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Lesart / Archiv | Beitrag vom 18.07.2017

Stefan F. Etgeton über "Das Glück meines Bruders"Der Preis des Aufstiegs

Moderation: Frank Meyer

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Zwei Geschäftsmänner in fliegender Pose und mit Boxhandschuhen (imago / Westend61)
Zwei Geschäftsmänner mit Boxhandschuhen (imago / Westend61)

In Stefan Ferdinand Etgetons Roman "Das Glück meines Bruders" geht es anhand des Konflikts zwischen zwei Brüdern um die Themen Aufstieg und Identität. Er wolle dafür sensibilisieren, dass ein Identitätswechsel manchmal einen hohen Preis habe.

Autor Stefan Ferdinand Etgeton erzählt in seinem Roman "Das Glück meines Bruders" von einer Bruderliebe. Die beiden Protagonisten - Botho und Arno - wachsen gemeinsam auf, ihre Eltern haben ein Zoofachgeschäft. Später verlieren sich die Brüder jedoch aus den Augen, erklärt der 1988 geborene Schriftsteller zum Inhalt des Buches. "Irgendwann bricht der Ich-Erzähler aus und verlässt das Dorf seiner Jugend, bricht auf zum Zivi, bleibt dort, studiert, wird Lehrer und sondert sich in gewisser Weise ab", so Etgeton über den Bruder Botho.

Etgeton lebt in Berlin, studierte Volkswirtschaftslehre. 2015 erschien sein erster Roman "rucksackkometen". An Auszeichnungen erhielt er unter anderem bereits den Hauptpreis bei der Wuppertaler Literatur Biennale 2016 und 2014 den Jury- und den Publikumspreis beim MDR-Literaturwettbewerb. Zur Handlung seines aktuellen Romans sagt Etgeton:

"Jahre später treffen sie sich wieder und der ich-erzählende Bruder realisiert, dass sein Gegenpart richtig runtergewirtschaftet ist und auf Hilfe angewiesen ist, und spürt auch, dass, wenn er überhaupt eine Pflicht im Leben hat, dann jetzt die Pflicht hat, seinem Bruder beizustehen und zu helfen. Darüber ergibt sich dann wieder eine sehr enge Bindung."

Heftiger Konflikt zwischen den Brüdern

Im Laufe des Buches tritt ein heftiger Konflikt zwischen den Brüdern auf: Arno lebt eine Zeitlang von Hartz IV, später bekommt er einen Hausmeisterjob. An einer Stelle wirft er seinem Bruder Botho, der Lehrer geworden ist, vor: "Die Arroganten, die Abgehobenen, die studiert haben, die hassen uns Normalos." Dass sich das zwischen zwei Brüdern abspiele, habe eine besondere Wirkung, meint Etgeton:

"Wenn man einen solchen Zwist austrägt mit dem eigenen Bruder, den man ja eigentlich unglaublich lieben müsste, aber trotzdem der Meinung ist, dass er so etwas wie einen Verrat begangen hätte, dass er sich loslösen wollte, von der eigenen Familie, dass er ausgebrochen war, um sich irgendwo anders dranzuhängen, um nichts mehr zu tun zu haben mit den Mauern, die eine kleinbürgerliche Existenz einem bietet - dann muss irgendwas Schwerwiegendes passiert sein."

Sehr negativer Fall

In seinem Roman gehe es um Identitäten von Personen, so Etgeton: "Entweder haben sie sie qua Geburt oder sie eignen sie sich an." Viele Menschen hätten jedoch nicht die Kapazität, um mehrere Identitäten zu leben. "Das heißt, man beschränkt sich auf eine Rolle. Entweder ist man der städtische, kulturell interessierte Bürger, der Studierte, oder man ist geistig immer noch auf dem Dorf verhaftet."

Er wolle allerdingst nicht für eine der beiden Seiten werben, betont der Schriftsteller. "Ich will dafür sensibilisieren, dass alle Leute, die ihr Milieu oder ihre Familienkonstellation gewechselt haben, manchmal noch Dekaden daran zu tragen haben, auch wenn es manchmal nicht bis zur Oberfläche durchdringt." Der aktuelle gesellschaftliche Diskurs ist zwar in Bezug auf das Thema Identität geprägt von einer Ideologie des Wandels, der Flexibilität. Etgetons Buch jedoch zeigt, welch hoher Preis für einen Identitätswechsel fällig werden kann. "Das ist aber nicht zwingend", so Etgeton. In seinem Roman zeichne er einen sehr negativen Fall.

Stefan Ferdinand Etgeton: "Das Glück meines Bruders"
Verlag C.H. Beck, 2017
240 Seiten, 19,95 Euro

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