Dienstag, 02.03.2021
 

Nachspiel | Beitrag vom 14.02.2021

Sportlermuseum von Frank ScheffkaDie Mütze von Lake Placid und andere Erinnerungen

Von Alexa Hennings

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DDR-Eisschnellläuferin Karin Enke bei den Olympischen Spielen 1980 in Lake Placid (imago / Sven Simon)
Heute in Frank Scheffkas Museum ausgestellt: Die Mütze, die Karin Enke 1980 auf dem Flug nach Lake Placid strickte, wo sie Gold über 500 Meter Eisschnelllauf gewann. (imago / Sven Simon)

An Medaillen, Urkunden und Trikots von Olympioniken hängt viel Geschichte. Der Sammler Frank Scheffka hat ein Sportlermuseum geschaffen, das Tausende Memorabilia ausstellt – darunter eine selbst gestrickte Mütze der DDR-Eisschnellläuferin Karin Enke.

TV-Reporter Heinz-Florian Oertel: "Für uns alle, für uns hier im Stadion, für Sie original am Bildschirm daheim zu Hause, nachgerade ein Parademarsch ..."

Im Sommer 1980 sitzt der 15-jährige Frank Scheffka vor dem Fernsehapparat und verfolgt den Einmarsch der DDR-Sportler ins Moskauer Olympiastadion. Besonders die Leichtathletik fasziniert den Schweriner Jungen. Er selbst ist über die Handball-AG in seiner Schule nicht hinausgekommen, immerhin, einmal wurden sie sogar Kreismeister.

Ein Sammler ist Frank Scheffka jedoch schon damals: Briefmarken haben es ihm angetan. Ein Hobby, das er mit seinem Vater teilt. Zu seinem Leidwesen gibt es keine Briefmarken, die seine Sportidole zeigen. Der Grund: In der DDR wurden keine noch lebenden Personen auf Briefmarken abgebildet; Staats- und Parteichef Walter Ulbricht war die einzige Ausnahme.

"Aus diesen Sportmarken entstand dann das Interesse", erzählt Frank Scheffka. "Weil auf den ausländischen Marken, die dann dazu kamen, da waren auch konkrete Leute drauf. Da dachte ich: Mensch, wer ist das denn jetzt? Mark Spitz, das hast du schon mal gehört, und Jesse Owens. Und wer ist denn Paavo Nurmi? Dass es eine Zeit geben wird, in der ich sagen kann: Ich habe von all diesen Sportgrößen nahezu ausnahmslos die Original-Unterschriften."

TV-Reporter Heinz-Florian Oertel: "Jaaaa! Ich werd’ verrückt, zwei Meter sechsunddreißig! Neuer Weltrekord im Hochsprung! Der Weltrekordler kommt aus Schwerin! Weltrekord Gerd Wessig!"

Das allererste Autogramm

Als Gerd Wessig in Moskau im Hochsprung die Goldmedaille gewinnt, gibt es für den Jungen kein Halten mehr. Wenn schon keine Briefmarke, dann will er wenigstens eine Unterschrift von seinem Idol. Und er bekommt sie.

"Zum Andenken an die großen sportlichen Erfolge der DDR-Athleten, mit besten Grüßen und Wünschen, Gerd Wessig", liest Frank Scheffka vor.

"Das war seine Widmung im Rahmen des Schweriner Pressefest-Fußballturniers 1980 auf Paulshöhe. Da spielten Journalisten gegen Nicht-Fußballer, das war so eine Tradition damals. Er als frischgebackener Olympiasieger und Superstar war natürlich auch dabei. Ich stand dort mit meinem frisch geschenkten Olympiabuch, noch jungfräulich. Ich dachte, ich mache was ganz Besonderes und bin der Einzige, der auf diese Idee kommt. Und da war der ganze Sportplatz voll von Menschen, die Taschen voll mit schon fast komplett signierten Olympiabüchern mit sich rumschleppten. Gerd Wessig war der, den ich als Erstes ansteuerte. Sodass das definitiv mein allererstes Autogramm war."

