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Lesart | Beitrag vom 16.05.2019

Stimmen für Europa: A. L. Kennedy"Ein Ort, an dem es kaum noch Dunkelheit gibt"

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Schriftstellerim Alison Louise Kennedy schaut ernst in die Kamera. (picture alliance / picturedesk / Robert Newald)
Schriftstellerin Alison Louise Kennedy: Am Abgrund kehrten wir um. (picture alliance / picturedesk / Robert Newald)

Europa ist ein Ort, an dem Menschen für eine brennende Kathedrale singen, als wäre sie ein fieberndes Kind, schreibt die britische Autorin A. L. Kennedy: "Wir singen für den Gemeinschaftssinn und geteilte Schönheit."

Unsere Beherrschung des Krieges war fast perfekt. Der Prozess der Invasion, Besetzung, Aneignung wurde effizient monetarisiert. Wir hießen den Wahnsinn willkommen, mochten, wie er nach Salz schmeckte. Wälder, Mineralien, Kunstwerke, Kinder, Wasser, Nahrung, die Kraft der Sprache - wir konnten alles stehlen oder auslöschen. Das war unsere Stärke. Der Profit untermauerte unsere rassischen Alpträume, unser Streben nach genetischer Perfektion und ungetrübtem Gehorsam.

Wir haben den menschlichen Körper als Hilfsmittel für militärische Ziele, als Arbeit, als Gegenstand unterhaltsamer Experimente neu definiert. Die Toten waren großzügig: Haare, Zähne, Kleidung, Habseligkeiten. Die Toten waren unkontrollierbar, überwältigend. Unsere elenden Sünden und Katastrophen verfolgten uns.

Wir haben die Brüste der Mütter abgebunden, damit ihre Kinder nicht trinken konnten. Wir sahen Frauen als Gebärmütter und Huren, als lebenslange Hausangestellte in einer Zukunft, die durch Mord und Selbstmord zu stillem Weiß verbrannte. Wir haben im Namen der Reinheit der Frauen vergewaltigt und gemordet.

Wir blockierten die Eisenbahnlinien mit heulenden Viehwaggons, warfen Regierungen aus den Fenstern, bauten Lager und Gulags, wir füllten Flüsse mit Asche, tränkten die Erde mit menschlichem Fett, beobachteten, wie Blut aus Gräbern hervorschoss, die zu voll waren, um der Hitze des Sommers zu widerstehen. Unser Wahnsinn sprach zu sich selbst, ohne uns, und feuerte uns an.

Europa wurde zur Dunkelheit: Gefängnisse, Betrüger, Henker.

Und dann, am Rande des Abgrunds, drehten wir uns um.

Diejenigen, die noch leben, haben Ideen gekannt, die nicht überlebensfähig waren, komplizierte Schuldgefühle. Aber das Gegenteil von Lügen ist immer noch die Wahrheit – haben wir daraus geschlossen.

Und wir konnten Frieden auf unserer Haut spüren, als einen ungewohnten Druck, wie die zurückgekehrte Berührung einer abwesenden Mutter. Wir hofften. Unsere Hoffnungen enthielten gemeinsame Realitäten, ausgehandelt zwischen den Bedürfnissen. Wir wurden zu Hausmeistern des Friedens, Müttern, die ihre Kinder in dieser ständigen Berührung des Friedens großziehen. Wir wurden ein neues Europa.

Aber eine ständige Berührung wird unspürbar. Und Hausmeister wirken nicht glamourös und Mütter sagen uns, was wir tun sollen. Mutter Europa sagt uns: Halte dich an die Regeln, sei friedlich, sei wahrhaftig. Und jetzt - wieder - scheint die Männlichkeit, die alte Lieder singt, und die Sehnsucht nach Wunden besser zu sein. Es erscheint logisch, Frauen zu verkaufen, sie mit all den anderen Fehlern unseres wütenden Gottes wieder an ihren angestammten Platz zu verbannen.

Aber Europa ist ein Ort, an dem Menschen für eine brennende Kathedrale singen, als wäre sie ein fieberndes Kind. Wir singen für den Gemeinschaftssinn und geteilte Schönheit. Europa bleibt der Hausmeister, der Vater, die Mutter. Wir haben es zu einem Ort gemacht, an dem es kaum noch Dunkelheit gibt. Die Berührung des Friedens ist noch immer auf unserer Haut spürbar, weil wir sie erhofft haben. Wir hatten keine andere Wahl. Und werden sie auch nie haben.


