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Tonart | Beitrag vom 27.05.2020

Steve Earle: "Ghosts of West Virginia"Sozialist und Countrymusiker

Till Kober im Gespräch mit Mascha Drost

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Steve Earle mit Stirnband und Gitarre steht auf einer Bühne und lacht ins Publikum. (gettyimages / FilmMagic for Bonnaroo Arts And Music Festival )
Steve Earle singt vom Leben der Bergleute und vom Grubenunglück in der Upper-Big-Branch-Kohlegrube im Jahre 2010. (gettyimages / FilmMagic for Bonnaroo Arts And Music Festival )

Mit dem neuen Album unterstreicht Steve Earle seine politische Außenseiterrolle in der Country-Szene. Mit rauer Stimme singt der bekennende Sozialist vom Leben im Kohlerevier der Appalachen. Empathisch und unverkitscht, sagt der Kritiker Till Kober.

Mascha Drost: Earle nennt sich selbst "Sozialist", er setzt sich für grüne Themen ein, kämpft gegen die Todesstrafe und für die Selbstbestimmung der Frau. Mit seinen langen Haaren und seinem langem Bart wirkt er eher wie ein "Outlaw" als ein braver Countrymusiker aus Nashville. Sein neues Album "Ghosts of West Virginia" ist gerade erschienen. Wer ist dieser Steve Earle?

Till Kober: Nun, aus Nashville hat sich Steve Earle schon länger verabschiedet und eigentlich war er dort auch nie richtig zuhause. Earle ist mittlerweile ja auch schon 65, er ist als Teenager von zuhause abgehauen um sein großes Idol, den Singer Songwriter Townes van Zandt zu treffen, sozusagen den Erfinder des Outlaw Country, und um von ihm musikalisch zu lernen. Das ist ihm auch gelungen. Er hat allerdings auch gleich dessen Alkohol- und Drogenkonsum mit übernommen, und so ist er neben einigen Erfolgen in den Country-Charts vor allem durch seine Eskapaden aufgefallen und musste auf deren Höhepunkt sogar eine Zeitlang ins Gefängnis.

Seit Mitte der 90er Jahre ist Earle trocken und äußerst produktiv. Er veröffentlicht ungefähr alle zwei Jahre ein Album, mal bessere, mal schlechtere. Man wünscht sich bei Steve Earle eigentlich mal eine Pause, in der er sich fokussiert und wieder seinen Sound findet. Klasse statt Masse. Genau das ist jetzt aber geschehen. Man kann gar von einem Konzeptalbum sprechen.

Gewerkschaftlich geprägte Tradition

Drost: Konzeptalben sind in der Countrymusic ja eher selten, um was geht es denn hier?

Kober: Das Album heißt "Ghosts Of West Virginia" - die Geister West Virginias - und dreht sich vorrangig um ein Minenunglück im Jahr 2010 in West Virginia, bei dem 29 Menschen ums Leben kamen.

Einige dieser Stücke hat Steve Earle eigentlich für das Theaterstück "Coal Country" geschrieben, hat das ganze dann aber noch etwas weiter gefasst, noch mehr Songs komponiert, und so geht es allgemein um diese Kohlebergbauregion und natürlich um die Menschen, die dort leben und arbeiten.

West Virginia ist eine der ärmsten Gegenden der USA und hat, auch durch den Bergbau, eine stark gewerkschaftlich geprägte politische Tradition, und so wurden lange Zeit immer die Demokraten gewählt. Zuletzt allerdings stimmten fast 69 Prozent für Donald Trump und Steve Earle steht politisch ganz klar links, und so ist dieses Album für ihn auch der Beginn eines Dialogs, wie er es ausdrückt, denn eine der größten Gefahren für ihn ist der Gedanke, dass alle Trumpwähler Idioten und Rassisten seien, denn das sei einfach nicht wahr.

Die richtige Stimme

Und so gibt Steve Earle hier so eine Art lyrischen Reiseführer durch eine Gegend und durch Biografien, die wohl den meisten eher unbekannt sind. Und er hat einfach auch genau die richtige Stimme, um über diese Themen so ungeschönt zu singen.

