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Lesart | Beitrag vom 17.05.2019

Stimmen für Europa: Tanja Maljartschuk"Halten Sie für einen Moment inne!"

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Die Autorin Tanja Maljartschuk lacht seitlich in die Kamera. (picturedesk / Herbert Neubauer)
Wieviel gelitten und geopfert wurde: Tanja Maljartschuk. (picturedesk / Herbert Neubauer)

Europa ging es nie besser als jetzt. Das wollen wir nicht wahrnehmen, weil die Medien täglich das Gegenteil berichten, meint Bachmann-Preisträgerin Tanja Maljartschuk. Die Ukrainerin, die inzwischen in Wien lebt, fordert uns auf, uns umzusehen.

Obwohl ich nicht weit entfernt vom geografischen Zentrum Europas geboren wurde, hatte ich nie den Eindruck, dass ich in Europa lebte. Ich sehnte mich danach, träumte davon, Europa war irgendwo viel westlicher: dort gäbe es Freiheit, Menschenrechte, demokratische Werte, dort reise man überall hin, keine Grenzen mehr, kein Fremdenhass, kein Krieg, dort seien alle gleich, indem sie alle anders sein dürften. Ein Traum, nicht wahr?

Mittlerweile lebe ich mitten in meinem Traum. Und bin nicht enttäuscht. Ich glaube an Europa immer noch, jetzt viel mehr sogar, ich verstehe es halt nicht mehr wie einen Traum, sondern wie einen Weg, ein Ziel, einen Ort vielleicht, wohin man irgendwann nach langem Kampf endlich kommt, bestimmt kommt. Europa ist ein Versprechen eines solchen Ortes.

Ich verstehe, wieviel gelitten und geopfert wurde, um das zu erreichen, was Europa heute hat. Europa ging es nie besser als jetzt. Das wollen wir nicht wahrnehmen, weil unsere Medien tagtäglich das Gegenteil berichten. Sie sagen nicht: halten Sie für einen Moment inne, bleiben Sie stehen, sehen Sie sich um, war es irgendwann besser? Fahren Sie nach Frankfurt, Köln, Rotterdam oder Breslau, diese Städte waren vollkommen zerstört, besuchen Sie auch Auschwitz, es ist noch gar nicht so lange her, dass Krematorien dort in Betrieb waren.

Was ich in Europa nicht verstehe, ist dieser sogenannte Europaskeptizismus. Die einzelnen Punkte kann und muss man kritisieren, aber wenn man den gesamten Sinn der europäischen Integration als solchen in Frage stellt, schmerzt mich das als Ukrainerin enorm. Osteuropa wurde so oft geopfert, damit Westeuropa weiter gehen konnte, es wurde so oft dem Drachen gelassen, um seinen Hunger zu befriedigen.

Die demokratischen Bewegungen in diesen zerrissenen, verzweifelten osteuropäischen Ländern brauchen ein Vorbild, um nicht aufzugeben. Ansonsten gibt es überhaupt keine Hoffnung.

Dieser Verantwortung sollten sich Westeuropäer auch bewusst sein. Ich möchte nicht, dass es wie ein Vorwurf klingt, sondern wie eine Bitte.

Anlässlich der Europawahl 2019 haben wir Schriftstellerinnen in der Reihe "Stimmen für Europa" gefragt: Was bedeutet Ihnen Europa? Was gilt es zu schützen und was zu kritisieren? Dabei sind literarische Texte entstanden, die verschiedene kulturelle und sprachliche Hintergründe haben.

Tanja Maljartschuk, geboren 1983 in der Ukraine, damals Teil der UdSSR, emigrierte 2011 nach Wien. 2004 erschien ihr erstes Buch "Endspiel Adolfo oder eine Rose für Lisa". Es folgte "Von oben nach unten. Das Buch der Ängste". Der Erzählband "Neunprozentiger Haushaltsessig" war Maljartschuks erstes Buch in deutscher Sprache. 2018 erhielt die Autorin in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis. In diesem Frühjahr erschien ihr Roman "Blauwal der Erinnerung".


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