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Nachspiel | Beitrag vom 09.08.2020

Sportmetropole BerlinVor dem Corona-Abgrund

Von Wolf-Sören Treusch

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Training der Frauenmannschaft des Berliner Hockey-Clubs. (Wolf-Sören Treusch)
Endlich wieder Zweikämpfe: Die Spielerinnen des Berliner Hockey-Clubs. (Wolf-Sören Treusch)

Seit März waren die meisten Sportplätze der Vereine tabu. Mit verheerenden Folgen für die Nachwuchsförderung. Jetzt darf wieder trainiert werden. Doch am Beispiel Berlins wird deutlich: Ohne finanzielle Zuwendungen ist der Neustart nicht zu stemmen.

"Heute erstes Training, achtet auf die Abstände, auch wenn ihr euch gegenseitig vermisst habt und euch wieder knuddeln wollt und euch liebkosen wollt, alles gut, aber nach dem Training, alles klar Jungs?" Es ist der 19. Mai: Mit launigen Worten begrüßt Trainer Zeljko Ristic seine Spieler zur ersten Übungseinheit nach der Corona-Zwangspause. Gut zwei Monate haben die Fußballer des Berliner SC den Platz nicht mehr betreten.

Für Mannschaftskapitän Louis Arnst "komplett ungewohnt", wie er sagt. "Man ist dann auch nicht richtig ausgelastet, wir haben sonst auch drei, vier Mal die Woche Training, plus am Wochenende ein Spiel, das geht schon immer auf den Körper. Und wenn das dann auf einmal abrupt wegfällt, dann hat man auf einmal auch viel mehr Zeit, für andere Dinge, ist auch mal ganz schön, aber es fehlt einem dann doch schon nach ein, zwei Wochen."

– "Jungens, Abstände einhalten! Achtet auf die Abstände."

Die Auflagen, unter denen die Fußballer im Mai und Juni wieder trainieren dürfen, sind streng. Maximal acht Personen pro Gruppe, ein Meter fünfzig Mindestabstand, Zweikämpfe verboten. Zeljko Ristic, der sowohl die 1. Herren als auch die U 19 des Klubs trainiert, hat aus 32 Spielern vier Gruppen gebildet. Quasi im Schichtsystem übt er mit ihnen einfache Passkombinationen und Torschüsse. "Es ist wirklich schwierig, weil: im Prinzip musst du alles kontrollieren, eigentlich bist du ein Kontrollorgan und kein Trainer", sagt der Trainer.

"Die musst du auseinanderhalten. Das ist zu dicht", mahnt der Sportwart. Ristic hält dagegen: "Habe ich schon gesagt." –"Wir wollen keine Schließung hier haben mehr." – "Gab es schon eine?" – "Wir standen kurz davor."

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Platzwart Frank Obermüller passt auf, dass die Coronaregeln eingehalten werden. Andere Nutzer der Sportanlage auch. "Das ist jetzt noch nicht mal Anschwärzen, für mich ist das ein Aufeinander aufpassen. Sollte hier das Gesundheitsamt kommen, und et looft so wie es gerade hier läuft, schließen sie uns die Anlage. Dann hat keiner mehr was davon."

Der erste Kick nach der Pause 

"In die Lücken bewegen, in die Lücken rein bewegen!" ruft Ristic. Der erste Kick nach der Corona-Zwangspause? Insgesamt unbefriedigend. Den Fußballern könnte es egal sein, die Meisterschaft wurde abgebrochen. Nicht aber der Pokalwettbewerb. Und hier trifft der Sechstligist Berliner SC auf den Viertligisten und letztjährigen Pokalsieger Viktoria 89. Trainingseinheiten wie die heute sind keine gute Vorbereitung.

BSC-Mannschaftskapitän Louis Arnst sieht es dennoch gelassen: "Wir spielen ja gegen Viktoria, denen wird es wahrscheinlich ähnlich gehen, das sind auch nur Menschen und keine Maschinen, und die müssen auch erstmal wieder reinkommen, von daher sehe ich das eigentlich relativ entspannt. Ist natürlich eine Herausforderung, aber dafür spielen wir auch Fußball, für solche Spiele."