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Die Olympia-Fanfare von Moskau ist seit über 40 Jahren verklungen. Die sportliche Leistung gilt bis heute. Noch immer erreichen den 61-jährigen Gerd Wessig, der in der Nähe von Schwerin wohnt, Autogrammwünsche. Tausende Male in seinem Leben hat er Fotos und Olympiabücher signiert. Aber wahrscheinlich hatte keine Unterschrift eine solche Wirkung wie jene, die er dem 15-jährigen Frank Scheffka beim Pressefest in Schwerin gab.

Gerd Wessig: "Frank ist ein ganz Besonderer. Dass er aus dem einen Autogramm von mir so eine Geschichte machen konnte über die Jahre, das ist aller Ehren wert. Mich freut es, dass ich ihm so einen Anstoß gegeben habe. Aber er hätte ja auch mit Jochen Bachfeld anfangen können 1972, nein '76!"

Der Boxer Jochen Bachfeld hatte zum ersten Mal überhaupt eine olympische Goldmedaille für Schwerin geholt. Da war Frank Scheffka erst elf und war noch beim Briefmarken- statt Autogramme sammeln. Damals reichte ein Fach im Regal, heute füllt die Sammlung das komplette Dachgeschoss seines geräumigen Hauses in Delmenhorst. Nach seinem Medizinstudium hatte der Schweriner hier seine erste Stelle als Assistenzarzt bekommen – und ist geblieben.

Kein Exponat ist gekauft

"Hier geht das mit dem Museum los. Erst mal im Treppenhaus der Beginn der Sammlung, die sich in 40 Jahren ergeben hat. Ein bisschen chronologisch sind das ein paar für die Wand geeignete Exponate. Zum Beispiel hier unten geht es los mit 1936, einem Original- Glückwunschtelegramm. Oder einer kleinen Kachel aus dem Schwimmbecken des olympischen Dorfes, mit Signatur drauf von der Medaillengewinnerin auf dieser original alten Kachel."

Allein auf der Treppe könnte man schon Stunden verbringen, denn zu jedem Exponat gibt es etwas zu erzählen. Nichts davon ist gekauft, anonym, ein bloßes Sammlungsstück, das noch fehlte oder das man bei Ebay ersteigert.

"Tatsächlich unterscheidet sich mein Museum von vielen anderen Sammlungen dieser Art: Es sind Geschenke. Geschenke von Menschen, die mal dafür geschwitzt haben, die sich das selber erkämpft haben und mitgebracht haben. Und die sagen: 'Mensch, Frank, ich würde es dir gerne geben, dass du es aufbewahrst.' Und deswegen ist es auch so wichtig: Bei jedem Exponat ist ein Namensschildchen dabei, von wem das kommt. Es verschwindet nichts in der Anonymität, sondern ist Aufhänger für mich, dann auch die Geschichte zu erinnern. Es gibt die Würdigung dessen, der mir das überlassen hat."

Der Sammler Frank Scheffka präsentiert eine Auswahl von Maskottchen der Winterspiele 2014 in Sotschi als Teil seiner überaus umfangreichen Sammlung zur Geschichte der Olympischen Spiele. (picture alliance / dpa / Ingo Wagner)Seit seiner Jugend ist Frank Scheffka von den Olympischen Spielen fasziniert. Hier präsentiert er eine Auswahl von Maskottchen der Winterspiele 2014 in Sotschi. (picture alliance / dpa / Ingo Wagner)

Das Siegerdiplom von Annegret Richter, die mit der bundesdeutschen Sprintstaffel in einem legendären Finale bei den Olympischen Spielen in München die Staffel der DDR-Frauen besiegte – auch dies ist ein persönliches Geschenk.

"Andere Urkunden, gerade auch der Münchner Spiele, unter anderem von Erika Zuchold, der berühmten Turnerin, mit der mich auch eine ganz besondere Freundschaft verbunden hat – muss ich nun inzwischen leider sagen. Ich war sie mehrere Male in Leipzig besuchen und half ihr auch, ihren gesamten Papierfundus aus einem großen Haus auszusortieren und auszumisten. Sportliche Dinge durfte ich mitnehmen, als sie dann nach Paraguay zu ihrer Mutter und ihrer Schwester ausgewandert ist. Ausgewandert war – und dort leider zwei Monate später verstorben ist. Da bin ich jetzt quasi der Nachlassverwalter von Erika Zuchold, all ihrer WM-Urkunden und unter anderem auch ihrer Olympia-Urkunde für Silber am Stufenbarren in München."

