerliche besinnungsloser Unterwürfigkeit."

In ihrem gemeinsamen Buch "Der werfe den ersten Stein", das sie in Wien vorstellen, befassen sich Köhlmeier und Liessmann mit den dunklen, den abgründigen Seiten der menschlichen Seele. Die philosophisch-literarischen Geschichten des Bands – zwölf an der Zahl – tragen Titel wie "Misstrauen", "Niedertracht", "Betrug", "Verrat" – und eben "Unterwerfung".

"Schon Immanuel Kant waren Menschen, die sich freiwillig unterwerfen, ihr Knie vor falschen Göttern beugen, verächtlich erschienen", betont Liessmann.

Gleichklang durch Sozialkredit

Manchmal freilich bleibt den der Macht Unterworfenen nichts anderes übrig, als sich zu fügen, zumindest, wenn sie überleben möchten. Die Innovationen des 21. Jahrhunderts bieten autokratischen und diktatorischen Systemen diesbezüglich völlig neue Möglichkeiten - Unterwerfung 2.0, wie Konrad Paul Liessmann deutlich macht:

"Es wundert wenig, dass China, das letzte zumindest formell noch kommunistische Großreich dieser Erde, die Zeichen der Zeit erkannt hat und das uniforme Klatschen auf den Parteitagen der kommunistischen Partei Chinas mittlerweile durch ein digitales Sozialkreditsystem ergänzt, das dieses Prinzip von Gleichklang durch Beobachtung und Denunziation zur einer alltäglichen Verrichtung und Begleitung macht.

Jede Abweichung von einer Norm wird von digitalen Assistenten beobachtet, gemeldet, bewertet und mit fein abgestuften Sanktionen versehen. Das Klatschen wird dem technischen Fortschritt angepasst - auch die Unterwerfung wird auf diese Weise smart."

Wer nicht klatscht, wird abgewatscht

Es muss nicht immer China sein. Zwischen Pjöngjang und Ankara gibt es auch andernorts Regime, die enthusiastische Akklamation für ihre Führer einfordern und Beifallsverweigerung als Symptom bedenklicher subversiver Devianz ahnden. Wer weiß, spekuliert Konrad Paul Liessmann in seinem Schlusswort, vielleicht kommen in näherer oder fernerer Zukunft noch ein paar Regionen dazu:

"Wir haben mit dem Klatschen noch immer nicht aufgehört. Manchmal hat man sogar den Eindruck, dass wir erst jetzt so richtig damit beginnen. Sie dürfen klatschen."

Michael Köhlmeier, Konrad Paul Liessmann: Der werfe den ersten Stein. Mythologisch-philosophische Verdammungen
Hanser, München 2019
224 Seiten, 20 Euro

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