Fußballtraining des Berliner Sport Clubs (Wolf-Sören Treusch)Kicken mit Abstand beim Berliner SC. (Wolf-Sören Treusch)

Wann und unter welchen Bedingungen das Pokalhalbfinale ausgetragen wird, ist zu diesem Zeitpunkt völlig offen. Ein Dilemma, in dem der Berliner, aber auch der Sport insgesamt in Deutschland steckt. Langfristige Planungen in Zeiten der Pandemie? Undenkbar.

Vereine in finanzieller Not

Der Deutsche Olympische Sportbund prognostiziert für seine Mitgliedsorganisationen deshalb Schäden in Milliardenhöhe. DOSB-Präsident Alfons Hörmann sieht eine Pleitewelle auf den organisierten Sport zurollen: "Wenn es wirklich so sein wird, dass vor 2021 keine Veranstaltungen und keine nennenswerten Aktivitäten im Wettkampfsport möglich sind, dann befürchten wir, dass Sportdeutschland 2021 nicht mehr wiederzuerkennen ist, weil damit dann ein Dominoeffekt entsteht, und aus den vielen Brandherden, die wir derzeit erkennen, ein Flächenbrand werden dürfte, der auch in dem Teil der Gesellschaft zu nachhaltigen und drastischen Schäden führen wird."

Die Sportstätten gesperrt, keine Wettkämpfe, keine Zuschauereinnahmen: Viele Vereine und Verbände stehen jetzt schon am finanziellen Abgrund. Bund und Länder haben deshalb diverse Soforthilfeprogramme geschnürt – der Berliner Senat in Höhe von 8,2 Millionen Euro. Ein Viertel der Summe fließt auf die Konten der vier Profiklubs im Hallensport: Das sind die Basketballer von Alba Berlin, die Eishockey-Eisbären, die Handball-Füchse und die BR Volleys.

Deren Geschäftsführer Kaweh Niroomand, gleichzeitig Sprecher aller Berliner Profiklubs, ist froh über diesen Schritt. "Wenn wir nicht die richtigen Unterstützungen bekommen hätten, dann hätte tatsächlich der Berliner Sport am Abgrund gestanden. Vor allen Dingen auch die Profiklubs, weil: Die sind sehr abhängig von den Zuschauereinnahmen, von den Beiträgen der Sponsoren, wir alle wären wirklich in eine sehr schwierige Situation reingekommen, wenn die Beschlüsse, die jetzt gefasst worden sind, auch seitens der Politik, nicht gekommen wären."

Vor allem der Nachwuchs braucht Geld

Am Beispiel der Nachwuchsarbeit in seinem Verein macht der Manager der BR Volleys deutlich, wie wichtig die finanziellen Hilfen sind. "Wir haben gerade ein neues Programm vor drei Jahren aufgesetzt gehabt – berlinweit mit anderen Vereinen –, wo wir inzwischen über 350 Kinder in diesem Programm drin haben", berichet Nroomand. "Wir haben selber im Verein 20 Jugendtrainer, die wir über Jahre aufgebaut haben, wir haben natürlich versucht, die alle auch weiter zu bezahlen, damit die uns nicht abhandenkommen, das war uns enorm wichtig, dieses Gerüst nicht zu verlieren. Weil: in dem Moment, wo wir die Trainer verlieren, da verlieren wir auch die Spieler und die Kinder."

Die vier Profiklubs aus dem Hallensport setzen jedoch nicht nur auf staatliche Hilfen. Sie versuchen, die schwierige finanzielle Situation aus eigener Kraft zu meistern. 

Wie alle Klubs in der DEL haben auch die Berliner Eisbären ihre Spieler dazu verpflichtet, in der kommenden Saison ein Viertel ihres Gehalts von den Umsatzerlösen des Vereins abhängig zu machen. Soll heißen: 75 Prozent des Gehalts sind garantiert, mehr gibt es nur, wenn die Einnahmeseite stimmt.

