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Interview | Beitrag vom 29.04.2020

Sprunginnovationen in Krisenzeiten"Ein Impfstoff wird uns die Freiheit wiedergeben"

Rafael Laguna de la Vera im Gespräch mit Dieter Kassel

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Rafael Laguna de la Vera ist Direktor der Bundesagentur für Sprunginnovationen und Software-Unternehmer. (SprinD GmbH)
Rafael Laguna de la Vera ist Direktor der Bundesagentur für Sprunginnovationen und Software-Unternehmer. (SprinD GmbH)

In der Coronakrise könnte eines helfen: eine Sprunginnovation. Dafür zuständig ist in Deutschland einen Bundesagentur. Geschäftsführer Rafael Laguna erklärt, woran die Innovatorinnen und Innovatoren derzeit arbeiten und was die Zukunft vielleicht bringt.

Dieter Kassel: Etwas zu entwickeln, das sinnvoll ist und sich auch verkaufen lässt, ist schön und gut, aber noch keine Sprunginnovation. Beispiele für einen wirklichen Sprung sind so grundsätzliche Dinge wie das Radio, das Auto, das Internet oder auch das Smartphone. Da merkt man schon: Die beiden aktuelleren Beispiele kommen nicht aus Deutschland. Damit sich das wieder ändert, gibt es die Bundesagentur für Sprunginnovationen. Von deren Geschäftsführer Rafael Laguna de la Vera wollen wir wissen, welche Innovation gerade jetzt in der Krisenzeit die Welt verändern könnte. Ich gebe zu, ich hätte jetzt gerne eine App, die das Coronavirus abschaltet und mein Leben wieder so werden lässt wie vorher, in meinem Fall bitte iOS-kompatibel. Haben Sie so etwas gerade im Angebot?

Laguna: Leider nein, aber Sie werden es nicht glauben: Wie konnten ein klein wenig mithelfen, dass wir ganz vorne mit dabei sind bei der Entwicklung eines Impfwirkstoffes.

Kassel: Es muss ja nicht immer eine App sein, die man erfindet. Ein Impfstoff, der nun wirklich endgültig helfen würde, das wäre auch für Sie eine Sprunginnovation?

Laguna: Ja, vor allen Dingen, wenn der auf eine ganz andere Art entwickelt wird und ganz schnell in großen Stückzahlen bereitgestellt werden kann. Und wir haben so eine Firma in Deutschland, die so eine Technologie entwickelt, und wenn das klappt, wäre das absolut eine Sprunginnovation.

Impfstoff aus Süddeutschland

Kassel: Handelt es sich dabei um die berühmte Firma CureVac aus Süddeutschland, über die schon viel diskutiert wurde?

Laguna: Genau. CureVac macht eine RNA-basierte Methode, die genetische Schnipsel in Zellen bringt, die dann den Wirkstoff selber herstellen. Diesen Wirkstoff kann man in einer Menge herstellen, die sofort für viele Millionen Impfungen zur Verfügung stünde, wenn man die Wirksamkeit und die Unschädlichkeit nachgewiesen hat. Das ist schon sensationell.

Kassel: Das beantwortet für mich die Kernfrage, ob in Krisenzeiten solche Innovationen anders entwickelt werden? In dem Fall haben Sie vermutlich nicht das Problem zu erkennen, ob etwas wirklich eine Sprunginnovation ist oder nicht?

Laguna: Ja, man kann jetzt in dem Falle sehen, dass eine solche Krise natürlich Prozesse beschleunigt und es einfacher macht, zu sehen, was jetzt wirklich sprunginnovativ wäre und was man wirklich braucht. Wir sehen das ja auch in der Beschleunigung der Digitalisierung: Wir sind jetzt alle Videokonferenzexperten, wir sind auch Backexperten und Nähexperten geworden, was ja in jeder Beziehung eine tolle Entwicklung ist. Viele Sachen werden beschleunigt und viele Sachen kriegen einen Fokus und eine Bedeutung, die vielleicht vorher nicht so klar war, und manche Sachen sind einfach wichtig fürs Überleben. Am Ende des Tages wird ein Impfstoff uns die Freiheit wiedergeben und das, was wir jetzt durchleben müssen, beenden. Da ist es nicht schwierig, zu erkennen, ob das jetzt wichtig ist oder nicht.