Nicht alles aus einem Sportlernachlass kann ausgestellt werden. Die meisten Papiere lagern in einem penibel sortierten Archiv und werden für interessierte Besucher oder für Sonderausstellungen hervorgeholt.

"Ein Stückchen weiter komme ich hier zu einem für mich ganz besonders wertvollen Moment. Denn was sieht man? Ein Bild von dem Sprung von Gerd Wessig, den er 1980 gemacht hat. Er ist bis heute der einzige Mann, der in einem olympischen Finale den Weltrekord aufgestellt hat. Vor und nach ihm hat das niemand mehr geschafft. 2,36 Meter waren das damals. Als ich Jahre später eine meiner über 40 Ausstellungen deutschlandweit auch in meiner Heimatstadt Schwerin durchführte, war er einer der Ehrengäste. Und vor 100 Leuten Publikum hatte er was hinter dem Rücken versteckt, und als ich ihm das Wort erteilte, sagte er: 'Frank, ich habe dir was mitgebracht als Leihgabe für die Wochen der Ausstellung hier. Aber wenn ich jetzt so sehe, was du so sammelst und wie du das darstellst, habe ich mich spontan entschlossen, ich werde dir mein Siegerdiplom für meinen Goldsprung in Moskau heute schenken.'"

Aufbewahren, würdigen, zeigen

Einige Zeit nach dieser ersten Ausstellung in Schwerin organisierte Gert Wessig ein Treffen der DDR-Leichtathletik-Olympiamannschaft von 1980 – zum 25-jährigen Jubiläum der Moskauer Spiele. Er bat Frank Scheffka, zu diesem Anlass eine Ausstellung zu gestalten. "Es war grandios", erinnert sich Gerd Wessig. "Und da habe ich noch mal wieder gesagt: Menschenskinder, der Junge hat es so drauf! Toll, dass es solche Menschen gibt, die so was erhalten für die Nachwelt."

Die Athleten von einst schätzen es, dass in dem Delmenhorster Sportlermuseum die Dinge gewürdigt und auch gezeigt werden. Sie verschwinden nicht für immer in Depots oder tauchen gar bei Auktionen auf.

"Ich habe nichts Eigenes mehr außer der Medaille", sagt Gerd Wessig. "Ich habe das alles auch an andere Interessenten oder Museen vergeben. So viel war es ja auch nicht gewesen, zwei Startnummern, das war es ja schon. Da sagt man sich dann irgendwann: Die Zeit ist vorbei, wir haben genug davon gehabt und wir haben auch genug Anerkennung bekommen. Dann tut man mal was Gutes. Wenn man sieht, dass das in guten Händen liegt, dann macht man das gerne. Da bin ich mir hundertprozentig sicher. Aber mit Medaillen? Ich könnte mir nicht vorstellen, meine Medaille außer Haus zu geben."

Noch immer im Treppenhaus macht Frank Scheffka auf einen Sportler aufmerksam, der mehr olympische Medaillen gewann als Gerd Wessig, aber längst nicht so bekannt ist. Mit ihm verbindet ihn eine besondere Freundschaft. Zwei Leibchen mit Startnummern sind zu sehen – von Josef Giesen aus dem Emsland. Josef Giesen ist Biathlet und Skilangläufer, er war vier Mal, also über einen Zeitraum von 16 Jahren, bei den Paralympics dabei und gewann Gold-, Silber- und Bronzemedaillen.

"Dieser Josef Giesen ist einer der Contergan-geschädigten Menschen gewesen, der ohne Arme zur Welt kam. Der nur ein paar kurze Armstümmelchen mit ein paar Fingern dran hat. Er hat sich – aus dem Flachland kommend, wohlgemerkt, kuriose Geschichte – für Biathlon eine Waffe bauen lassen mit einem Abzugseil, das er betätigt, wenn er sich auf die Matte schmeißt. Josef Giesen ist auch ein ganz toller Mann, der in meinen Berufsschulen, in denen ich als Arzt und Medizindozent auch versuche, zu vermitteln, was körperliche Behinderungen betrifft, und in meinen Heilerziehungspflege-Klassen Foren macht und dann erzählt, wie er sich den Alltag gestaltet."

