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Nachspiel | Beitrag vom 09.08.2020

Stabhochspringer Siegbert GnothHöhenflüge mit 80 Jahren

Von Gerd Michalek

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Silhouette eines Stabhochspringers während des Sprungs, im Gegenlicht (picture alliance / imageBROKER / Uwe Kraft)
Fast so schön wie Fliegen: Stabhochsprung - offenbar auch für ältere Semester noch attraktiv. (picture alliance / imageBROKER / Uwe Kraft)

Viele machen in seinem Alter allenfalls noch Nordic Walking oder Pilates. Siegbert Gnoth dagegen knackt mit 80 Jahren noch Rekorde beim Stabhochsprung. Alles andere wäre dem durchtrainierten ehemaligen Lehrer zu langweilig.

In den Stabhochsprung reingeschnuppert hat Siegbert Gnoth schon als junger Mann – beim Mehrkampf: Damals in den 1960er Jahren war das noch eine sehr archaische Angelegenheit. Von wegen: moderne Matten und Stäbe! "Wir hatten keine Anlage, da gab es Sandberge und harte Knüppel. Da musste man anlaufen und irgendwie drüber."

40 Jahre später hingegen ist die Sache anders: Fast alle großen Leichtathletik-Clubs verfügen über weiche Sprungmatten und Fieberglasstäbe. "Und als dann die flexiblen Stäbe kamen, hatten wir keine. Und als ich knapp unter 60 war, habe ich mal angefangen, die Stäbe zu biegen. Das hat mich fasziniert, weil das ist nicht einfach. Stabhochsprung ist enorm komplex. Da gibt es über 20 Bewegungsfragmente, die man trainieren muss, und bevor man die mal aneinanderreihen kann, dauert das. Eine Herausforderung, ich sag immer, das ist die Kaiserdisziplin."

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Der Niedersachse vom TuS Gildehaus ist ehrgeizig und hat auch 2020 noch große Ziele: "Da möchte ich eigentlich mal Weltmeister werden. Im Stabhochsprung die Rekorde nochmal zu knacken. Den deutschen bei M-75 und Europarekord den halte ich ja – mit 2,85 Metern. Indoor also in der Halle mit 2,80m. Und jetzt habe ich ja den deutschen. Hallenrekord in der M-80 mit 2,70 Meter. Und der Freiluft-Rekord – der Europarekord - liegt bei 2,60 Meter, der Weltrekord bei 2,77 Meter outdoor. Alles so in dem Bereich, wenn man alles klappt. Man muss ja Ziele, Utopien haben."

Porträt des achtzigjährigen Stabhochspringers Siegbert Gnoth im Garten (Gerd Michalek)Stabhochspringer Siegbert Gnoth trainiert immer noch jeden Tag. (Gerd Michalek)

Wer mit 80 Jahren noch 2,80 Meter hoch über eine Latte fliegt, lebt riskant. Er könnte neben die Matte auf harten Boden fallen und sich die Knochen brechen. Das ist Gnoth durchaus bewusst. In der Vergangenheit hat er schon einige böse Überraschungen erlebt.

"Ich habe in meinem Leben drei vier Stäbe schon gebrochen, den letzten in einem Wettkampf in Ibbenbüren in diesem Jahr. Ist nicht einfach, muss man abschalten", sagt er. "Wenn jemand Angst hat, darf er nicht Stab springen. Ich stelle mich im Training hin und fange an mit vier und sechs Schritten und baue dann langsam auf. Und wenn ich mit langem Anlauf und die Leine hochlege, dann konzentriere ich mich auf den Anlauf und das Abspringen, aber ich denke dann nicht mehr an die Gefahren, einfach abschalten, das ist auch eine Kunst!"

Tägliches Training, um beweglich zu bleiben

Die meisten 80-Jährigen schauen sich Sport nur noch im Fernsehen an, Siegbert Gnoth dagegen sprüht nur so vor Tatendrang. Was ihn auszeichnet, ist nicht unbedingt Muskelmasse, sondern seine geschmeidigen Bewegungen. Beweglichkeit und Koordination trainiert er so gut wie täglich, um für Dreisprung, Speerwurf und Hochsprung fit zu sein.

In allen drei Disziplinen sowie im Stabhochsprung, wurde er kürzlich deutscher Ü-80-Meister. "Es klingt ein bisschen eigenartig, ich würde lieber noch bei den 75-Jährigen starten, da habe ich mehr Gegner. Und da könnte ich noch den 500-Gramm-Speer werfen, der kleine 400-Gramm-Speer entspricht nicht unserer Fitness."

Mehr als 38 Meter weit kann er den Speer noch werfen. Doch nicht nur das. Der ehemalige Lehrer und gelernte Werkzeugmechaniker steht auch sonst noch mitten im Leben: Er coacht wöchentlich zwei Sportgruppen und gießt Bronzefiguren.

"Ästhetisch muss es sein"

Der Allrounder gibt sein Wissen gerne weiter: "Ich habe übrigens immer noch so nen kleinen Job an der Schule. Es macht mir Spaß, mit Kindern nachmittags kreativ mit Ton zu arbeiten. Wenn die das ein bisschen üben - Dritt- und Viertklässler – das geht. Ich lege immer Wert auf deutsche Wertarbeit und es geht nicht: 'Bin einfach fertig!' sondern: 'Guck mal - hier geht noch was!' Das macht eigentlich Spaß. Ich mache ja nicht nur Sport: Wir haben hier zehn Jahre Rockband gespielt neben dem Sport."

Weil ihm sein Sport derart viel Spaß macht, möchte er noch bei so manchem Wettkampf mitmischen. "Erstmal sag ich immer: Es gab so einen Film nach dem Krieg: 'So weit die Füße tragen'. Einer aus Sibirien, ein deutscher Soldat, flieht dann, ganz spannender Film. Das Kriterium ist ja: Ich muss fit bleiben. Wenn ich so versteift bin, dass es kein Spaß ist, dass es wehtut, dass es nicht mehr toll aussieht. Ästhetisch muss es sein. Mein Sohn hat mir immer gesagt: "Wenn du beim Dreisprung vom Brett nicht mehr in die Grube kommst, dann hole ich dich von der Bahn." Da hat er Recht."

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