Und die Handball-Füchse Berlin reduzierten gleich zu Beginn der Coronakrise ihren Kader um zwei Profis und setzen jetzt verstärkt auf den eigenen Nachwuchs. Zudem ging Manager Bob Hanning Klinken putzen. Bei den Sponsoren wie bei den Fans. Mit Erfolg, sagt er: "Ich habe persönlich jeden einzelnen Dauerkartenbesitzer angeschrieben, ihm die Situation erklärt, und wir haben insgesamt 1100 Euro an unsere Dauerkartenbesitzer zurücküberwiesen."

Sechs Millionen für den Berliner Amateursport

Nur 1100 Euro. Eine geringe Summe im Vergleich zu dem, was die Fans hätten zurückfordern können. Von den gut acht Millionen Euro, die der Berliner Senat bereitstellt, erhält der Amateur- und Breitensport in der Hauptstadt sechs Millionen. Die ersten Hilfsgelder wurden bereits abgerufen, bestätigt der Präsident des Berliner Landessportbundes, Thomas Härtel.

"Also ist zumindest bei uns über den Landessportbund knapp eine Million Euro abgeflossen, nach den Prüfungen der Anträge, die bei uns eingehen. Wir haben insgesamt etwa 140, 150 Anträge vorliegen, es werden aber weitere folgen. Es stellt sich heraus, dass bei den Vereinen natürlich die Frage ‚Mitglieder‘ eine Rolle spielt, obwohl erstaunlich ist, dass viele Mitglieder tatsächlich die Treue halten. Das ist ein tolles Zeichen für den Sport, aber sie haben natürlich Einnahmeverluste aus Gastronomie, aus Kursen, die sie machen gerade im Gesundheits- und Rehabilitationsbereich, das belastet die Vereine schon sehr schwer."

Bisher weitgehend unbeschadet durch die Krise gekommen ist der Berliner Hockeyclub, einer der erfolgreichsten Hockeyvereine in Deutschland. Idyllisch gelegen am Rande des Grunewalds. Der BHC verfügt über viele zahlungskräftige Mitglieder, die halten ihrem Klub bisher die Treue.

Aber Sponsoren sprangen ab. Wegen Corona, bestätigt Vereinspräsident Dirk Gassmann: "Ganz konkret bedeutet das, dass von den drei großen Sponsoren, die wir für unsere beiden Bundesligisten haben und für den Jugendbereich, sich zwei dafür entschieden haben, ihr Engagement nicht weiterzuführen, im Damenbereich konnten wir das schon mit einem neuen Sponsor erfolgreich überwinden, das Problem, im Jugendbereich sind wir nach wie vor auf der Suche, aber da zeichnet sich auch eine Lösung ab. Also das sind natürlich Summen, die sind im niedrigen fünfstelligen Bereich."

Endlich den Hockeyschläger wieder in der Hand

Es ist der 14. Juli. Erstmals seit dem Lockdown stehen die Bundesliga-Frauen des BHC wieder als Mannschaft auf dem Kunstrasenplatz. Wie alle anderen Kontaktsportarten war auch das Hockeyspielen im Team seit Mitte März verboten.

Als am Ende des Trainings Zweikämpfe geübt werden, also genau das, sagt Mannschaftsführerin Jana Gonnermann, worauf sie vier Monate lang verzichten mussten, ist die Stimmung ausgelassen. "Heute war super. Man hat uns angesehen, dass wir uns sehr gefreut haben aufs Spielen. Ist irgendwie nochmal was anderes, wenn man den Schläger wieder in der Hand hat und wirklich zusammen auf dem Platz spielt, Hockey spielt, jeder hat sich unglaublich gefreut, dass es wieder losgeht."

"Weil es wirklich so cool ist, gemeinsam irgendwie die Aktion zu machen, aufs Tor zu schießen, Zweikämpfe zu führen, zusammen zu spielen, man hat‘s auch auf dem Spielfeld gehört, wir haben uns gegenseitig angefeuert, wenn man einen guten Torschuss gemacht hat, kriegt man einen Kommentar, wenn man einen guten Ball gespielt hat, das ist einfach was Besonderes."

