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Im Gespräch | Beitrag vom 31.07.2018

Student initiiert Portal "Wohn:Sinn"Inklusive WGs gründen übers Internet

Tobias Polsfuß im Gespräch mit Gisela Steinhauer

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Drei Jugendliche kochen gemeinsam (imago / Ute Grabowsky)
Gemeinsam kochen, essen, feiern. Das Leben in einer inklusiven WG sieht nicht sehr viel anders aus als andere Wohngemeinschaften. (imago / Ute Grabowsky)

Kochen, feiern, Putzpläne einhalten: Eigentlich lebt Tobias Polsfuß in einer ganz normalen WG - nur dass einige Bewohner Behinderungen haben, andere nicht. Bisher gibt es allerdings nur wenige solcher WGs. Damit sich das verändert, hat der Student ein Online-Portal geschaffen.

Alle reden von Inklusion in Schulen. Der Student Tobias Polsfuß setzt sich dafür ein, dass es mehr WGs gibt, in denen auch Menschen mit Behinderung leben. 

"Wo waren in meinem bisherigen Leben die Menschen mit Behinderungen?" Diese Frage stellt sich Tobias Polsfuß nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr in Griechenland, in dem er in einer Einrichtung für behinderte Menschen gearbeitet hat. Bis dahin hatte er so gut wie keinen Kontakt mit beeinträchtigten Menschen.

Mietfrei wohnen, dafür helfen

Auf Wohnungssuche in München erfährt der gebürtige Landshuter durch Zufall von "inklusiven Wohngemeinschaften", in denen die Bewohner mietfrei leben können. Er bewirbt sich, steht ein WG-Casting durch und wird schließlich der neunte Mitbewohner einer großen Wohngemeinschaft.

Der Student Tobias Polsfuß  (Tobias Polsfuß)Der Student Tobias Polsfuß lebt in einer inklusiven WG. (Tobias Polsfuß)

Polsfuß und seine Mitbewohner ohne Beeinträchtigungen übernehmen Assistenzdienste für diejenigen, die Unterstützung im Alltag benötigen. Das reicht vom Haarewaschen über gemeinsame Arztbesuche bis hin zu ganz profanen Kleinigkeiten.

"Gerade bei sogenannten geistigen Behinderungen ist es auch manchmal so, dass jemand Unterstützung braucht, die ihm oder ihr selbst vielleicht gar nicht so direkt bewusst ist, also zum Beispiel auf die Zeit zu gucken, weil manche einfach nicht so ein Zeitgefühl haben."

Gemeinsam kochen, essen, feiern

Die Zimmer sind klein, der Gemeinschaftsraum ist groß – es wird viel Wert auf Gemeinsamkeit gelegt. So wird abends zusammengegessen, es werden Partys gefeiert und einmal im Jahr gibt es ein großes Sommerfest.

"Unser letztes Sommerfest haben wir mit Public Viewing verbunden. Und das war tatsächlich das einzige Spiel, was Deutschland gewonnen hat – das Spiel gegen Schweden. Insofern hatten wir damals noch einen sehr schönen WM-Abend."

Die verschiedenen inklusiven WGs im Raum München laden sich auch gern gegenseitig zu Festen ein – und könnten viel voneinander lernen. Das hat Polsfuß auf Reisen durch Deutschland festgestellt, während derer er diverse dieser Wohngemeinschaften besucht hat. 

Eine Plattform für WG-Interessierte

Von dem Konzept des inklusiven Wohnens ist der Wahlmünchner Polsfuß so überzeugt, dass er mit "Wohn:Sinn" eine Plattform ins Leben gerufen hat, über die sich Interessierte zu einer gemeinsamen WG-Gründung zusammenfinden können.

Inzwischen beschäftigt Polsfuß sich auch akademisch mit dem Thema.

"Ich studiere einen Master-Studiengang, der nennt sich Gesellschaftlicher Wandel und Teilhabe, und schreibe gerade darüber, wie solche inklusiven Wohnformen in Deutschland verbreitet werden können, wie man da einen Wandel in der Behindertenhilfe erreichen kann."

Barrieren in den Köpfen abbauen

Die WGs sollen nicht mehr länger Modellcharakter haben und die Menschen nicht mehr mehrheitlich stationär untergebracht werden. "Jeder soll inklusiv wohnen können, wie er oder sie sich das wünscht."

Den Weg zur Umsetzung dieses Ideals sieht er in viel Netzwerkarbeit, Öffentlichkeitsarbeit, Förderung von neuen Wohnprojekten und Lobby-Arbeit in der Politik. Damit solche Projekte leichter umsetzbar werden, müssten sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen ändern. Aber auch in den Köpfen der Menschen müssten noch diverse Barrieren abgebaut werden.

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