Dienstag, 21.05.2019
 

Tonart | Beitrag vom 20.02.2019

Studie über popkulturelle KanonisierungMillennials erkennen am besten Oldies

Christoph Jacke im Gespräch mit Mascha Drost

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Eine Jugendliche trägt einen orange-farbenen Kopfhörer. (Unsplash / Anh Le)
Popsongs aus den Jahren 1960 bis 1990 identifizieren Millennials laut einer US-Studie am besten. (Unsplash / Anh Le)

Simon and Garfunkel, die Beatles – kaum zu glauben, aber 18- bis 25-Jährige erkennen am besten Songs aus der goldenen Ära das Pop. Gibt es heute keine einprägsamen Hits mehr? Das wollten wir von dem Popforscher Christoph Jacke wissen.

Mascha Drost: Seit 1968 geht das "lai-la-lai" von Simon and Garfunkel ins Ohr, und zwar nicht nur denjenigen, die mit dieser Musik großgeworden sind, sondern auch deren Enkeln, den sogenannten Millennials. Millennials, das sind jene um die Jahrtausendwende Geborenen, über die schon viel geforscht wurde, und dabei interessierten sich Studien vor allem für die soziologische Charakterisierung, für politisches Bewusstsein, Werteverständnis et cetera. Jetzt aber haben Forscher der New York University versucht, herauszufinden, welche Musik in den Ohren der Millennials hängenbleibt, und das sind Songs aus den 60er- bis 90er-Jahren. Die erkennen 18- bis 26-Jährige am besten, zumindest die, die für die Studie der New York University befragt wurden.

Woran liegt das? Das will ich jetzt mit Professor Christoph Jacke besprechen. Er ist Studiengangsleiter populärer Musik und Medien an der Universität Paderborn und erster Vorsitzender des deutschsprachigen Zweigs der International Association for the Study of Popular Music. Herzlich willkommen!

Christoph Jacke: Ich grüße Sie!

Drost: Herr Jacke, bei Studien ist ja immer gewisse Vorsicht geboten, gerade bei solchen, aus denen sich dann knackige Schlagzeilen generieren lassen. Wie ist das hier? Ist diese Studie aussagekräftig?

Jacke: Ich würde sagen, bei knackigen Schlagzeilen ist Vorsicht geboten. Die Studie schein relativ sauber gearbeitet zu sein, aber sie ist – und das sagen die Autoren aus New York auch – klar begrenzt auf das Gefühl der Erinnerungen bei dieser Zielgruppe 18- bis 25-Jähriger in dieser konkreten Befragung. Also daraus zu pauschalisieren, ist sicherlich eher problematisch.

Drost: Aber Knackpunkt der Studie ist ja, dass die 18- bis Mitte 20-Jährigen Popsongs aus der sogenannten goldenen Ära das Pop am besten identifizieren, also aus der Zeit zwischen 1960 und 1990. Woran liegt das? An der Generation oder an der Musik?

Studie über die Erinnerung popkultureller Phänomene

Jacke: Auch das muss man ein bisschen korrigieren. Diese psychologische Studie sagt lediglich, dass gegenüber anderen kulturellen Phänomenen – Sie haben es genannt, Politik et cetera – die Erinnerung gewissermaßen nicht graduell nachlässt, sondern auf einem Plateau in den 60er- bis 90er-Jahren liegt – bei großer Streuung. Also die Leute unterscheiden auch da zwischen sehr vielen Songs.

Jetzt kann man fragen: Warum erinnern sich 18- bis 25-Jährige heute an diese Songs oder meinen sie zu erinnern? Da kann man ansetzen und nach Medien, nach Gesellschaft, nach Popmusikkonsum fragen.

"Die popmusikalische Landschaft ist total ausdifferenziert"

Drost: Also das heißt, die Oldies werden einfach öfter gespielt?

Jacke: Das müsste man jetzt befragen. Das haben die Psychologen nicht gemacht. Die Frage ist sozusagen genau auf der Anbieterseite: Wer bietet diesen jungen Menschen welche Songs an? Hier wurde es abgeglichen mit Spotify, bekanntermaßen ein großer Anbieter, der aber natürlich nicht alles anbietet. Das war so eine Art Rückversicherung der Studie.

Aber weg von der Studie: Natürlich ist die popmusikalische Landschaft eigentlich wunderbar, total ausdifferenziert. Die eine große Geschichte wird nicht mehr erzählt, gleichzeitig haben wir neue Momente von Kanonisierung, Verdichtung, Traditionsströmen.

Drost: Aber ist es nicht vielleicht auch ein ästhetisches Merkmal der damaligen Songs, dass sie besonders einprägsam waren?

Jacke: Was meinen Sie mit einprägsam?

Drost: Das sozusagen ihre Refrains einfach im Ohr bleiben.

Jacke: Wie Simon and Garfunkel.

