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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 03.03.2018

Streitfall ImpfenVorbeugen statt leiden?

Moderation: Matthias Hanselmann

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Ein drei Monate altes Baby erhält eine orale Impfung. (imago / Westend 61)
Ein drei Monate altes Baby erhält eine orale Impfung. (imago / Westend 61)

Impfungen sind immer ein heißdiskutiertes Thema. Für die einen gehören sie zu den wichtigsten medizinischen Errungenschaften. Manche plädieren gar für eine Impfpflicht. Andere stehen Impfen generell ablehnend gegenüber. Wir diskutieren über den Nutzen und die Risiken.

Die Grippewelle breitet sich immer weiter aus: Fast 120.000 Menschen sind in Deutschland in diesem Winter bereits erkrankt; mindestens 216 Menschen starben nachweislich nach einer Influenza-Infektion - vorwiegend Ältere, die oft Vorerkrankungen hatten. In der EU sterben in jedem Jahr rund 40.000 Menschen infolge einer Grippe. Deshalb ruft der EU-Gesundheitskommissar alle Bürger auf, sich und ihre Kinder impfen zu lassen. Doch die Impfquote sinkt - nicht nur bei der Grippe, sondern auch allgemein.

Die Folge: Kinderkrankheiten, die längst bekämpft schienen, kehren zurück - allen voran die Masern. Seit 2007 sind 190.000 Menschen in Deutschland an Erkrankungen gestorben, gegen die geimpft werden kann.

"Die Möglichkeit zu impfen ist - neben der Hygiene und der Verbesserung der Lebensumstände - weltweit die wichtigste medizinische Errungenschaft", sagt Prof. Dr. Thomas Mertens, der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission. Die STIKO gibt in Deutschland die offiziellen Impfempfehlungen heraus. Der ehemalige Ärztliche Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Ulm kennt die Vorbehalte von Eltern, ihre Kinder schon im Säuglingsalter impfen zu lassen. "Natürlich kann man darüber reden, ob man so früh gegen Polio, Diphterie und Tetanus impfen soll. Aber es ist eben auch ein Luxus, den wir hier haben." Bei den Impfprogrammen gehe es nicht nur um die individuelle Gesundheit, sondern den Schutz der gesamten Bevölkerung - auch weltweit. Dennoch lehnt Thomas Mertens eine Impfpflicht ab; er will die Menschen eher von deren Nutzen überzeugen.

"Wir müssen sagen, was wir alles nicht wissen"

"Impfen ist eine Entscheidung, die die Eltern selbst treffen müssen", sagt Dr. Steffen Rabe. Der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin aus München ist Mitglied des Vereins "Ärzte für individuelle Impfentscheidung e.V.". Das Impfprogramm der STIKO beinhalte Empfehlungen; aber es gelte, sie in jedem Einzelfall abzuwägen. Er führe ausführliche Gespräche, um die Eltern über pro und contra zu informieren - und die Lebensumstände der Kinder herauszufinden: "Wann kommt das Kind in die Kita? Für wann sind Fernreisen geplant? Das Risiko, Diphterie oder Kinderlähmung in Mitteleuropa zu kriegen, ist relativ gering. Gibt es Geschwisterkinder? Auch das Angstniveau der Eltern spielt eine Rolle."

Der Verein verweist auch auf die seiner Meinung nach oft unzureichende Datenlage: "Es fängt an bei den Langzeitfolgen: Sind die Kinder, die heute nach den STIKO-Empfehlungen geimpft werden, in 30 Jahren die gesünderen Erwachsenen? Das wissen wir nicht. (...) Der Punkt in der Kommunikation mit den Patienten ist: Wir müssen sagen, was wir alles nicht wissen."

Besser vorbeugen als leiden? Streitfall Impfen

Darüber diskutiert Matthias Hanselmann heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr mit dem Virologen Thomas Mertens und dem Kinderarzt Steffen Rabe. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen und Fragen stellen unter der Telefonnummer 0800 2254 2254, per E-Mail unter gespraech@deutschlandfunkkultur.de - sowie auf Facebook und Twitter.

Informationen im Internet:

Über die Ständige Impfkommission 

Über den Verein "Ärzte für individuelle Impfentscheidung e.V." 

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