Der Text im englischen Original

"We shall meet in the place where there is no darkness"

Our mastery of war was almost perfected. The process of invasion, occupation, appropriation was monetised with as great an efficiency as could be managed within the bounds of our insanity. We embraced madness, liked the way it tasted salt. Forests, minerals, art works, children, drinking water food, the power of speech, unbroken fingers - we could impose or extinguish anything, according to our gods, which were blood and money. Our profit existed to underpin our use of racial nightmares, our pursuit of genetic perfection, perfect faith and perfect thinking, undiluted obedience. We were strident, exhilarated and spurious.

We redefined the human body as material held in readiness by life, as an aid to military objectives, as labour, as subject to entertaining experiment. The dead were generous: hair, teeth, clothes, belongings. The dead were uncontrollable, overwhelming us with rotting proofs of our new power. Our ingenuity failed to keep pace, but the force of our convictions kept us moving forward. Our sins and our catastrophes pursued us. We became fast.

The female body had specific uses. We bound the breasts of mothers so their infants could not feed, took intermittent interest in what happened next. We understood women as wombs and whores, as lifelong household servants in a future cleansed of every imperfection, burned to wordless whiteness by murder and suicide. Each mother’s fury to protect each child became repetitively bizarre. We raped and murdered in the name of women's purity.

We clogged the railway lines with howling cattle cars, threw governments out of windows, built camps and gulags, we filled rivers with ash, soaked earth with human fat and screaming, watched blood fountain up from graves too full to stand the summer's heat. Our insanity spoke to itself without us, encouraging.

Europe became a place of prisons, betrayers, executions, fears.

And then, at the brink, we turned.

Those of us still living were imperfect. We had experienced unsurviveable ideas. We had shattered and been shattered, we had murdered and carried complicated guilts. But the opposite of pain is its absence – we extrapolated new laws and new governments from that. The opposite of lying is the truth – we extrapolated.

And when we walked into peace we knew it: because it was no longer normal we could feel it on our skin, as a tangible pressure, like an absent mother’s touch. And peace made us hope and hope made us extrapolate.

We grew used to peace between nations, between peoples, the slow arbitration between different needs and rights, the preservation of observed reality. We became accustomed to the undramatic maintenance of peace. We were pleased to be the janitors of peace, mothers raising children in this constant touch of peace. We became a new Europe.

But a constant touch becomes intangible, seems like no touch at all. We can easily mistake it for our bodies’ right, for our tender, always breakable, bodies’ right. And janitors are unglamorous and mothers tell us what to do. They build us from the blood of their own bodies, but they tell us what to do. Mother Europe tells us what to do: act within limits, be peaceful, be true.

But generals, aren’t they better? Hatreds and gossip, aren’t they intoxicating? Aren’t the men who sing old songs and long for wounds better? Isn’t it logical to sell women, ship them like livestock – knock them back into their proper place with all of our raging God’s other mistakes? Isn’t it right to starve children when we have food, because money should be all we nurture? Shouldn’t we test the young, the old, the frail and cleanse them of their sins of otherness? Shouldn’t the right to kill be our one defining right, the one that grants access to leadership?

But isn’t Europe is still the place where people will sing to a burning Cathedral as if it is a feverish child, a dying friend, a mother, because it has a gentle, communal meaning and shared beauty. Isn’t Europe still the unglamorous janitor, the mother, the cleaner, the father? We made it a place with hardly any darkness, we can retain its light. The touch of peace is still against our skin, because we hoped for it. Within the bounds of sanity, we had no other choice. We never will.

Anlässlich der Europawahl am 26. Mail 2019 haben wir Schriftstellerinnen in der Reihe "Stimmen für Europa" gefragt: Was bedeutet Ihnen Europa? Was gilt es zu schützen und was zu kritisieren? Dabei sind literarische Texte entstanden, die verschiedene kulturelle und sprachliche Hintergründe haben.

A.L. Kennedy, 1965 in Schottland geboren, gehört zu den wichtigsten britischen Autorinnen und wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Zu ihrem Werk gehören Erzählbände und Romane, darunter der Roman "Gleißendes Glück", "Das Blaue Buch" oder zuletzt "Süßer Ernst".

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