Krise als Druckmittel

Kassel: In so einem Fall ist aber auch der Druck größer. Als das Internet erfunden wurde oder auch ein Codec wie mp3 hat eigentlich niemand direkt darauf gewartet. Das hat sich entwickelt. Und jetzt sagen alle: Nun erfindet das doch mal! Ist der Druck eher ein Vorteil oder ein Nachteil?

Laguna: Beides. Es ist ein Vorteil, weil man Abkürzungen gehen kann, die man vorher so nicht gehen kann. Der Nachteil: Man möchte jetzt nicht unbedingt in der Haut von den Häuptlingen der CureVac stecken. Wir haben ja in der Presse gelesen, was da so alles läuft. Das ist natürlich ein Megadruck, der sich auf den Leuten aufbaut. Aber ehrlich gesagt: Innovatorinnen und Innovatoren brennen für ihr Thema und können so einen Druck auch wirklich gut aushalten. Sie finden ihn vielleicht sogar noch richtig gut, denn die Welt wird jetzt darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig das ist, was sie da eigentlich tun. Von daher halte ich solche Situationen eher förderlich für Sprunginnovationen.

Kassel: CureVac ist auch ein Beispiel für internationale Konkurrenz. Es gab großes Aufheben und tatsächlich Versuche aus den USA, diese Firma aufzukaufen - oder zumindest so viel Beteiligung zu haben, dass der Impfstoff zuerst dort eingesetzt werden könnte. Das wird jetzt nicht passieren, weil die Firma das einfach nicht wollte. Wie ist in einer Bundesagentur das Verhältnis bei Sprunginnovationen zwischen internationaler Zusammenarbeit auf der einen Seite und Konkurrenz zwischen den Nationen auf der anderen?

Laguna: Wir sind eine deutsche Agentur, aber wir sind natürlich Europäer und wollen das Ganze letztlich auf europäischer Ebene machen. Von daher ist es auf europäischer Ebene ganz klar ein Zusammenarbeitsthema. Auf internationaler Ebene müssen wir schauen, mit wem wir wie zusammenarbeiten wollen und mit wem nicht. Eine Krise zeigt auch, wie man sich da aufstellen muss.

Ich denke, einige der Globalisierungseffekte werden sicherlich zurückgedreht, einige der Fertigungsketten werden wahrscheinlich wieder zentralisiert. Auch das hat Potenzial für Sprunginnovationen, und das ist auch gut so. Wir sehen in aller Klarheit, was wo wie wichtig ist. Wir arbeiten mit Menschen aller Nationen, aber die Arbeit muss hier in Deutschland stattfinden, und der Nutzen der Sprunginnovationen muss in Deutschland und Europa bleiben. Das ist Auftrag der Agentur für Sprunginnovationen. Dafür können wir ein fantastisches Umfeld bieten, sowohl als Land, aber auch als Bundesagentur, die natürlich ganz andere Möglichkeiten hat.

Fraunhofer-Institut entwickelte mp3

Kassel: Der Audio-Codec mp3 ist in Deutschland entwickelt worden. Richtig Geld verdient haben aber jene, die damit eine ganz neue Form von Musikindustrie und Musikverbreitung aufgebaut haben, im Wesentlichen von den USA aus. Zumindest, was Musik im Internet angeht, hat mp3 die Welt ja durchaus verändert. Das ist eine Sprunginnovation. Nicht nur aufgrund der deutschen wissenschaftlichen Rechtsgegebenheiten haben aber die Erfinder von mp3, nicht richtig viel damit verdient. Wie verhindert man so was?

Laguna: Also die sind richtig reich geworden. Ich glaube, wenn Sie sie fragen, würden sie schon sagen, das war gut. Aber trotzdem haben Sie recht. In Schweden gibt es Spotify, das liegt immerhin noch in Europa, aber natürlich gucken wir alle in die USA Richtung Apple mit I-Pod und jetzt wertvollste Firma der Welt und so weiter, wo das eigentliche Geld gemacht worden ist. Deswegen gibt es die Agentur.