Eine Extra-Vitrine hat Frank Scheffka den Paralympics-Athleten gewidmet. Neun olympische Goldmedaillen zeugen allein von Kai Schröder, einem einarmigen Schwimmer und Leichtathleten. Und Medaillen von Martina Willing, einer mit 61 Jahren noch immer aktiven Sportlerin aus Brandenburg. Sie gewann drei Mal Gold, fünf Mal Silber und sechs Mal Bronze bei Paralympischen Spielen, die letzte mit 56 Jahren in London: Silber im Speerwurf.

"Warum ist diese Frau so bemerkenswert? Sie hat 1992 zum ersten Mal mitgemacht als blinde Sportlerin bei den Paralympics in Barcelona, gewann beim Speerwerfen, Kugelstoßen, Diskuswerfen Gold, Silber und Bronze. War 1994 dann als Skiläuferin zu den Spielen in Albertville gefahren, stürzt, wurde dabei am Knie verletzt, hat eine Knieoperation bekommen, wurde dabei am Rückenmark verletzt und wurde querschnittsgelähmt. Das heißt, sie ist jetzt die einzige blinde und querschnittsgelähmte Athletin. Ist immer noch aktiv und war jetzt auch erst mal ziemlich von der Rolle, weil sie sich, wie viele andere Athleten auch, auf Tokio vorbereitet hat und nun in der Hoffnung ist, dass sie 2021 noch mal wieder dabei sein darf."

Ihre Mütze war immer dabei

Auch die Eisschnellläuferin Karin Enke hat ihre Spuren in der Delmenhorster Sammlung hinterlassen. Die Dresdnerin gewann in Lake Placid 1980 ihre erste Goldmedaille, sieben weitere Medaillen bei drei Olympischen Spielen folgten. Sie ist die erfolgreichste Winterolympionikin der DDR.

"Karin Enke habe ich vor einigen Jahren kennengelernt, als ich ihr mehrere Fotos zum Signieren vorlegte. Da war auch eines dabei mit einer typischen Pose, die sie 1980 in Lake Placid bei der ersten Goldmedaille hatte: nämlich eine sehr auffallende, verschiedenfarbig geringelte gestrickte Mütze. Ja, sagt sie, die habe ich gestrickt, als wir nach Lake Placid geflogen sind, im Flugzeug. Die habe ich dann aufgesetzt und die ist auf allen Bildern drauf. Die habe ich noch zu Hause, willst du die auch haben? Ich sage: Das ist natürlich ein interessantes Teil! Und zusammen mit einem kompletten Laufanzug, mit der Teilnehmerplakette von Calgary 1988, dem Teilnehmerausweis und einer Urkunde für den 'Verdienten Meister des Sports' schickte sie mir dann wenig später diese original gestrickte Mütze. Die ist sicher eines der kuriosesten, aber auch interessantesten Anschauungsstücke hier. Inzwischen ist noch ein Fahrrad-Trainingshelm dazugekommen, den sie beim Training im Sommer getragen hat. So ist ein richtig schönes Karin-Enke-Eckchen entstanden."

Die DDR-Eisschnellläuferin Karin Enke bei den Olympischen Spielen in Lake Placid 1980 (imago / Werner Schulze)Ihre berühmte bunte Pudelmütze von 1980 hat Eisschnellläuferin Karin Enke dem Sportlermuseum in Delmenhorst gestiftet. (imago / Werner Schulze)

Der lederne Fahrradhelm und die Schlittschuhe aus den 80ern, der hölzerne Staffelstab aus den 50ern und der Eisstock aus den 30-er Jahren, die Einmarschanzüge der DDR-Sportler bei den Olympischen Spielen in Moskau. Armin Harys Siegertrikot von Rom, signiert von dem heute 83-jährigen ehemaligen Sprinter, nimmt am Leib einer Schaufensterpuppe einen Ehrenplatz in der dicht gedrängten Sammlung ein. An jedem Ausstellungsstück hängt eine Geschichte: Randepisoden der Sportgeschichte oder Themen, die es einst bis auf die Titelseiten schafften.