Torfrau Anna Kilian gehört zum Perspektivkader der deutschen Hockey-Nationalmannschaft. Mit Hilfe einer Sondergenehmigung trainierte sie auch während der Corona-Zwangspause. Kontaktlos und mit Abstand. Technik, vor allem aber Athletik. "An sich macht man ja den Sport, um Hockey zu spielen, und Athletik ist mehr so Mittel zum Zweck, damit man besser im Sport wird, und Dinge einem leichter fallen, wenn man dann weiß, ‚okay, ich weiß nicht so richtig, wann es dann weitergeht", sagt Kilian. "Aber ich muss trotzdem Athletik halt machen und mich fithalten, dann kann es sehr langwierig sein und macht auch nicht unbedingt Spaß. Umso cooler ist es, jetzt wieder richtig einsteigen zu können, das zu machen, warum wir eigentlich spielen."

Training zu Hause im Hof

Jana Gonnermann fand zu Beginn des Lockdowns für kurze Zeit noch einen anderen Ort, an dem sie ihrer Leidenschaft nachgehen konnte. "Ich war, Tatsache, im Hof spielen. Im Hinterhof, habe ich meinen Schläger genommen und bin mit dem Ball hinten in den Hinterhof gegangen. Tat mir auch ein bisschen leid um die Nachbarn, ehrlich gesagt, weil: Es hallt natürlich sehr, deswegen konnte man es dann vielleicht nicht so lange machen."

Weil Jana und die anderen auch etwas Sinnvolles mit ihrem Bewegungsdrang anstellen wollten, liefen sie im Juni, um Spenden zu sammeln. Einen Monat lang so viele Kilometer wie möglich, die Laufstrecken wurden getrackt, die Kilometer addiert. Herauskamen knapp 1700 Laufkilometer, umgerechnet 600 Euro. Die gehen jetzt als Spende an die DKMS, ehemals Deutsche Knochenmarkspenderdatei. "Neben dem ganzen Hockey, und wir freuen uns darüber, steht ja auch irgendwie trotzdem auch noch die Gesundheit", sagt Gonnermann.

Gruppenbild der Spendensammlerinnen des Berliner Hockey-Clubs (Wolf-Sören Treusch)Spendensammlerinnen des Berliner Hockey-Clubs (Wolf-Sören Treusch)

Und deshalb haben die Spielerinnen sich konsequent an die Coronamaßnahmen gehalten. Auch wenn ihnen in den vier langen Monaten durchaus hin und wieder Zweifel kamen, ob die Einschränkungen tatsächlich nötig waren, erzählt Anna Kilian. "Klar ist man nicht immer mit allem zufrieden, aber muss sich ja dann mal ein bisschen selber zurücknehmen und überlegen: ‚Okay, hey, es gibt vielleicht auch wichtigere Dinge, und es geht gerade mehr um die Allgemeinheit als um mein Einzelwohl‘, und ob das jetzt so wichtig ist, dass ich das in dem Moment mache, oder ob es wichtig ist, dass alle es in ein paar Monaten wieder machen können."

Berlin ist das letzte Bundesland, das das Kontaktsportverbot aufhob. Zuletzt hatten diverse Sportorganisationen, darunter auch der Berliner Hockey-Verband, sogar mit einer Klage gedroht. Jetzt also dürfen alle wieder im Team trainieren. Ohne Abstand. Weil Sommerferien waren, hat der BHC-Nachwuchs insgesamt fünf Monate pausiert.

Klub-Präsident Dirk Gassmann lässt durchblicken, dass er die rigide Senatspolitik für einen Fehler hält. Wer weiß, fragt er, wie viele Kinder jetzt mit dem Hockey aufhören? "Stand heute ist es, glaube ich, ein höheres Risiko, dass man als Jugendlicher, als Kind den Bezug zum Sport verliert oder sich zu wenig bewegt, deutlich höher zu bemessen ist als das Risiko, an Corona zu erkranken, was schwerer wiegt, die Gesundheit der Allgemeinheit oder die Gesundheit des einzelnen, das ist eine Frage, auf die ich sehr ungern antworte."

