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Studio 9 | Beitrag vom 20.11.2018

Streit um Umbettung des spanischen DiktatorsWohin mit Francos Knochen?

Von Marc Dugge

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Eine von Rost verfärbte Kette hängt am 12.10.2011 auf dem Gelände des Tals der Gefallenen (Valle de los Caídos) nahe Madrid. Die Gedenkstätte zu Ehren der Gefallenen der faschistischen Truppen Francos im Spanischen Bürgerkrieg gilt als bedeutendes architektonisches Symbol der Diktatur Francos und wurde u.a. von etwa 20 000 Zwangsarbeitern errichtet. In dem Mausoleum befinden sich neben den Gebeinen von etwa 30.000 Gefallenen des Spanischen Bürgerkriegs auch die Grabstätten des Ex-Diktators Francisco Franco und des Gründers der faschistischen Bewegung Falange Española, José Antonio Primo de Rivera (dpa / picture alliance / Bodo Marks)
Im Zentrum des Streits: Die zunehmend renovierungsbedürftige Anlage Valle de los Caídos, das als bedeutendes architektonisches Symbol der Diktatur Francos gilt (dpa / picture alliance / Bodo Marks)

Jedes Jahr am Todestag des spanischen Diktators Franco wird seine Grabstätte zur Pilgerstätte von Rechten. Nun würde die Regierung dieses Problem gern lösen und ihn umbetten. Doch das gestaltet sich schwieriger als gedacht – und der Widerstand ist heftig.

Auf einmal stimmen die Besucher das Lied an: "Cara al Sol", "Gesicht Richtung Sonne" – die Hymne der Franquisten. Sie singen es in der düsteren Basilika, in der die Überreste von Franco liegen. Außerdem ist hier der Gründer der Falange bestattet, einer faschistischen Bewegung in Spanien. Und die Gebeine von über 30.000 Soldaten des Spanischen Bürgerkriegs.

Es sind Szenen wie diese, die in Spanien immer wieder den 20. November prägen. Jährlich wird das Valle de los Caídos, das "Tal der Gefallenen", zum Pilgerort von Rechtsextremen. Eine Kultstätte für Faschisten – unterhalten von der Katholischen Kirche und vom spanischen Staat. Regierungschef Pedro Sánchez will das ändern. Im Juni sagte er kurz nach Amtsantritt:

"Ich denke, nach 40 Jahren sollte sich Spanien als gereifte europäische Demokratie keine Symbole erlauben, die die Spanier spalten. So etwas wäre in Deutschland oder Italien unvorstellbar – Länder, die ebenfalls unter einer faschistischen Diktatur gelitten haben. Auch in unserem Land sollte das unvorstellbar sein."

40 Jahre ein Tabu-Thema 

Es war Franco selbst, der die Basilika in den harten Granit der Berge nördlich von Madrid hauen ließ. Tief reicht sie in den Fels hinein. Darüber thront ein gigantisches Christus-Kreuz von 150 Metern Höhe – es soll das größte Kreuz der Welt sein. Außerdem befindet sich hier ein Kloster, in dem Benediktinermönche zu Hause sind. Vor knapp 50 Jahren wurde die Anlage eröffnet. Beim Bau halfen Zwangsarbeiter. Nicolás Sánchez Albornoz war einer von ihnen. Der heute 92-Jährige ist froh, dass in das Thema Bewegung kommt:

"Über 40 Jahre lang war das ein Tabu-Thema. Mich hat das immer beschämt. In ganz Europa hat man sich gefragt: Wie kann Spanien ein Mausoleum für einen Diktator unterhalten? Die Asche von Hitler wurde von der Spree davongetragen, die Überreste von Mussolini sind in einem kleinen Dorf bestattet. Was eine Schande!"

Doch der Diktator lässt sich nicht so einfach umbetten wie gedacht. Zwar gab das Spanische Parlament grünes Licht für die Umbettung, die Konservativen enthielten sich. Auch die Katholische Kirche zeigte sich in der Sache zuletzt kooperativ. Die Nachkommen von Franco dagegen machen Sánchez das Leben schwer. Für sie ist die geplante Umbettung schlicht Grabschändung.

"Es ist eine Beleidigung der Geschichte Spaniens und für alles, für das Franco und der Franquismus steht", so Jaime Alonso, Sprecher der Francisco Franco Stiftung. Die Familie fordert, dass Franco zumindest in einer Familiengruft bestattet wird – in der Almudena-Kathedrale, direkt neben dem Königspalast.

"Die Kathedrale wäre ein angemessener Ort für Francisco Franco und das, was er repräsentiert hat – zumindest für das spanische Volk wie für die Katholische Kirche."

"Die Regierung war da ziemlich naiv"

Sollte es dazu kommen, könnte Madrid in einem Jahr die Faschisten-Aufmärsche mitten im Zentrum erleben. Nicht nur für die Regierung ist das ein Albtraum. Sie wusste offenbar nichts von der Familiengruft der Francos in der Kathedrale.

Der Sozialforscher Francisco Ferrándiz beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema:

"Die Regierung war da ziemlich naiv, sie hat die Angelegenheit nicht komplett überblickt. Sie nahm an, dass die Familie Franco vernünftig mit der Sache umgehen würde. Aber das ist nicht geschehen und jetzt ist die Situation noch komplizierter. Es gab einen Zeitungsartikel, in dem der Autor davon sprach, dass es sich beim Körper von Franco um ein Stück angereichertes Uran handelt. Das fand ich eine sehr treffende Beschreibung!"

Am Diktator kann man sich immer noch leicht die Finger verbrennen – auch mehr als 40 Jahre nach seinem Tod. Gerade erst ist die spanische Vizeregierungschefin Carmen Calvo eigens nach Rom gereist, um im Vatikan Rückhalt beim Vorgehen in Sachen Franco zu bekommen. Der Vatikan gab sich in der Angelegenheit diplomatisch unverbindlich: Es sei "sachdienlich", nach Alternativen zur Kathedrale zu suchen. Auch die Katholische Kirche hat vermutlich keine Lust auf Nazi-Aufmärsche vor ihren Türen.

Wann Franco umgebettet wird – und vor allem wohin – ist weiterhin offen. Wahrscheinlich ist, dass es in einer Nacht- und Nebelaktion geschehen wird. Was aus dem Valle de los Caídos werden wird, ist ebenfalls noch völlig unklar. Die Anlage ist dringend renovierungsbedürftig. Das gilt auch für das große Christus-Kreuz.

Dagegen hat Nicolás, der frühere Zwangsarbeiter, schon ziemlich konkrete Vorstellungen:

"Die Instandhaltung der Anlage verschlingt viel öffentliches Geld. Kein einziger Cent sollte mehr in die Renovierung gehen. Es gibt technische Analysen, die zeigen, dass das Kreuz schlecht gebaut wurde und unter den teils heftigen Winden im Gebirge leidet. Wenn es keine Renovierung gibt, ist sein Schicksal besiegelt. Allerdings: Die Natur arbeitet langsam. Ich würde der Natur gern etwas nachhelfen ... Das würde das Problem lösen!"

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