Die roten Schuhe und der Boykott

Wie ein Paar Puma-Schuhe, die ein Stück deutsch-deutscher Sportgeschichte schrieben. Jürgen May, ein Läufer aus Erfurt, DDR-Meister, Weltrekordler im 1500-Meter-Lauf und Olympia-Teilnehmer von 1964, hatte von einem Puma-Vertreter Turnschuhe und 100 Dollar bekommen. Das Problem: Die DDR-Läufer hatten einen Vertrag mit der Konkurrenz von Adidas. May überredete seinen Mannschaftskameraden Jürgen Haase, die Puma-Schuhe im Finale der Europameisterschaften zu tragen.

"Das gab einen Riesenknatsch, und er ist geflüchtet. Hatte sich dann im DLV im Westen wieder angemeldet, war erfolgreich geworden und war für die Europameisterschaft 1969 in Athen nominiert worden. Dann hat aber die EAF, die Europäische Leichtathletikföderation gesagt: Nein, geht nicht, er ist noch nicht lange genug in diesem Land und noch nicht startberechtigt. Das führte in der damaligen Zeit der deutsch-deutschen Auseinandersetzung dazu, dass der DLV gesagt hat: Wir boykottieren."

Alle bundesdeutschen Einzelstarter mussten in Athen auf der Tribüne sitzen, nur die Staffeln sind gelaufen. Ein schwerer Verzicht für die Sportler, die lange für diese Europameisterschaft trainiert hatten.

"Ich weiß inzwischen von mehreren der DLV-Athleten, dass die da gar nicht so happy damit waren und dass es eine Entscheidung von oben gewesen ist. Auf jeden Fall hat die 'Bild'-Zeitung allen, die das mit unterstützt haben, eine Plakette geprägt – ich habe sie inzwischen von zwei Menschen bekommen. Große Goldteller sind das quasi: '9. Europameisterschaft in Athen im September 1969' und dann auf der Rückseite 'Für Ingo Römer oder Hermann Salomon für vorbildliche Sportkameradschaft von Bild'. Das war die Entschädigungsplakette. Für viele westdeutsche Athleten war das ein Trauma, diese ganze Geschichte."

... ausgelöst von Jürgen Mays Puma-Schuhen, die Frank Scheffka Anfang 2020 bekam. Da hatte er Jürgen May in Erfurt kennengelernt. Der Sammler hatte anlässlich eines Treffens Erfurter Sportler eine Ausstellung speziell zu ihrer Geschichte und ihren Erfolgen zusammengestellt. Jürgen May bedauerte zunächst, selber gar nichts für die Sammlung beitragen zu können.

"Er hätte ja gar nichts mehr, das hätte er damals bei der Flucht ja alles nicht mitnehmen können. Aber, sagte er, ich hab' da noch was! Und was bekomme ich zwei Wochen später in einem Päckchen? Inzwischen, nachdem sie beim EAF-Museum in London gewesen waren, über die Schweiz zurückkamen und über einen Funktionär des Leichtathletik-Verbands an ihn zurück erstellt wurden: die Original-Schuhe. Die damals auf der Titelseite nicht nur der Sport- sondern auch der Tageszeitungen in Westdeutschland tagelang die Überschriften füllten. Diese Schuhe, dieses Stück deutsch-deutscher und letztlich europäischer Leichtathletik-Geschichte kann ich hier meinen Besuchern in die Hand geben. Diese fast nie getragenen Puma-Schuhe, die diese große Bedeutung für ganz viele Menschen damals hatten."

Rote Laufschuhe des Ausrüsters Puma in einem Sportmuseum neben vielen weiteren Exponaten (Deutschlandradio / Alexa Hennings)Die Puma-Schuhe des Erfurter Läufers Jürgen May lösten indirekt einen Boykott der BRD-Leichtathleten der Europameisterschaften in Athen 1969 aus. (Deutschlandradio / Alexa Hennings)

Es war die Erfurter Läuferin Hildegard Körner, die Jürgen May und andere ehemalige Thüringer Spitzen-Sportler und auch Frank Scheffka mit seiner Ausstellung in ihre Heimatstadt eingeladen hatte. Die Idee eines Sportlermuseums gefällt ihr: Die 61-Jährige gab bereits all ihre sportgeschichtlichen Dokumente, den WM-Trainingsanzug und den Olympia-Koffer von Moskau in die Delmenhorster Sammlung.