Zweikämpfe werden jetzt härter geführt

Seit Mitte Juli dürfen auch die Fußballer des Berliner SC wieder gegen andere Mannschaften ran. Vorbei die Zeit der endlosen Lauf- und ergebnislosen Torschussübungen. Und der langen Fahrten ins benachbarte Umland. Weil in Brandenburg Kontaktsport früher wieder möglich war, wichen viele Berliner Klubs dorthin aus. In einem dieser Spiele verletzte sich BSC-Mannschaftskapitän Louis Arnst am Sprunggelenk.

"Klar, die Intensität ist natürlich anders als im Training, die Zweikämpfe sind anders, werden härter geführt, unter Wettkampfbedingungen ist es immer etwas anderes als wenn man einfach nur trainiert, das war natürlich erstmal wieder ein bisschen ungewohnt, aber: Man kommt ja relativ schnell rein, das ist wie Fahrradfahren quasi. Die Jungens sind ja alle keine Blinden, und die wissen ja auch, dass man sich erstmal am Anfang nicht verletzen sollte und vielleicht auch etwas dosierter reingeht, ja, und dann passt es schon."

Alle paar Tage finden nun Testspiele statt. Es läuft die Vorbereitung auf die neue Saison in der Berlin-Liga. Wobei die alte noch gar nicht abgeschlossen ist. Der BSC steht noch im Pokalhalbfinale gegen den Regionalligisten Viktoria 89. Lange ging es hin und her, unter welchen Bedingungen das Spiel stattfinden solle.

Der Berliner Fußballverband dachte sogar kurz darüber nach, die Mannschaften 14 Tage vor dem Spiel in Quarantäne zu schicken. Das ist nun vom Tisch. Klar ist aber, dass wie bei den Profis im Moment noch keine Zuschauer zugelassen sind. Schade, findet BSC-Trainer Zeljko Ristic: "Wenn man das einigermaßen vernünftig koordiniert im Amateurfußball, dann kann man auch Zuschauer zulassen. Geht schon. Ob du nun in einen Supermarkt reingehst oder hier zuschauen tust mit Maske, also, es sollte Maskenpflicht sein, und dann können die Leute auch zuschauen. Ist nicht das Problem. Mit Abstand. Geht schon alles."

Die Folgen der Krise nur verwaltet, nicht gestaltet

Ristic kennt sich aus im Fußballgeschäft. Seit fünf Jahren trainiert er verschiedene Teams des Berliner SC, davor war er unter anderem 13 Jahre Nachwuchstrainer bei Hertha BSC. Zahlreiche Bundesliga- und auch Nationalspieler gingen durch seine Hände. Er findet es zwar gut, dass der Profibetrieb schon früh seine Arbeit wieder aufnehmen durfte und die Bundesligasaison zu Ende gespielt wurde. Aber er kritisiert, dass der Deutsche Fußball-Bund die Folgen der Coronakrise nur verwaltet habe, nicht gestaltet.

"Was ich sehr schade finde ist, dass es keine Idee gab, alternative Möglichkeiten zu schaffen für den Amateurfußball, das heißt irgendein Ventil für den Amateurfußball zu schaffen, Ideen, Konzeptionen oder irgendwas, was vielleicht spannend wäre für Amateurvereine, da hätte man wirklich was Cooles machen können, und da fand ich, dass man nicht abgeholt wurde. Vom DFB gab es einen massiven Stillstand, und das fand ich sehr schade."

Der DFB legte zwar einen Fünf-Punkte-Plan zur Zukunft des Fußballs vor. Aber, so seine Kritik, wie die Kinder und Jugendlichen möglichst schnell wieder auf den Fußballplatz ihres Vereins kommen könnten, dazu gab es kein Konzept. Und so beobachtet Ristic, im Hauptberuf Streetworker in Berlin-Kreuzberg, seit einigen Monaten die Renaissance des Straßenfußballs. "Jetzt, seit Corona da war, explodieren Bolzplätze. Viele wollten trotzdem spielen, und im Training konntest du nicht spielen, hast nur trainiert, und das Ventil waren die Bolzplätze, sind sie auf die Bolzplätze und haben Fußball gespielt."

