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Am liebsten die alten Hits

06:05 Minuten
Die drei weiblichen und das männliche Mitglied der Band Boney M stehen dicht zusammen im Freien. Der Mann rechts hat eine Gitarre von der Schulter baumeln und hält sie mit einer Hand fest.
Die Popgruppe Boney M hat in den 1980er-Jahren große Erfolge gefeiert. Auf Tiktok ist ihr Song "Rasputin" nun so beliebt, dass er es in die weltweiter Top 20 geschafft hat. © picture alliance / United Archives / kpa
Von Ina Plodroch · 08.02.2022
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Vier von fünf Liedern, die US-Hörer auf den Streamingdiensten abspielen, sind älter als anderthalb Jahre. Mit dem Hits von früher verdienen Labels also bei jedem Stream weiter Geld. Wird dadurch die Musik einer neuen Künstlergeneration verdrängt?
"Rasputin" von Boney M ist mehr als 40 Jahre alt. Trotzdem war der Song 2021 auf Tiktok weltweit so beliebt, dass er es in die Top 20 Global Songs des Jahres geschafft hat. Und das ist nur ein Beispiel. Alte Musik ist aktueller denn je.
"Das ist jetzt schon irre", sagt Christof Ellinghaus. Auf seinem Label City Slang veröffentlicht er Bands wie Calexico, Tindersticks und Nada Surf – oder wie er es ausdrückt: "Musik, die 1998 Musik für junge Leute war." Und weil das jetzt auch schon 24 Jahre sei, "dann ist man jetzt 48 und dann ist man nicht mehr jung".

Alte Hits statt neuer Songs

Aber womöglich hört man immer noch die Musik von vor 24 Jahren. In den USA führt das dazu, dass viel mehr alte als neue Musik gehört wird: Musik, die älter ist als 18 Monate, macht 70 Prozent des Musikkonsums aus.

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In Deutschland gibt es dazu keinen genauen Zahlen, aber Maurice Summen vom Indie-Label Staatsakt, schreibt: "Memorys are made of hits", also Erinnerungen bestehen aus Hits. Unter den aktuellen Top 10 der meistgehörten Songs seines Labels bei den Streamingdiensten seien nur selten aktuelle Songs. Hits, Erinnerungen, Nostalgie dominieren also den Markt.
Bei den Labels hat das zu einem Umdenken geführt: Sie bewerben immer öfter auch alte Songs. Und Musikverlage und Investoren geben dreistellige Millionenbeträge für die Kataloge von Bob Dylan, Bruce Springsteen oder Neil Young aus.
„Das ist ja auch ein Markt geworden", sagt Christof Ellinghaus. "Warum kriegen wir plötzlich ein Biopic nach dem anderen auf die Ohren.“

Der Markt und die Newcomer

Damit stellt sich auch die Frage, was dieser Trend für die Newcomer bedeutet? Für die Bands, die sich noch nicht etabliert haben? Oder wie der US-Journalist Ted Gioia in der Zeitschrift "The Atlantic" fragt: Is old music killing new music? Verdrängen die alten Hits junge Musikerinnen und Musiker?
Ellinghaus winkt ab. Dass sich die Hits vergangener Jahrzehnte gut verkaufen, das habe es schon lange gegeben: "In Amerika war jahrzehntelang die bestverkaufte Platte jedes Jahr 'The Dark Side of the Moon' von Pink Floyd", sagt er. "Und zwar auch 20 Jahre nach Erscheinen.“
Das Streaming-Phänomen könnte man auch damit erklären, meint Ellinghaus, dass viele Babyboomer erst in den letzten ein, zwei Jahren angefangen haben, Musik zu streamen: Menschen um die 40, 50 oder 60 haben also womöglich schon immer Songs aus ihrer Jugend gehört, nur war nicht messbar, wie oft sie bei ihrem Lieblingssong auf Play gedrückt haben, weil sie zur CD gegriffen haben.
Streamingdienste machen nun diese Auswertung leicht.

Ein guter Katalog macht sich bezahlt

Und noch etwas ist anders: Jedes Mal, wenn ein alter Klassiker gestreamt wird, fließt Geld. "Das 2010er Album von Caribou, das jetzt zwölf Jahre alt wird, das streamt fröhlich vor sich hin", berichtet Ellinghaus. "Früher hätten wir da schon lange keine CD mehr verkauft.“
Einen guten Katalog zu haben, also Alben von Künstlerinnen und Künstlern, die noch Jahre später gehört werden, ist also finanziell lukrativ für ein Label – und eine Strategie, um zu bestehen. Sich darauf auszuruhen, reiche aber nicht aus, macht Labelchef Ellinghaus klar:Das hilft uns einfach, in die kommende Künstlergeneration zu investieren.“
Damit wäre die These, alte Musik verdränge neue Musik, zumindest ein wenig entkräftet. Die Logik wäre eher: Die etablierten Künstlerinnen und Künstler finanzieren die Newcomerinnen und Newcomer. Das sei früher schon so gewesen und sei heute nicht anders, so Ellinghaus.

Herausstechen aus dem Grundrauschen

Damit das Modell der Crossfinanzierung unter den aktuellen Bedingungen anhalten kann, müssen aber neue Popstars aufgebaut werden. Denn die Hits von morgen garantieren den Geldfluss von übermorgen.
Allerdings: Diese Stars zu etablieren, scheint schwieriger geworden zu sein. Durch dieses Grundrauschen durchzukommen und dann eine Duftmarke zu legen, die bleibt, eine neue Künstlerkarriere aufzubauen, die nachhaltig ist und trägt, ist unheimlich schwer geworden", sagt der City-Slang-Chef.

Mit 60.000 anderen Songs konkurrieren

Dass Labels aber deshalb weniger neue Künstlerinnen und Künstler aufbauen, weil so viel Potenzial in den alten Hits steckt, glaubt Ellinghaus nicht.
Es dauert eben nur. Wie bei der Künstlerin Kaina. Die ist so toll. Und bis das bei den Menschen angekommen ist, wie toll Kaina einfach ist, das wird jetzt Jahre dauern.“ Weil Kaina um die Aufmerksamkeit mit 60.000 Songs buhlt, die täglich bei den Streamingdiensten hochgeladen werden.

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Bei der schieren Masse an Songs kann eigentlich nicht die Rede davon sein, dass neue Popmusik keine Rolle mehr spielt. Das Problem dürfte eher sein: Es gibt zu viel neue Musik. Und die muss auch noch in die Playlisten-Politik der Streamingdienste passen.
Deshalb fluten Künstlerinnen und Künstler die Dienste mit oftmals belanglosen Songs, Demos und sonstigen Versionen. Es müsste also vielleicht eher heißen: Streaming is killing music. Und nicht alt gegen neu. 
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