"Ich war eigentlich gleich begeistert, muss ich ehrlich sagen. Weil ich finde es eben schön, wenn man dann nicht mehr da ist. Oder bei vielen landet es im Keller. Er hat da einen Ort gefunden, wo er das alles schön ausstellt, wo man sich das anschauen kann. Es ist auch die Vielfalt sehr interessant gewesen. Er hat ja nicht nur Leichtathleten, sondern auch Wintersportler und, und, und. Da ich nach meiner aktiven Laufbahn Kontakt zu den Thüringer Leichtathleten hatte und auch zu den Wintersportlern – wir hatten ja auch viele Bobsportler von Oberhof, die ich kenne – da habe ich ihm angeboten, wenn er irgendwas braucht, Autogramme oder so, dann gehe ich in die Spur und helfe ihm da ein bisschen."

Nicht nur Medaillen zählen

Hildegard Körner, die damals noch Hildegard Ulrich hieß, ist vielen nicht so bekannt, obwohl sie bis heute den zweiten Platz in der ewigen Deutschen Bestenliste hält. Bei den Weltmeisterschaften 1987 lief sie die 1500 Meter in 3:58,67 und gewann damit Silber.

"Ich habe eigentlich relativ viele fünfte Plätze belegt. Man kennt eben meistens immer nur die Sieger oder die Medaillengewinner. Aber für mich persönlich war das trotzdem ein Erfolg. Für ihn ist es ja auch etwas Wertvolles, dass er nicht nur eine Medaille hat, eine Urkunde oder ein Stück, sondern den Menschen, der dahinter ist, was er so erlebt hat, was er durchgemacht hat und wie der Erfolg zustande gekommen ist. Wir haben auch darüber gesprochen: Er hat eben auch versucht, die Geschichte des DDR-Sports darzustellen, wie das angefangen hat mit Spartakiade, Jugendbereich, Erwachsenenbereich. Dann kann man die Geschichte auch so ein bisschen darstellen. Wie das eben damals war. Das lebt dann irgendwie in seinem Museum weiter. Das finde ich schön."

Auch die Geschichte von Christoph Höhne, dem Olympiasieger im Gehen 1968 in Mexiko und Europameister 1974, lebt in dem kleinen Museum weiter. Der heute 80-jährige Christoph Höhne wurde nach seiner aktiven Zeit als Sportfotograf bekannt. Bis zu seinem 78. Lebensjahr nahm er noch an Seniorenmeisterschaften teil und gewann sie. Christoph Höhne ist der Sportler, von dem Frank Scheffka die meisten Zeitzeugnisse bekommen hat, sie füllen eine große Vitrine.

"Ja, das kann mich stolz machen", sagt Christoph Höhne. "Ich finde meine Sachen gut aufgehoben da, besser als im Keller. Ich habe ihm immer mal was zukommen lassen. Aber dann habe ich gedacht: Was willst du mit 15 DDR-Meisterschafts-Anstecknadeln oder einer Menge DDR-Meisterschaftsmedaillen? Wenn man schon Medaillen bei internationalen Wettkämpfen gewonnen hat, treten solche Erfolge, die man früher als große Erfolge angesehen hat, doch etwas in den Hintergrund."

Wie Gerd Wessig auch hat Christoph Höhne seine olympische Goldmedaille behalten. Sie ist zu sehr Sinnbild für den Traum eines Sportlers, einer Sportlerin von Kindheit an.

"Ich fand das als für mich unerreichbar. Aber ich konnte mir schon vorstellen: Wenn man das schafft, dann hat man wahrscheinlich fürs ganze Leben ausgesorgt! Das meine ich jetzt nicht finanziell, aber man ist berühmt. Stolz. Das ist das Höchste. Ich habe auch nach meinem Olympiasieg, ich habe ja damals in Leipzig gewohnt, dem Sportmuseum Leipzig etwas überlassen, auch meine Goldmedaille. Aber nur als Leihgabe. Das ist alles anonym, und bei Frank Scheffka ist es eben so, dass man ein richtig freundschaftliches Verhältnis aufgebaut hat im Laufe der Zeit. Weil er ja auch immer im Kontakt bleibt. Er schreibt jedes Jahr den Report, wo er sich bei jedem bedankt. Es ist familiärer."

