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Interview | Beitrag vom 25.09.2018

Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche"Niemand sieht Anlass, persönliche Schuld zu bekennen"

Christiane Florin und Jörg Fegert im Gespräch mit Axel Rahmlow

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Das Foto zeigt von links nach rechts Harald Dreßing, Professor am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, und Stephan Ackermann, Bischof von Trier und Beauftragter für Fragen des sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Bereich. (dpa)
Die Studie wurde bei der Deutschen Bischofskonferenz vorgestellt, in der Bildmitte: Kardinal Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. (dpa)

Die Deutsche Bischofskonferenz hat eine Studie zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche vorgestellt. Doch die darin genannten Zahlen von Missbrauchsfällen lägen in Wirklichkeit deutlich höher, sagt Kinderpsychiater Jörg Fegert.

Laut einer neuen Studie wurden von 1946 bis 2014 in Deutschland 3677 Kinder und Jugendliche Opfer sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche. Mehr als die Hälfte der Opfer waren männlich (60 Prozent). Die Betroffenen leiden demnach oft über Jahrzehnte schwer unter den Folgen, rund ein Drittel gibt an, deswegen Schwierigkeiten in sexuellen Beziehungen zu haben. Auftraggeberin der Studie ist die Deutsche Bischofskonferenz.

Früher wurden systemische Ursachen noch bestritten

Die Studie gehe überraschend offen mit den Ursachen sexuellen Missbrauchs um, meint Christiane Florin, Redakteurin für Religionsthemen beim Deutschlandfunk Kultur und zieht einen Vergleich mit dem Jahr 2010, als das Thema erstmals groß in den Medien war. "Da wurden ja diese systemischen Ursachen noch bestritten. Da wurde gesagt: Ja, das sind bedauernswerte Einzelfälle, aber das hat mit der katholischen Kirche insgesamt nichts zu tun." Das gehe nun nicht mehr. "Jetzt steht schon eine Debatte über Klerikalismus an, eine Debatte über den Zölibat."

Allerdings sei die Studie anonymisiert. "Man kann nicht einmal die einzelnen Bistümer voneinander unterscheiden", sagt Florin. Niemand sehe Anlass, persönliche Schuld zu bekennen. Es habe nur allgemeine Schuldbekenntnisse gegeben, wie die von Kardinal Marx. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz sagte wörtlich: "Ich schäme mich für das Vertrauen, das zerstört wurde."

"Es gibt sehr, sehr viel mehr Betroffene"

Bereits im Sommer wurde eine repräsentative Studie mit 2500 Personen durchgeführt - zu ihren Erfahrungen sexuellen Missbrauchs in Kindheit und Jugend durch Geistliche beider Konfessionen. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass hochgerechnet zwischen 200.000 und 300.000 Menschen Opfer von sexueller Gewalt wurden. Jörg Fegert, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Ulm, hat diese Studie geleitet.

Zur Studie der Bischofskonferenz sagt er: "Man darf aber nicht sagen, 3500 Fälle, das ist jetzt die Realität. Das ist die amtsbekannte Realität. Es gibt sehr, sehr viel mehr Betroffene."

Es gehe um ein gesamtgesellschaftliches Problem. "Wir haben Missbrauch in Sportvereinen in einer ähnlichen Dimension, wir haben Missbrauch in Chören, in allen Bereichen, wo wir im sozialen Nahfeld sind und wo Erwachsene Verantwortung für Kinder übernehmen.

(mhn)

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