Wir haben ein hervorragendes Wissenschaftssystem, mp3 wurde im Fraunhofer-Institut in Erlangen entwickelt, und es wurden auch hübsche Lizenzeinnahmen generiert, aber das System ist nicht dazu gebaut, dann auch die wirtschaftliche Umsetzung zu fördern und quasi ein Apple zu bauen. Wir kommen jetzt daher und wollen Wirtschaft und Wissenschaft zusammenbringen, unterstützt von der Politik und vom Bund, um beides zu machen: Großartige Erfindungen, die wir aber dann auch unternehmerisch und wirtschaftlich in eine Industrie oder in eine volkswirtschaftliche Veränderung umsetzen, die uns viele Jahrzehnte Nutzen bringt.

Bill Gates hat das Internet verpennt

Kassel: Die große Frage, die Ihnen schon oft gestellt wurde, seit klar ist, dass Sie einer der Geschäftsführer dieser Agentur werden, es eine der spannendsten: Wenn wir jetzt keine Coronakrisenzeit hätten, wie merken Sie denn dann, welche Innovation wirklich das Potenzial hat, eine Sprunginnovation zu werden? Bitte nicht vergessen: Bill Gates hat sich in dem Zusammenhang mal sehr blamiert.

Laguna: Es ist trotzdem gut gelaufen für ihn. Rückblickend: Er hat die Coronakrise vorhergesagt, da war er gut, aber er hat auch vorhergesagt, dass wir alle einen PC auf den Schreibtisch bekommen und darauf sein Geschäft aufgebaut. Aber natürlich hat er auch Vorhersagen gemacht, die falsch waren. Vor allen Dingen aber hat er das Internet und das Thema Mobiltelefone oder Smartphones verpennt. Aber so ist das. Stellen Sie sich mal vor, ein Mensch würde all diese Vorhersagen machen.

Unsere Aufgabe ist da ein bisschen leichter, weil wir das ja nicht aus dem Kontext einer Firma heraus machen müssen. Wir müssen auch nicht alle Ideen in der Agentur haben. Wir sind der Magnet für Innovatorinnen und Innovatoren, die für ihre Themen brennen, die über nichts anderes nachdenken als dieses Thema, häufig schon seit ihrer Jugend, morgens direkt nach dem Aufstehen, nachts vorm Ins-Bett-Gehen und träumen tun sie auch noch davon, und sich oft 10, 20, 30, manchmal 50 Jahre mit einem Thema beschäftigen und dort dann einfach automatisch die besten Experten werden, und das hoffentlich in Feldern, die potenziell Sprunginnovationen haben.

Finanzierung verrückter Ideen

Wir suchen uns also diese Menschen, die in Feldern unterwegs sind, von denen man die Hoffnung haben kann, dass sie sprunginnovativ sein könnten, und geben ihnen die Gelegenheit, das umzusetzen bis hin zu einem Ding, was eben in den Wirtschaftskreislauf oder in die Volkswirtschaft einfließen kann. Das mag eine Firma sein, das mag etwas sein, was man in bestehende Strukturen gibt, das mag aber auch einfach nur eine Veränderung eines Systems sein. Die werden nicht alle funktionieren, das heißt, wir werden unterwegs scheitern. Das ist auch neu, dass eine Bundesagentur Geld ausgibt für Themen, die auch mal schiefgehen können. Das ist fast verboten, weil das ja nach Steuerverschwendung klingt.

Wir schaffen aber ein Finanzierungssystem einer Agentur, die das darf, weil Sprunginnovationen eigentlich oftmals erstmal verrückt klingen, wenn man sie hört. Auch das Internet und das Smartphone, das Auto oder das Radio hatte nicht nur Freunde, als sie kamen. Es war auch nicht direkt offensichtlich, dass sie die Welt verändern werden. Als das iPhone kam, hat sich der damalige Weltmarktführer Nokia lustig drüber gemacht und gesagt: Wer gibt denn 700 Dollar für ein Telefon aus? Macht kein Mensch.

Kassel: Was auch daran lag, dass Nokia ja schon vorher versucht hatte, ein bisschen mehr als nur Telefonieren zu ermöglichen und sich das nicht durchgesetzt hat. Angesichts der Qualität unserer Handyleitung glaube ich, das mit dem Mobilfunk wird sich langfristig nicht durchsetzen. 

Laguna: Leider wahr, wir arbeiten daran. Wir lassen uns etwas einfallen.

Kassel: Vielleicht ein Sprung. Sie erfinden gleich 6G, dann haben wir auch Huawei hinter uns.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das Gespräch ist Teil unserer Reihe: Wirtschaft nach der Coronakrise.

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