Steinmeiers Rede zum Humboldt Forum

    Stark – an einzelnen Stellen

    12:30 Minuten
    Frank-Walter Steinmeier steht an einem Rednerpult auf einer Bühne, spricht und gestikuliert dabei mit seinem rechten Arm.
    Nicht nur Bundespräsident Steinmeier sprach beim Festakt im Humboldt Forum, sondern auch die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild/Britta Pedersen
    René Aguigah im Gespräch mit Julius Stucke · 22.09.2021
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    Von kolonialer Raubkunst bis zur Shoah: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat eine Rede über die historische Verantwortung der Deutschen gehalten. "Wohlmeinend-zurückhaltend" war das, aber mit starken Passagen, findet Literaturredakteur René Aguigah.
    Es war keine ganz leichte Rede, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an diesem Mittwoch im Berliner Humboldt Forum gehalten hat. Beim Festakt zur Eröffnung der Ausstellungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst sprach er unter anderem zur Frage: Wie soll Deutschland mit seiner kolonialen Vergangenheit und kolonialer Raubkunst umgehen?
    Steinmeiers Rede sei insgesamt eher "wohlmeinend-zurückhaltend" gewesen, sagt Literaturredakteur René Aguigah. Es habe jedoch einzelne sehr starke, wichtige Stellen gegeben.

    Zum Streit über Holocaust und Kolonialverbrechen

    Eine Passage in Steinmeiers Rede, die Aguigah ganz besonders stark findet, bezieht sich auf die seit Monaten unter Historikern und in Feuilletons geführte Diskussion, ob und inwieweit man Holocaust und Kolonialverbrechen miteinander in Beziehung setzen kann.

    Dazu sagte der Bundespräsident zunächst: "Die Erinnerung an den Zivilisationsbruch der Shoah ist und bleibt einzigartig in unserem nationalen Gedächtnis." Kurz darauf fügte er den folgenden Satz hinzu: "Die Gebrochenheit, die die Shoah uns hinterlässt, öffnet den Blick und weitet unser Herz für die Verantwortung vor der Geschichte."
    Was Steinmeier da sage, sei im Prinzip das Gleiche wie das, worum es dem US-Forscher Michael Rothberg mit seiner Formulierung "Erinnerung ist kein Nullsummenspiel" gehe, für die Rothberg in dem Streit über Holocaust und Kolonialverbrechen stark kritisiert wurde: Man könne einer Sache gedenken und auch einer anderen, ohne dabei der ersten Sache etwas zu nehmen. "Mit diesem präsidialen Gewicht, das diese Rede von heute hat, hoffe ich, dass sich dieser Streit so ein bisschen den Sachthemen zuwendet", sagt Aguigah.

    Zur Rückgabe von Kulturgütern

    Zur Frage der Restitution habe sich Steinmeier jedoch eher verhalten geäußert. Der Bundespräsident hat in seiner Rede den nigerianischen Künstler Emeka Ogboh mit dem Satz zitiert: "Wir sind aufgewachsen ohne einen wichtigen Teil unseres historischen Erbes." Steinmeier hat dieses Zitat anschließend mit dem Satz kommentiert, dass ihn das beschäftige.
    "Man kann den politischen Willen, afrikanische Kulturgüter zurückzugeben, auch kraftvoller artikulieren", betont Aguigah. "Und man muss auch sagen: Zumindest in programmatischen Papieren aus dem Bundeskanzleramt und dem Auswärtigen Amt ist das auch schon kraftvoller artikuliert worden."
    Es sei daher sehr wichtig und sehr gut, dass bei dem Festakt auch die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie eine Rede gehalten habe. Die Autorin habe einige Dinge sehr viel klarer artikuliert als der Bundespräsident, vor allem als sie die Rückgabe afrikanischer Kulturgüter eingefordert habe. Es sei jedoch eine Frage, ob das, was sie sage, auch ankomme und Wirkung zeige – und die Rede "nicht nur ein Ornament für die Eröffnungsfeier" gewesen sein werde.

    "Ein Land mit Migrationshintergrund"

    Eine weitere starke Stelle ist für den Literaturredakteur, als der Bundespräsident sagte: "Wir sind ein Land mit Migrationshintergrund." Wie der Bundespräsident bei dieser technizistischen Vokabel für Menschengruppen die Perspektive umdrehe, sei sehr geschickt, findet Aguigah. Die Formulierung "Land mit Migrationshintergrund" nivelliere und relativiere Migration auf eine gute Weise. "Man sieht dann sehr viel mehr die Normalität, die Regel in der Migration, als ständig diese Ausnahme."
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