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Kompressor | Beitrag vom 13.04.2018

Stimmen zu Dercons Rückzug von der Berliner Volksbühne"Ganz offenkundig an eigener Unfähigkeit gescheitert"

Peter Laudenbach und Thomas Ostermeier im Gespräch mit Gesa Ufer

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"Tchüss, Chris"-Plakate kommentieren den Rückzug des Belgiers Chris Dercon als Intendant der Berliner Volksbühne am 13.4.2018. (Karoline Scheer/Deutschlandradio)
"Tschüss, Chris"-Plakate kommentieren den Rückzug des Belgiers Chris Dercon als Intendant der Berliner Volksbühne am 13.4.2018. (Karoline Scheer/Deutschlandradio)

Für den Journalisten Peter Laudenbach steht fest: Es waren katastrophale Finanzplanung und künstlerische Ahnungslosigkeit, die Chris Dercon als Intendant der Berliner Volksbühne scheitern ließen. Theatermann Thomas Ostermeier bereitet es "großen Schmerz", den Niedergang des Theaters zu erleben.

Das Ende von Chris Dercon als Intendant der Berliner Volksbühne kam wie ein Paukenschlag. Es überraschte auch die Journalisten Peter Laudenbach ("Süddeutsche Zeitung") und John Goetz (ARD-Hauptstadtstudio).

Gemeinsam recherchierten sie zur offenbar prekären finanziellen Situation der Berliner Volksbühne – und deckten nach Akteneinsicht den "katastrophalen Zustand" von Berlins renommiertestem und auch im Ausland bekanntesten Theater auf. Katastrophal in jeder Hinsicht -  "finanziell, künstlerisch, was die Akzeptanz anbelangt beim Publikum und bei Künstlern", sagte Peter Laudenbach im Deutschlandfunk Kultur.

Dercon hat Luftschlösser gebaut

Schuld daran seien ein Mischung aus Fehlkalkulationen, mangelnder Kenntnis der Theaterszene  und Naivität auf  Berliner Senatsseite sowie  "Luftschlössern" seitens des Intendanten Chris Dercon.  So habe es auf Senatsseite offenbar niemanden stutzig gemacht, dass Dercon über Sponsoren 1,2 Millionen Euro habe einwerben wollen – nach Laudenbachs Einschätzung eine unrealistisch hohe Summe, die noch nie irgendein deutsches Theater habe einwerben können.  Dercon habe sich dabei offenbar an den Möglichkeiten seiner alten Wirkungsstätte, des Kunstmuseums Tate Modern in London, orientiert.

Chris Dercon, neuer Intendant der Berliner Volksbühne, auf dem Flughafen Tempelhof in Berlin (dpa / Jörg Carstensen)Chris Dercon hat seinen Rückzug als Intendant der Berliner Volksbühne erklärt. Seine Spielzeit begann er mit einer aufwendigen Veranstaltung im Flughafen Tempelhof. (dpa / Jörg Carstensen)

Fest stehe jedoch: Es sei "unfair, immer nur Herrn Dercon und Frau Piepenbrock, seine Programmdirektorin als Schuldige" zu benennen. Mindestens ebenso viel Schuld am Scheitern des Experiments und am Niedergang der ehemaligen Castorf-Bühne trügen der Regierende Bürgermeister Michael Müller, der ehemalige Kultursenator Tim Renner sowie der derzeitige Kultursenator Klaus Lederer.

In unserer Sendung "Studio9" erläuterte der designierte Geschäftsführende Direktor und kommissarische Intendant der Volksbühne, Klaus Dörr, wie es in den kommenden Monaten weitergehen soll. "Wir werden alle Verträge erfüllen", betonte Dörr. Man werde bei keinem Mitarbeiter - ob festangestellt oder freiberuflich - vertragsbrüchig werden. Der Vorstellungsbetrieb werde aufrecht erhalten und zugleich daran gearbeitet, für den Herbst neue Produktionen zu entwickeln, "die repertoiretauglich" seien. Der Neubeginn werde "ein Höllenritt, aber hoffentlich kein Himmelfahrtskommando."

