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Lesart / Archiv | Beitrag vom 21.11.2017

Streit um den Schweizer Buchpreis"Da ist einiges aus dem Ruder gelaufen"

Hans-Ulrich Probst im Gespräch mit Andrea Gerk

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Die Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss (l) und Jonas Lüscher auf der Leipziger Buchmesse 2014 (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
Lukas Bärfuss (li.) fordert, den Schweizer Buchpreis abzuschaffen. Gewonnen hat den Preis in diesem Jahr Jonas Lüscher (re.) (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)

In der FAZ forderte der Schriftsteller Lukas Bärfuss eine Abschaffung des Schweizer Buchpreises in seiner jetzigen Form. Literaturredakteur Hans-Ulrich Probst widerspricht: Systematische Einflussnahme auf die Jury könne er nicht bestätigen.

Andrea Gerk: "Der Schweizer Buchpreis gehört abgeschafft, da er von Verbänden und Verlagen beeinflusst wird." Das schreibt in der heutigen "FAZ" der Schriftsteller Lukas Bärfuss, der den Preis vor drei Jahren erhalten hat. Er berichtet von Regelverstößen und einer unsäglichen Feier vor der Verleihung, bei der Autoren beschädigt und zensiert worden seien. Dieses Jahr hat Jonas Lüscher für seinen Roman "Kraft" den Schweizer Buchpreis bekommen. Ich bin jetzt mit Hans-Ulrich Probst verbunden, er ist Literaturredakteur beim Schweizer Rundfunk und war in der Vergangenheit selbst Juror für den Schweizer Buchpreis. Guten Morgen, Herr Probst!

Hans-Ulrich Probst: Guten Morgen, Frau Gerk!

Gerk: Was ist denn dran an den Vorwürfen, die Lukas Bärfuss da erhebt?

Festakt war tatsächlich "peinlich"

Probst: Was den Festakt betrifft, kann ich ihm zustimmen, da war vieles peinlich dran. Was nun die Einflussnahme angeht, da bin ich mir nicht so sicher. Aber ganz ausschließen kann ich es nicht, ich weiß es wirklich nicht. Ursprünglich war ganz klar, die Autonomie der Jury war festgesetzt. Der Preis geht ja auf eine Initiative des im August verstorbenen Verlegers Egon Ammon zurück. Und da waren wirklich fünf unabhängige Kritiker in der Jury immer. Mit der Zeit wurde dann rotiert, und auch zu meinem Leidwesen kamen auch Buchhändler dazu, also eigentlich direkt Leute aus der Branche und nicht Leute, die von Haus aus auf ihre Unabhängigkeit ja pochen müssen. Da ist schon mal etwas eingebrochen. Aber dass die direkt Einfluss genommen haben, das scheint mir – es wäre eigentlich dumm von den Verantwortlichen des Verbands und auch der Buchbranche. Wir haben, das aus praktischen Gründen, in den Räumen dort getagt, aber bei den Jurysitzungen, am Ende kamen die immer erst, wenn das Resultat bekannt war und haben da überhaupt nicht mitdiskutiert. In den fünf Jahren, da ich in der Jury war, von 2008 bis 2012, ist das nie passiert.

Kein klares Reglement

Gerk: Also Sie haben das nicht erlebt, was Lukas Bärfuss schreibt, dass da der Geschäftsführer des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbandes, Dani Landolf, dass die dabei waren und mitdiskutiert hätten?

Probst: Nein, das habe ich nicht erlebt. Und ich glaube, da hätten auch meine Kolleginnen und Kollegen in der Jury gesagt, nein, das geht nicht. Aber es stimmt, es gibt kein Reglement. Da hat Bärfuss recht.

Gerk: Das ist ja ungewöhnlich.