Wie viele der Straßenkicker dem Vereinsfußball verloren gehen, kann er nicht einschätzen. Übergreifende Zahlen und Daten, die den Schaden durch Corona belegen können, gibt es nicht. Aber schon jetzt steht fest, dass der Amateur- und speziell der Nachwuchsfußball einen besonders hohen Preis zahlen werden.

Die Sportwelt stand plötzlich still

Ortswechsel: die Leichtathletikanlage im Sportforum Berlin. Auf dem Programm: Sprinttraining. Frank Paul lässt es an diesem Tag locker angehen. Er trainiert Lisa-Marie Kwayie, eine der besten deutschen 100-Meter-Läuferinnen. Am Tag zuvor hat die Sprinterin einen Wettkampf mit insgesamt vier Starts absolviert, jetzt ist sie ausgelaugt. Das schwüle Wetter tut ein Übriges. Zwei U 16-Mädchen trainieren mit.

In den ersten Wochen der Zwangspause trainierte Lisa allein. "Ja, am Anfang war das schon ein bisschen erschreckend, muss ich sagen", räumt sie ein. Auch Lisa-Marie Kwayie erwischt der Lockdown im März unvermittelt. Von einem Tag auf den anderen steht die Sportwelt still, schrecklich sei das für sie gewesen, erzählt sie, bis hin zu Schweißausbrüchen in der Nacht.

"Ich habe alles versucht: ich bin früh schlafen gegangen, ich habe gelesen in der Nacht, komplett das Handy weggelegt, alles Mögliche, habe Meditation, Hörbücher, alles wirklich versucht, und es hat wirklich lange gedauert, bis ich meinen normalen Schlafrhythmus wieder gefunden habe, das war dann schon auch ein bisschen beängstigend, wenn man merkt: man kann gar nicht irgendwie was dagegen tun."

Dabei hat sie Glück. Als Athletin des Olympiakaders erhält sie eine Sondergenehmigung für die Nutzung der Sportanlage, sie kann wie gewohnt weiter trainieren. Allerdings eben nur allein. "Ja, ich muss gestehen, es war auch sehr komisch, harte Läufe allein zu machen, Starts allein zu machen, man konnte sich gar nicht messen, das brauchst du ja auch irgendwo im Training um zu wissen, wo stehst du überhaupt? Funktioniert das Training gut? Entwickelst du dich weiter? Ja, das war schon ne ganz komische Zeit."

Dann der nächste Schock. Erst werden die Olympischen Spiele in Tokio abgesagt, danach die Leichtathletik-Europameisterschaften in Paris. Und das jetzt, wo sie in einer Superform ist, denkt sie. "Als beides dann abgesagt worden ist, war das dann richtig schwer. Als es dann hieß, man weiß nicht, ob man überhaupt in diesem Jahr noch Wettkämpfe machen kann, dann, klar, kommt man dann in so nen Strudel, wo man sich denkt: Wofür mache ich das dann diese Saison? Also was machen wir denn? Wo sind jetzt die Ziele?"

"Da haben wir dann relativ schnell umgeschaltet, ich habe ihr dann erklärt, dass das eigentlich für uns insofern positiv ist, als dass wir jetzt, in Ruhe, ohne Druck Sachen nochmal ein bisschen ausprobieren können und sehen können, was hat funktioniert, was hat nicht funktioniert?" sagt dazu Trainer Frank Paul. "Und dann  können wir eben mit einer noch größeren Sicherheit in die Olympische Saison gehen, und das hat dann auch gut geklappt. Da hat sie dann den Schalter wieder umlegen können und eben sehr gut trainiert."

Barfuß auf dem Rasen zur Bestzeit

Paul lässt seine Sprinterinnen gerne auch auf Rasen laufen. Barfuß. Das stärkt Fußmuskulatur und Bänderapparat, sagt er. Der Trainer profitiert von den veränderten Umständen durch Corona. Im Hauptberuf Lehrer, hatte er wegen der Schulschließung auch vormittags Zeit für Lisa. Gemeinsam feilten sie in den vergangenen Monaten an Kleinigkeiten: veränderten die Schrittlänge, stärkten den Hüftbeuger.