Drost: Wie Simon and Garfunkel oder die Beatles.

"Erkenntnistheoretischer Fehler der Studie"

Jacke: So bauen Sie mit, so bauen wir selber jetzt mit am Kanon gerade. Also wichtig ist zum einen der Hinweis, auch mal die "Unseen" oder die unerhörte Popmusikgeschichte anderer Kulturkreise und auch von Subkulturen zu beachten.

Zweitens, zu Ihrer Frage: Ja, das ist schwierig, wenn man jetzt junge Menschen befragt, sozusagen auf die Zeit von damals zu schließen.

Das ist auch meiner Meinung nach ein erkenntnistheoretischer Fehler der Studie, nämlich die sogenannte special time, unique time. Meiner Meinung nach kann gar nichts über die Zeit ausgesagt werden, wenn sich Leute heute an diese Songs erinnern. Der Zusammenhang hinkt, da wird unsauber gearbeitet.

Wichtiger scheint mir, warum erinnern junge Menschen von heute genau diese Ära besonders deutlich offensichtlich popmusikalisch? Das kann daran liegen: Eltern, Peergroups, Social Media aber auch Medienangebote.

Wir erinnern uns, die Hits der 60er, 70er, 80er und 90er sind auch uns noch in den Ohren. Es wurde uns ja auch jahrzehntelang klargemacht. Und es geht hier um Billboard-Charts, also um die Spitzen der Charts, also eine ganz bestimmte Auswahl, wo eigentlich auch nachvollziehbar erscheint, dass die besser erinnert wird als, weiß ich nicht, ostwestfälische Subkulturmusik.

Mehr Vielfalt, weniger große Hits?

Drost: Also man könnte jetzt nicht sagen, der Pop der Gegenwart ist komplizierter geworden und geht nicht so leicht ins Ohr?

Jacke: Nein. Auf keinen Fall. Der Pop der Gegenwart ist ausdifferenzierter geworden, und es scheint schwieriger zu werden, und das ist, glaube ich, trivial in der heutigen Medien- und Musiklandschaft, sich auf die großen Hits oder die großen Stars zu einigen. Schwieriger ist es, immer noch möglich, wie wir an einigen Phänomenen – Lady Gaga und so weiter – sehen.

Drost: Eine gewisse Rolle spielt auch die Individualisierung der Gesellschaft, also das schwindende Gemeinschaftsgefühl, das sich dann einstellt, wenn sich jeder in seiner eigenen speziellen Nische einrichtet, auch musikalisch.

Erfolg dank "Wetten, dass …?" gibt es nicht mehr

Jacke: Ja, auf jeden Fall, wobei auch das nicht so anarchistisch ist wie es klingt. Auch Spotify lenkt natürlich die Playlists und hat einen Einfluss und ist sozusagen auch politisch zumindest fragwürdig. Da müsste man hinter die Kulissen schauen, wie hier Kanon gebildet wird.

Aber sicherlich gibt es – denken Sie an YouTube-Stars und Musiker, Leute, die hochkommen – immer demokratische und gleichzeitig aber auch erschwerende Verhältnisse. Es ist eben nicht mehr so einfach, mit einem Auftritt bei "Wetten, dass …?" zum Weltpopmusikstar in Deutschland zu werden. "Wetten, dass …?" gibt es nicht mehr.

Drost: Interessant ist ja auch, dass gerade heute die Meldung kam, dass Ariana Grande den Hitlistenrekord der Beatles geknackt hat. Also sie hat es geschafft, in den Billboard-Charts die ersten vier Plätze zu belegen, was vorher nur die Beatles geschafft haben in den 60er-Jahren.

Popkulturelle Kanonisierungsprozesse

Jacke: Ja, das meine ich, genau. Jetzt wäre zu fragen in einiger Zeit: Wird die dann genauso erinnert wie jetzt bei der verdienstvollen Studie der Kolleginnen in New York? Das ist ein Thema, was wir ja durch Studiengänge, Museen, Archive, Universitäten oder auch durch die Medien, "Qualitätsmedien" vor allem, mittlerweile angehen: Ich nenne es mal das popmusikkulturelle Erbe, das heißt, diese Kanonisierungsprozesse zu untersuchen – und weniger in Unterscheidung zur Erinnerung an Politiker. Das fand ich an der Studie auch ein bisschen hanebüchen, ehrlich gesagt.

Drost: Aber lassen Sie uns noch mal ganz kurz zum Schluss in die Zukunft schauen. Wird sich der Pop der Gegenwart kanonisieren lassen?

Jacke: Immer und auf jeden Fall. Wobei ich kein Orakel bin, sondern Wissenschaftler.

Drost: Christoph Jacke, Professor und Studiengangsleiter populärer Musik und Medien an der Uni Paderborn. Herr Jacke, vielen Dank für das Gespräch!

Jacke: Ich danke auch, tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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