Probst: Ja, klar. Das ist was typisch Schweizerisches. Ich glaube, in Deutschland wäre das gar nicht möglich. Das wurde so eben von Egon Ammann angestoßen und dann vielleicht ein bisschen handgestrickt organisiert, aber es hat grundsätzlich gut geklappt, aber dann gibt es solche – ja, das Vereinswesen ist zwar auch in der Schweiz ausgeprägt, aber vielleicht nicht immer so juristisch abgesichert wie anderenorts. Ich glaube, dass das nicht nur Boshaftigkeit war …

Gerk: Was Lukas Bärfuss über die Feierlichkeiten schreibt, das klingt ja auch ziemlich haarsträubend. Das war am Wochenende, und angeblich soll da ein Autor, Urs Faes, der auch auf der Shortlist stand, attackiert worden sein, und er, also Bärfuss und Kollegen wollten ihn verteidigen und wurden daran gehindert. Was war da los?

Probst: Das waren am Samstag und Sonntag zwei verschiedene Dinge. Bei der Feier, die in vielen Teilen wirklich peinlich war, da hat Bärfuss leider auch wieder vollständig recht, da hat die Moderatorin aus einem berechtigten kritischen Impuls, weil eine Selbstfeier ist ja immer ein bisschen peinlich, und es war eigentlich wirklich ein Anlass eher zum 11.11., also für die Narren, als für die ernsthaft Literaturinteressierten. Und da hat sie aber doch eines der Jurymitglieder, Martin Ebel vom "Tagesanzeiger", fragen wollen, ob er das immer noch in Ordnung findet, dass er als Jurymitglied zwei Tage, bevor die Jury entscheidet, eines der Bücher gnadenlos in die Pfanne haut. Und das hat der vor Jahren gemacht. Und unnötigerweise wurden dann nochmals Ross und Reiter und alles genannt, vom Buch, und die Kritik sogar noch mal zitiert. Das war sehr unschön, und von daher verstehe ich die Betroffenheit des Autors und auch, dass er sich dann geweigert hat, am Sonntag zu erscheinen. Was am Sonntag abgelaufen ist, das habe ich nur über den Rundfunk, über die Übertragung gehört, und auch da hat Bärfuss recht, leider wurde den Hörerinnen und Hörern überhaupt nicht erklärt, warum es am Samstag zu einem Eklat gekommen ist und wie der verlaufen ist. Da ist einiges aus dem Ruder gelaufen. Systematische Absicht würde ich jetzt hier aber, wie das Bärfuss tut, würde ich den beiden oder den Veranstaltern hier aber auch nicht a priori unterstellen. Es ist einfach sehr unglücklich gelaufen, und es läuft manchmal nicht so professionell auch bei uns Rundfunkkollegen, wie es sollte.

Unabhängigkeit der Jury muss garantiert werden

Gerk: Aber vielleicht ist das ja jetzt ein guter Anlass, um mal tatsächlich diesen Preis und seine Regularien zu überdenken.

Probst: Unbedingt. Da hat Bärfuss recht, das kann man eigentlich so nicht weiter laufen lassen. Und natürlich ist der Preis, wie der Deutsche Buchpreis auch, es gibt viel Licht für sechs Titel oder in der Schweiz für fünf Titel. Aber es gibt auch viel Schatten für die anderen. Das ist einfach das Los dieser Preise, dass man fokussiert auf fünf oder sechs Titel, und die anderen haben es dann umso schwerer im Geschäft. Wenn man es umgekehrt macht, das einfach als Klammer – klar, Deutschland hat viele Preise, vor allem den Büchner-Preis, der auch dann viel Aufmerksamkeit generiert. Die Schweiz von Staates wegen versucht das ja auch mit den Schweizerischen Literaturpreisen, wo Bücher aus allen Landesteilen ausgezeichnet werden. Aber dieser Preis hat das Problem, dass er den Autorinnen und Autoren zwar viel Geld bringt, aber die Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit dafür ist bis heute ziemlich klein geblieben. Das ist schwierig eben gerade, weil die Sprachgrenze dazwischenkommt. Insofern ist der Buchpreis von der Formel her, wenn man für die Branche Aufmerksamkeit erzeugen will, wahrscheinlich schon richtig. Aber umso wichtiger, dass die Unabhängigkeit der Jury garantiert ist und festgeschrieben.

Gerk: Hans-Ulrich Probst, vielen Dank für diese Einordnung.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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