"Zum einen sehe ich, dass sie physisch in einer sehr guten Verfassung ist, zum anderen sehe ich, dass bestimmte Dinge, die vorher noch nicht so ganz geklappt haben, schon besser laufen, wir haben auch noch ein bisschen was an der Kopfmuskulatur gemacht, weil sie immer die Tendenz hat, mit dem Kopf so nach hinten zu gehen, das führt dann dazu, dass man so ein bisschen ins Hohlkreuz fällt und praktisch aus dieser optimalen Laufposition rauskommt, wo man Druck erzeugen kann, alles was ich so sehe, ist sie auf einem ziemlich guten Weg."

Die Ergebnisse geben den beiden Recht. In den wenigen Wettkämpfen dieses Sommers läuft Lisa-Marie Kwayie eine persönliche Bestzeit nach der anderen. Ihre Motivation ist auch zurück, bestätigt sie: "Ich habe gesehen: Das, was wir machen, macht mich wirklich schnell. Ich habe gemerkt: okay, ich bin in einer richtig guten Form, und die Zeiten, die ich gelaufen bin, waren wirklich, wirklich gut, und dann habe ich gesagt: okay, trotzdem mir meine eigenen persönlichen Ziele zu setzen, ist doch auch cool, und damit ging es dann auch irgendwie, ja."

Es geht um alles

Bleibt ihr Traum von Olympia. Lisa ist nicht nur sportlich auf einem guten Weg. Auch beruflich. Sie studiert Sozialarbeit und hat die Coronapause genutzt, mehr als ursprünglich geplant für die Uni zu tun und einige Prüfungen vorzuziehen. Jetzt hat sie den Kopf frei für Olympia – vorausgesetzt, die Spiele finden im kommenden Jahr tatsächlich statt. "Puh. Sagen wir mal so: Ich bin optimistisch und hoffe einfach, dass es klappt. Für mich und für meinen Traum steht 2021, bis wirklich die Absage kommt, findet für mich Tokio statt."

Fünf Monate nach Beginn des Lockdowns geht es für den organisierten Sport jetzt um alles. Die Vereine wollen endlich wieder in den Wettkampf- und Spielbetrieb zurückkehren. Unter Coronabedingungen, mit entsprechenden Hygienekonzepten. Das scheint machbar. Die entscheidende Frage aber ist: Wann und unter welchen Bedingungen werden auch wieder Zuschauer zugelassen?

Und wie viele Fans dürfen künftig Bundesligaspiele in der Halle besuchen? Basketball, Eishockey, Handball, Volleyball – die Auswahl ist beträchtlich. Bis zum 24. Oktober sind in Berlin alle Großveranstaltungen mit mehr als 5000 Zuschauern immer noch untersagt.

Gute Gespräche gibt es, bestätigt Kaweh Niroomand, Geschäftsführer des mehrmaligen deutschen Volleyballmeisters BR Volleys und Sprecher der Berliner Profiklubs. Er macht aber auch deutlich: Es muss eine Lösung mit Zuschauern her. "Wenn wir Geisterspiele machen müssen über die ganze Saison, da würde ich mir wirklich überlegen, ob wir das machen, weil das für uns wirtschaftlich gar nicht darstellbar. ist Wenn das Geisterspiele sind auf eine begrenzte Zeit, da kann man sicherlich drüber nachdenken. Wenn das Situationen sind, wo man sagt, 50 Prozent der Kapazität der Max-Schmeling-Halle darf genutzt werden, unter Einhaltung gewisser Hygienekonzepte, auch darüber kann man nachdenken."

Das wären knapp 6000 Zuschauer. Eine Zahl, die angesichts der Infektionslage vollkommen utopisch klingt. Die Spielsportverbände in der Halle wollen Zeit gewinnen: deshalb haben sie den Re-Start ihrer Ligen auf Oktober und November geschoben. Ob sie es aber wirklich schaffen werden, wirtschaftlich zu überleben? "Wir müssen uns in diesen Momenten insgesamt abgewöhnen, nur zu meckern und zu fordern. Wir müssen auch mit dem zufrieden sein, was machbar ist, es sind ja nicht nur wir, die Unterstützung brauchen", sagt Niroomand.

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