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Lesart / Archiv | Beitrag vom 18.11.2016

Steve McCurry: "Lesen"Leidenschaftliche Leser

Von Carsten Hueck

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Ein Leser in Rom, Italien (Steve McCurry / Magnum Photos / Agentur Focus)
Ein Leser in Rom, Italien (Steve McCurry / Magnum Photos / Agentur Focus)

"Magnum"-Fotograf Steve McCurry zeigt in seinem Bildband Leser aus allen Gesellschaftsschichten als würdevoll und neugierig. Ob Reiche in einer Bar oder ein Straßenjunge in Burma - allen bedeutet das Lesen etwas und McCurry lässt den Zuschauer an diesem intimen Akt daran teilhaben.

Steve McCurry gehört zu den weltweit besten Fotografen. Er ist Mitglied der Agentur "Magnum", seine Bilder wurden vielfach ausgezeichnet und sind aus dem kollektiven Bildgedächtnis nicht wegzudenken. Die Bilder des 1950 in Philadelphia,Pennsylvania, geborenen Fotografen, selbst wenn sie in Kriegs-und Krisengebieten aufgenommen sind, wirken meist atemberaubend schön. Die Farben strahlen im Licht, das weich Menschen und Landschaften in fast mythischer Schönheit zeigt.

Im Real Gabinete Português de Leitura in Rio de Janeiro, Brasilien (Steve McCurry / Magnum Photos / Agentur Focus)Im Real Gabinete Português de Leitura in Rio de Janeiro, Brasilien (Steve McCurry / Magnum Photos / Agentur Focus)

Porträts besonderer Art zeigt auch sein eben erschienener Fotoband "Lesen. Eine Leidenschaft ohne Grenzen". Darin versammelt sind Fotos aus aller Welt, die McCurry im Laufe der Jahre aufgenommen und hier nun zum ersten Mal thematisch verbunden hat. Sie zeigen - Leser. Angeregt von dem 1971 veröffentlichten Buch des legendären Fotografen André Kertész "On Reading" versteht sie McCurry als Hommage an dessen Arbeit.

Lesen als selbstverständliche Tätigkeit in der Öffentlichkeit

Betrachtet man diese Fotos, betritt man tatsächlich eine Welt ohne Grenzen. Sie ziehen in den Bann wie eine gute Geschichte. McCurry bezeichnet sich selbst zu recht als "visual storyteller". Zu sehen sind meist einzelne Menschen. Ihre Kleidung und Gesichtszüge verraten unterschiedliche Herkunft, ihre Zugehörigkeit zu unterschiedlichen sozialen Schichten und Kulturen, unterschiedlichen Glauben und unterschiedliche Berufe. Männer und Frauen, Alte und Junge. Was sie verbindet, ist der Akt des Lesens. Alle befassen sich, sitzend, hockend, stehend, liegend, mit Buchstaben auf Papier. Nur eine Ausnahme gibt es: Da beugt sich ein junger Mann in einer New Yorker Bibliothek über sein IPad. Das Gesicht ist vom kleinen Bildschirm erleuchtet und wirkt seltsam wächsern im Vergleich mit den Gesichtern derer, die hinter ihm auf einem Wandgemälde abgebildet sind: drei ältere Männer, Bücher in den Händen, diskutierend und denkend.

Ein Leser in Smederevo, Serbien (Steve McCurry / Magnum Photos / Agentur Focus)Ein Leser in Smederevo, Serbien (Steve McCurry / Magnum Photos / Agentur Focus)

McCurry zeigt Lesen als selbstverständliche Tätigkeit in zumeist offenen Räumen. Mönche, Händler, Taxifahrer, eine junge tätowierte Katalanin, ein Kuweiti, in der Wüste zwischen den Überresten zerstörter Lastwagen, oder Paul Theroux, der Reiseschriftsteller, dessen Loblied auf das Lesen, diesem Fotoband als hinreißende Einführung vorangestellt ist - sie alle lesen öffentlich. Und doch entsteht beim Betrachter das Gefühl, einem intimen Vorgang beizuwohnen.

Steve McCurry zeigt würdevolle Leser

Der US-Fotograf Steve McCurry mit seinem Buch "Lesen"  (dpa picture alliance/ Felix Hörhager)Der US-Fotograf Steve McCurry mit seinem Buch "Lesen" (dpa picture alliance/ Felix Hörhager)

McCurrys Leser wirken würdevoll, konzentriert, neugierig und - verführerisch. Es sind schöne Menschen, die man sofort zum Gespräch auffordern will. Es sind bezaubernde Frauen, die man sofort kennen lernen möchte. Es sind Versehrte und Arme darunter, in einem Hospital in Peschawar, Reiche und Privilegierte, am Strand von Sri Lanka oder in einer Bar in Südafrika. Allen scheint das Lesen etwas zu bedeuten. Zerstreuung ist das für sie nicht. Durch ihre Haltung, ihr Versunkensein verweisen sie auf die Begegnung mit einer anderen Welt als der, in der sie der Fotograf ablichtet. Das macht diese Fotos so außerordentlich: Sie nehmen den Betrachter in die Gemeinschaft der Einzelnen auf.

Steve McCurry: "Lesen. Eine Leidenschaft ohne Grenzen"
Aus dem Amerikanischen von Claudia Theiss-Passaro
Prestel Verlag, München-London-New York 2016
140 Seiten, 29,95 Euro

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(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 05.03.2016)

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