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Lesart / Archiv | Beitrag vom 05.03.2016

Steve McCurry: "Indien"Begegnungen auf Augenhöhe

Von Michael Groth

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Der US-amerikanische Fotograf Steve McCurry 2013 in der Ausstellung "Steve McCurry. Überwältigt vom Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg zwischen seinen Bildern.  (picture alliance / dpa / Ulrich Perrey)
Der US-amerikanische Fotograf Steve McCurry in einer Hamburger Ausstellung mit seinen Bildern (picture alliance / dpa / Ulrich Perrey)

Religiöse Vielfalt und krasse soziale Gegensätze zeichnen das moderne Indien aus. Der US-Fotograf Steve McCurry zeigt die größte Demokratie der Welt seit den 70ern in beeindruckenden Porträtaufnahmen. Ein Sammelband zeigt die besten seiner Bilder.

Die Widersprüche sind eklatant. In Indien werden jedes Jahr etwa eine Million Ingenieure ausgebildet. In Europa oder den USA sind es 100.000. Seit 2005 hat sich die Wirtschaftsleistung verdreifacht – allein der IT-Sektor setzt pro Jahr 50 Milliarden Dollar um. Das Durchschnittseinkommen vergrößert sich stetig. Und die Zahl der Mobiltelefone stieg von drei Millionen im Jahr 2000 auf 929 Millionen im Jahr 2012. 2006 zählte die Zeitschrift "Forbes" 23 indische Milliardäre, 2014 waren es 55.

Zugleich lebt auf dem asiatischen Subkontinent ein Drittel aller Armen weltweit. 72 Prozent der Bevölkerung hat weniger als zwei Dollar pro Tag zur Verfügung, rund 35 Prozent weniger als einen Dollar. Kein anderes Land verzeichnet eine höhere Kindersterblichkeit. Jedes Jahr sterben 1,7 Millionen Kinder an vermeidbaren Krankheiten wie Durchfall.

Leben ohne sauberes Trinkwasser und Elektrizität

Der amerikanische Fotograf Steve McCurry beobachtet dieses Indien seit Jahrzehnten. Als er es zum ersten Mal besuchte, war er war gerade 25 – und kam eher zufällig.

Cover - Steve McCurry: "Indien" (Prestel Verlag)Cover - Steve McCurry: "Indien" (Prestel Verlag)McCurry: "Europa, Lateinamerika, Afrika und den Mittleren Osten kannte ich schon. Ich suchte neue Abenteuer damals. Nach Stand der Dinge konnte ich die in China, Russland oder Indien finden. Indien war am leichtesten zugänglich. Ursprünglich wollte ich nur sechs Wochen bleiben – daraus wurden zwei Jahre, gleich beim ersten Mal. Sie finden in Indien noch Dörfer, in denen es weder Elektrizität noch sauberes Trinkwasser gibt. Für einen Fotografen ist das eine Herausforderung. Sie können ihr Leben hier verbringen und kratzen dennoch gerade mal an der Oberfläche."

Und doch fange er die Seele Indiens, schreibt der Reiseschriftsteller William Dalrymple  in einem Vorwort. Die ältesten der 96 Aufnahmen des 65-Jährigen stammen aus den Siebzigern, die jüngsten Bilder nahm er vor wenigen Jahren auf. Wären sie nicht datiert, fiele es schwer, sie einzuordnen. Ob in den belebten Gassen von Delhi, beim Ganesh-Festival in Mumbai oder auf bunten Märkten in Kaschmir – er zeigt eine Welt, die oft still zu stehen scheint.

Die Menschen, die er porträtiert, sprechen den Betrachter an. Ihre lebhaften Blicke drücken auch in scheinbar auswegloser Lage Würde aus, zum Beispiel die eines alten Handwerkers, den Steve McCurry 1983 während einer Flutkatastrophe in der Provinz Gujarat fotografierte.

"Ich suche Geschichten"

McCurry: "Ich sah diesen alten Mann, bis zu den Schultern im Wasser. Sein Schneiderladen war überschwemmt. Er konnte nur diese alte Nähmaschine retten, die er jetzt auf den Schultern trug. Diese Aufnahme konnte ich mir nicht entgehen lassen. Als seine Nachbarn mich bemerkten, riefen sie ihm zu: 'Du musst lächeln, der Typ fotografiert dich'. Und er lächelte, trotz seiner dramatischen Lage. Es gab dann übrigens ein Happy End. Der Hersteller Pfaff sah das Bild, sie fanden den Mann und schenkten ihm eine neue Nähmaschine."

Wenn ihn eine Person interessiert, spricht er sie an. Er ist spontan, begegnet ihr auf Augenhöhe – und hält sich selbst bescheiden im Hintergrund. Er inszeniert nicht. Entsprechend offen schauen die Leute in die Kamera - manchmal neugierig, manchmal entschlossen: Frauen und Männer mit bunt bemalten Gesichtern in Alltagssituation, in einer Fabrik, am Bahnhof oder auf überfluteten Straßen.

McCurry: "Ich suche Geschichten. Die finde ich oft in den alten Kulturtraditionen. Es sind Situationen, die uns in die Vergangenheit führen. Ich zeige, wie sich die Menschen kleiden oder wo sie wohnen. Das sind Zeitreisen. Im modernen Indien finden Sie Shoppingzentren und funktionale Bürogebäude, die auch in Europa oder in den Vereinigten Staaten stehen könnten. Das ursprüngliche Indien verschwindet in diesen Gegenden. Deshalb schaue ich auf die Gegensätze. Zum Beispiel auf die Feste, auf denen Hunderttausende ihre Spiritualität ausleben – im Gegensatz zur urbanen Mittel- und Oberschicht, die ihr Land kaum anders betrachtet als ich. Diese Gegenüberstellung von 'alt' und 'neu' ist mir wichtig."

Beeindruckt von der indischen Toleranz

Er sei beeindruckt von der Toleranz und von der Freiheit, die der Staat seinen Bürgern gewähre. Für ihn ist Indien die größte Demokratie der Welt, das "Beispiel einer pluralistischen Gesellschaft".

"Von den Staubstürmen Rajasthans bis zu den in Monsunfluten versinkenden Dörfern Bengalens (…) McCurry entführt uns in eine Welt des klaren Lichts, leuchtender Farben und tiefschwarzer Schatten."

Besser kann man es nicht ausdrücken als William Dalrymple, der schottische Historiker, Schriftsteller, Filmemacher und Kurator, der selbst in Indien lebt. Und Steve McCurrys Reise durch das Land ist noch lange nicht zu Ende.

McCurry: "It's a place that I never get tired exploring. I'm sure I will go there for the rest of my life."

Steve McCurry: Indien
Mit einem Vorwort von William Dalrymple
Prestel Verlag, München 2015
208 Seiten, 45,95 Euro

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