Teures Spektakel auf dem Tempelhofer Feld

Laudenbach und Goetz führten Gespräche mit Dercon selbst, mit Regisseuren und Volksbühnen-Mitarbeitern, und erhielten  nach Antrag Einsicht in offizielle Schreiben und Protokolle des Berliner Senats. Vor dem Hintergrund dieser Recherchen werde deutlich, dass Chris Dercon mehr als einen Grund habe, das Handtuch zu werfen – der wichtigste sei aber wohl die vollkommen unzureichende finanzielle Ausstattung und Kalkulation von Anfang an. 

So seien etwa für Dercons Auftakt-Veranstaltung auf  dem Tempelhofer Feld 455.000 Euro für nur einen Tag ausgegeben worden. Außerdem habe Dercon sehr viele Gastspiele eingekauft. Als eine Konsequenz sei der Topf für Eigenproduktionen bis zum Ende der Spielzeit nun leer. Das gehe aus einen letzten Treffen zwischen Senat und Dercon hervor, so Laudenbach.

Die Volksbühne sei ein Stadttheater mit festem Ensemble und vielen Mitarbeitern. Dercon habe es offenbar an Gespür für die Erfordernisse – und Grenzen – einer solchen Bühne gefehlt. Zugleich müsse ihm aber von Anfang an klar gewesen sein, dass der finanzielle Rückhalt seitens des Senats auf schwachen Füßen gestanden habe. Laudenbach:

"Das ist natürlich unangenehm, wenn ein Intendant, der ganz offenkundig auch an eigener Unfähigkeit gescheitert ist, dafür andere Leute verantwortlich macht. Das ist keine sehr souveräne Geste."

Thomas Ostermeier: "Darüber kann man sich nicht freuen"

In der deutschen Theaterszene herrscht nun offenbar weniger Häme  als vielmehr Erschrecken und Kopfschütteln über die miserable Finanz- und Planungssituation an der Volksbühne.  Thomas Ostermeier, Chef der Berliner Schaubühne, sagte im Deutschlandfunk Kultur, er empfinde keinerlei Schadenfreude über den Niedergang der Volksbühne: "Darüber kann man sich nicht freuen."

Thomas Ostermeier (Deutschlandradio / Jana Demnitz)Thomas Ostermeier, Regisseur und Künstlerischer Leiter der Schaubühne Berlin. (Deutschlandradio / Jana Demnitz)

War von vorn herein klar, dass Dercon als Theaterleiter ein Fehlbesetzung gewesen sei? Er wäre umgekehrt nie "auf die Idee gekommen, anzunehmen, wenn man mir die Tate Gallery angeboten hätte, mit der Begründung: Der hat doch ganz ordentlich die Schaubühne gemacht", sagte Ostermeier.

Von Anfang an sei unangenehm aufgefallen, dass Dercon, statt mit neuen Stücken eigene, frische Akzente zu setzen,  teils sehr alte Produktionen an die Volksbühne geholt habe. "Da war klar, dass das auf  Sand gebaut ist."

Die Volksbühne ist ausgeblutet

Es verursache "großen Schmerz"  mitanzusehen, wie "eine der wichtigsten Bühnen Deutschlands"  herunterkomme. Die Volksbühne sei ausgeblutet, viele exzellente Künstler hätten sie verlassen. Demzufolge sei sie derzeit nicht attraktiv für potentielle Nachfolger.

Kritik übte Ostermeier, ebenso wie Laudenbach, auch am damaligen Kultursenator Tim Renner, der dafür mitverantwortlich gewesen sei, Dercon als neuen Volksbühnen-Intendanten zu etablieren – "ohne irgendeine Ahnung von der Materie zu haben".

(mkn)

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