Tatsächlich geht Vieles hier familiär zu. Elfriede Kaun, die bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin die Bronzemedaille im Hochsprung gewann, wurde für Frank Scheffka, seine Frau und die beiden Kinder so etwas wie eine Ersatz-Oma. Acht Jahre vor ihrem Tod 2008 schenkte sie dem Sportlermuseum ihre Medaille, die lange die einzige original olympische Medaille der Sammlung blieb, bis 2020 auch die DDR-Fünfkämpferin Burglinde Pollak eine ihrer beiden bronzenen Olympia-Medaillen an Frank Scheffka übergab.

Brieffreundschaft mit russischen Sportlern

Viele ältere Sportler lernte der Sammler nicht mehr persönlich kennen, aber er stand mit ihnen im Briefkontakt. Die älteste war die 96-jährige amerikanische Wasserspringerin Aileen Riggin, die 1920 als 14-jährige olympisches Gold und Silber in Antwerpen gewann. Heute ersetzen meist Telefon und E-Mails die Briefe, erzählt der Sammler, nur noch mit einigen russischen Sportlern pflegt er eine Brieffreundschaft. Auf Russisch, denn Frank Scheffka studierte einst in der Sowjetunion und ist mit einer russischen Ärztin verheiratet.

Als Autogrammjäger wie einst ist der 55-Jährige heute seltener unterwegs. Er vermisst den olympischen Geist, den Zusammenhalt der Athleten. Mit dem Kommerz der heutigen Sportwelt hadert er. Er zeigt auf eine Vitrine mit Preisen aus den 50er-Jahren – Geschenke der Sprinterin Christa Stubnick, Silbermedaillengewinnerin von Melbourne 1956.

"Ein Schwarzwaldpüppchen, ein Matrjoschkapüppchen, eine chinesische Miniatur, ein Kerzenleuchter, ein Wandteller. Das waren die Preise, für die damals die Athleten in den 50er-Jahren gestartet sind. Dann bekamen sie ein Abendessen und ein Gläschen Wein und dann war’s das. Wenn man das heutzutage jungen Schülern erzählt, die mich hier besuchen kommen, dann kriegen die den Mund nicht mehr zu und sagen: Das kann doch nicht wahr sein! Wenn man sich die heutigen Startgelder anguckt und die Fragen, die sofort kommen: Was passiert, wenn ich einen Rekord laufe, wie viel gibt es dann als Prämie dazu? Das war damals nie ein Thema. Da sind die Menschen wirklich für ihren Idealismus gestartet. Das hat eine ganz andere Art von Zusammengehörigkeitsgefühl gebracht und machte den Sport, fand ich, auch schöner und ehrlicher."

Die Besten würdigen – damit sie nicht vergessen werden

Memorabilia sind Erinnerungsstücke, die auch einen sentimentalen Wert haben, von einer Zeit erzählen, die längst vergangen ist, an Menschen erinnern, die nicht vergessen werden sollen. Das ist das Credo des Sammlers.

"Ich möchte die Biografien der Menschen würdigen, die in einem bestimmten Zeitraum mal die Besten ihrer jeweiligen Disziplin waren. Die aber, das ist einfach das Leid unserer Zeit, sehr schnell vergessen werden. Ich versuche, gegen dieses Vergessen zu arbeiten, dadurch, dass ich an sie erinnere mit diesen Exponaten, die ich dann auch zeige."

Letzte Meldung, Februar 2021: Die 88-jährige Erfurterin Walburga Grimm, Preisrichter-Legende im Eiskunstlaufen, hat Frank Scheffka in Aussicht gestellt, Zeitzeugnisse ihrer internationalen Karriere ins Delmenhorster Sportlermuseum zu geben.

"Ich kann das Versprechen abgeben, dass man auf diese Art und Weise nicht vergessen wird", sagt Frank Scheffka.

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