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Kompressor | Beitrag vom 28.09.2020

"Spy X Family"Dieser Manga begeistert alle

Von Stefan Mesch

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Zeichnung aus dem Comic: "Spy x Family", Kazé Verlag, 2020. (Kazé / SPY × FAMILY © 2019 by Tatsuya Endo/SHUEISHA Inc.)
"Spy X Family" ist temporeich, pointensicher, überraschend tiefgründig, voll nuancierter Nebenrollen und Perspektivwechsel, sagt unser Kritiker. (Kazé / SPY × FAMILY © 2019 by Tatsuya Endo/SHUEISHA Inc.)

Eine Komödie? Ein Agenten-Abenteuer? Ein Familien-Rührstück? Der Manga "Spy X Family" zieht viele Register. Im Oktober erscheint der erste Band auf Deutsch. "Einladend, zugänglich, dennoch originell", urteilt unser Kritiker Stefan Mesch.

Der erste von fünf Bänden der "Spy X Family" erscheint auf Deutsch, und er spielt in einem erdachten Ostberlin: Der härteste und penibelste Agent des Westens lebt hinter dem Eisernen Vorhang, im repressiven Staat Ostania (Hauptstadt: Berlint). Damit kein Krieg beginnt mit dem Nachbarland Westalia soll Ostanias Präsident, Donovan Desmond, ermordet und ersetzt werden.

Fake-Familie mit besonderen Fähigkeiten 

Eine neue Tarn-Identität ist schnell erstellt: Psychiater und Spießbürger Loid Forger. Doch weil sich Desmond kaum öffentlich zeigt, braucht Forger ein Kind, das die Kaderschmiede "Eden Academy" besuchen und sich mit Desmonds Erstklässlersohn Damian anfreunden kann.

Im Waisenhaus findet Loid die Vorschülerin Anya. Büroangestellte Yor wird Alibi-Mutter und -Ehefrau. Die Drei beziehen eine standesgemäße Wohnung. Nur merkt Meisterbeobachter Loid nicht, dass Yor als Auftragsmörderin arbeitet, dass Anya Gedanken lesen kann - und dass der Hund Bond ab und zu in die Zukunft blickt.

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Autor und Zeichner Tatsuya Endo, geboren 1980, weiß, wie albern und hanebüchen die vier Figuren wirken können, und gibt sich alle Mühe, Erwartungen und Klischees zu unterlaufen.

Melancholischer Blick auf einen 80er-Jahre-Unrechtsstaat 

"Spy X Family" ist ein melancholischer, oft überraschend existenzieller Blick zurück auf einen stilecht inszenierten 1980er-Jahre-Unrechtsstaat voller Wählscheiben-Telefone und John-le-Carré-Romantik. Eine Undercover-Familie, oft tiefschürfend wie die russischen Agenten in der Drama-Serie "The Americans" (2013).

Zugleich aber ist der sehr klar und aufgeräumt erzählte Comic eine Sitcom, eine Farce - ein Kartenhaus aus Lügen, Tricks und absurden Eskalationen, das Kinder ab 10 Jahren begeistern kann.

Kapitel mit Anya als Hauptfigur zeigen die oft haarsträubenden Ansprüche und Fallstricke, mit denen das Elite-Institut schwächere Kinder aussieben will. Hinzu kommen Anyas ungelenke Versuche, Damian zum Spielkameraden zu gewinnen und sich durch Gedankenlesen ins Herz ihrer Pseudo-Eltern zu tricksen.

Sitcom-Plots und Slapstick mit ernsten Fragen

Kapitel mit Loid benutzen oft Sitcom-Plots wie "Mein misstrauischer Schwager kommt zum Dinner", schrauben die Komplikationen so hoch, dass Loid trotz bester Vorbereitung ins Straucheln kommt und flechten in Passagen voller Slapstick elegant Fragen nach Schuld, Kriegs-Traumata und "Heiligt der Zweck die Mittel?" ein.

Bloß "Mutter" Yor bleibt zu seicht, in den ersten fünf Bänden: Im Töten ist sie ein Naturtalent. Doch weil sie so schlecht kocht, dass niemand das Essen bei sich behalten kann, hat Yor bald Angst, ersetzt oder verstoßen zu werden, und müht sich, eine 80er-Jahre-Klischeegattin zu werden: eine naive Figur mit übergroßem Herzen, übergroßen Brüsten, unreflektiert und unemanzipiert. Da müsste mehr kommen.

Auch "Berlint" als Handlungsort wirft Wien-, Budapest-, "Old Europe"-Charme in einen Topf mit Diktatur- und Stasi-Anspielungen. Ist Ostalia sozialistisch? Die Folgen genau welches Krieges prägten die Kindheiten von Yor und Loid? War es ein Konflikt wie der Prager Frühling oder etwas wie der Zweite Weltkrieg und der Holocaust?

Pointensicher und überraschend tiefgründig

"Spy X Family" erzählt langsam, episodisch und als könne hier im Lauf von fünf bis zehn Jahren ein politisches Panorama entfaltet werden. Ein Kapitel, retro und griffig wie eine Folge "Bezaubernde Jeannie", kann enden wie "Die Bourne-Identität". Dass Loid, um einen neuen Krieg zu verhindern, Yor tötet, wirkt ebenso naheliegend und möglich wie 20 Seiten "Anya spielt Völkerball", "Yor macht einen Kochkurs" oder "Wie startet der Schulleiter in seinen Arbeitstag?".

"Spy X Family" ist temporeich, pointensicher, überraschend tiefgründig, voll nuancierter Nebenrollen und Perspektivwechsel: Nicht "gut für einen Manga" oder "empfehlenswert für Leute, die mit 80er-Jahre-Agenten-Pathos aufwuchsen". Sondern: Handwerklich, zeichnerisch, literarisch so gekonnt und klug austariert, dass völlig egal ist, wie man zu Mangas steht, zu gedankenlesenden Sechsjährigen oder zu Agenten, so überspannt wie ein Storch im Salat.

Keiner sagt über "Findet Nemo": "Schauen Sie das, sofern Sie Fische spannend finden." Sondern: "Es war mitreißend, witzig, und zwei Mal musste ich fast heulen." So erzählt auch "Spy X Family". Ein großer Wurf.

Tatsuya Endo: "Spy X Family"
Band 1, aus dem Japanischen von Lasse Christian Christiansen
Kazé Verlag, Lausanne,
erscheint am 1. Oktober 2020
214 Seiten, 7 Euro

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