Drost: Seine Stimme klingt ja fast, als hätte auch er als Bergmann gearbeitet, aber nimmt man dem Musiker, der nicht wie diese Menschen gelebt hat, ab, dass ihm diese Themen am Herzen liegen?

Kober: Ich finde ja. Er nimmt die Sorgen der Leute ernst, die Ängste, die Perspektivlosigkeit und auch dieses Gefühl, wertlos zu sein. Es gibt da einen Song, "It's about Blood", da zählt Steve Earle alle 29 Namen der bei diesem Grubenunglück Verstorbenen auf, das könnte pathetisch sein, ist aber ein wirklich berührender Moment, und auch glaubwürdig, man spürt, das er sich hier nicht an diese Menschen ranwanzen will, es scheint ihm tatsächlich am Herzen zu liegen.

Aber es gibt auch nicht nur traurige oder zornige Lieder, im Gegenteil, der Großteil des Albums ist durchaus beschwingt, tanzbar und fröhlich, sehr kraftvoll gespielt von seiner langjährigen Band "The Dukes", mal akustisch und folkig, mal rau und elektrisch, und dazu ist es auch eine musikalische Respektsbekundung an diese Gegend.

Schmelztigel in den Appalachen

Drost: Das ist interessant, was für eine Musiktradition hat denn West Virginia?

Kober: West Virginia liegt in den Appalachen, einem Gebirgszug, der sich durch die Staaten der Ostküste von Maine bis ganz runter nach Alabama und Mississippi zieht und dort ist im Lauf der Zeit eine ganz eigene Musik, eine ganz eigene Mischung entstanden. Die Appalachen sind ein Schmelztiegel aus Einwanderern aus Europa und Afroamerikanern, also ehemaligen Sklaven, und diese Melange kann man auch hören, es gab hier schon die bereits früh jodelnden Bluesmusiker oder Schotten, die ihre Volkslieder mit dem Banjo begleiteten, was ja eigentlich ein afrikanisches Instrument ist.

Im Prinzip wurde hier alles erfunden was man heute Bluegrass oder Country oder auch Old Time Music nennt, und aus dieser reichen Musikkultur da bedient sich auch dieses Album von Steve Earle, dazu ein sehr schönes Traditional, "John Henry Was a Steel Drivin' Man", John Henry, das ist ja ein oft besungener, fast mythischer Volksheld, der seine Kraft gegen die der Maschinen setzt.

Drost: Wer war denn dieser John Henry?

Kober: John Henry soll angeblich Mitte des 19. Jahrhundert gelebt haben, er war ein sogenanter Hauer, seine Arbeit bestand darin, Sprenglöcher für den Tunnelbau der Eisenbahn in den Fels zu hauen. Als er dann durch eine Maschine ersetzt werden sollte, ist er mit dieser in einen Wettstreit getreten und hat diesen auch gewonnen, soll aber, so die Geschichte, direkt danach vor Erschöpfung gestorben sein.

Drost: Im Allgemeinen klingt das alles doch schon etwas nostalgisch und historisierend, hätte etwas frischer Wind diesen Themen nicht vielleicht besser getan?

Kober: Naja, es weht so ein solidarischer Geist durch dieses Album und Protestlieder, Lieder über die Gewerkschaft und über die Arbeitsbedingungen der Minenarbeiter, die haben hier doch eine große Tradition, Steve Earle reiht sich nun da ein. Earle beschwört auf dem ganzen Album eigentlich einen Traum herauf, den Traum von einem einfachen Leben, in dem man für seine harte Arbeit anständig bezahlt wird, es geht um Gemeinschaft, Familie, Stolz – das sind zeitlose Werte, und es scheint aktuell eine große Sehnsucht danach zu geben.

Mir gefällt sehr gut, das diese Themen nicht rührselig und verkitscht abgebildet werden, das Ganze ist eher das musikalische Gegenstück zu einem Ken Loach Film, könnte man sagen.

Wahrscheinlich wird es nicht die nächste Präsidentschaftswahl entscheiden, aber eine so beseelte, emphatische und verbindende Musik darf es gerne öfter geben.

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