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Lesart | Beitrag vom 14.05.2019

Stimmen für Europa: Raffaella Romagnolo"Europa ist mein Zuhause"

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Raffaella Romagnolo sitzt auf einem Stuhl und blickt den Betrachter an. (Maurice Haas/Diogenes-Verlag)
Die Autorin Raffaella Romagnolo. (Maurice Haas/Diogenes-Verlag)

"Ich bin Europäerin, nicht Italienerin – zumindest nicht nur", schreibt die italienische Schriftstellerin Raffaela Romagnolo. Es bereitet ihr Unbehagen, dass in Italien zwei nationalistische Parteien an der Macht sind.

Europa ist mein Zuhause. Das wurde mir bewusst, als ich mich zum ersten Mal außerhalb der europäischen Grenzen befand. Ich sollte einen meiner Romane vorstellen, und ich fragte mich, ob die Leute, die im Publikum saßen, dieselben kulturellen Referenzpunkte hatten. Liberté, égalité, fraternité und "Ich bin ein Berliner". Aber auch Sunday, Bloody Sunday und Bella ciao. Verstanden sie mich? Konnten sie meine Bücher verstehen?

Zum ersten Mal wurde mir klar: Ich bin Europäerin. Nicht Italienerin – zumindest nicht nur, sondern Europäerin.

Und da Europa mein Zuhause ist, bereitet es mir großes Unbehagen, dass die Regierung meines Landes von der Lega und der Fünf-Sterne-Bewegung gestellt wird – von Parteien, die sich als "souveränistisch" bezeichnen. Souveränismus ist ein Maskenwort, Maquillage. Ein nebulöser Begriff, hinter dem sich etwas Altbekanntes verbirgt, nämlich. Nationalismus. Und diesen haben wir zu fürchten gelernt, wir Europäer, da in seinem Namen so viel Blut in Europa vergossen wurde.

Ein Klima des permanenten Wahlkampfs

Und was mir zudem enormes Unbehagen bereitet: Wir leben in einem Klima des permanenten Wahlkampfs, bei dem die italienische Politik – und vermutlich nicht nur die italienische – sich der sozialen Medien bedient, um herauszufinden, was die Leute umtreibt, und entsprechend der Likes ihre Entscheidungen fällt.

Aufnehmen oder Mauern bauen?
Markt oder Sozialstaat?
Windenergie oder Kohlekraftwerke?

Es zählen nur Likes, Emoticons, Hashtags, Trendthemen – nicht die komplexen Gedankengänge, die unserer komplexen Wirklichkeit gerecht würden. Als ob es sich bei den Wählern um Fans handelte. Aber der Fan ist das pure Gegenteil des denkenden Bürgers.

Die Europa-Wahlen werden oft als Test angesehen, bei dem die Follower-Wähler zum Ausdruck bringen, wie sie der Regierung gegenüber gestimmt sind. Aber da es um unser Zuhause geht, steht sehr viel mehr auf dem Spiel.

(Deutsche Übersetzung von Silvia Zanovello)

Anlässlich der Europawahl am 26. Mail 2019 haben wir Schriftstellerinnen in der Reihe "Stimmen für Europa" gefragt: Was bedeutet Ihnen Europa? Was gilt es zu schützen und was zu kritisieren? Dabei sind literarische Texte entstanden, die verschiedene kulturelle und sprachliche Hintergründe haben.

Raffaela Romagnolo wurde 1971 in Casale Monferrato geboren. Sie unterrichtet Geschichte und Italienisch an einem Gymnasium. Seit 2007 schreibt sie auch Romane – mit Erfolg. Für "La figlia sbagliata" war sie für den Premio Strega nominiert. Ihr neuer Roman "Bella Ciao" sorgt international für Aufmerksamkeit und ist im April auch in deutscher Übersetzung erschienen. 


Italienischer Originaltext:

L'Europa è la mia casa. L'ho capito la prima volta che ne ho oltrepassato i confini. Ero a presentare uno dei miei romanzi e mi sono chiesta se le persone che avevo davanti condividevano i miei stessi riferimenti culturali. Liberté, egalité, fraternité oppure Ich bin ein Berliner. Ma anche Sunday, Bloody Sunday o Bella ciao. Mi capivano? Potevano capire i miei libri? Per la prima volta ho pensato: io sono europea. Non italiana, non solo: europea.

E siccome l'Europa è la mia casa, vivo con grande disagio il fatto che il governo del mio Paese sia guidato da partiti, Lega e Movimento Cinque Stelle, "sovranisti". Sovranismo è una parola-maschera, è maquillage. Un' espressione fumosa per dire una cosa vecchia, e nota, ossia nazionalismo. Parola, questa, che abbiamo imparato a temere, noi europei, visto che ha inondato l'Europa di sangue.

E vivo con enorme fastidio il nostro clima da campagna elettorale permanente e il fatto che la politica italiana – e forse non solo italiana - usi massicciamente i social per sondare gli umori della gente, e poi orienti le decisioni sulla base dei like.

Accogliere o costruire muri?

Mercato o Welfare?

Energia eolica o centrali a carbone?

Sembrano contare solo like, emoticon, hashtag, trend topics, e non il ragionamento complesso che il nostro complesso presente richiede. Come se gli elettori fossero solo supporter, tifosi. Ma il tifoso è l'esatto opposto del cittadino pensante.

Le stesse elezioni europee vengono spesso considerate più che altro un test per valutare il gradimento delle forze di governo da parte di elettori-followers. Ma trattandosi della nostra casa, la posta in gioco è ben altra. 

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