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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.04.2018

Spektakuläres Comeback Zwei neue Abba-Songs

Ole Löding im Gespräch mit Ute Welty

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Die Mitglieder der schwedischen Popgruppe "Abba" (von links nach rechts): Benny Andersson, Annafrid Lyngstad, Agnetha Fältskog und Björn Ulvaeus beim Grand Prix d'Eurovision de la Chanson 1974 im südenglischen Brighton 
Nach Jahrzehnten: Die schwedische Popgruppe Abba - hier beim Grand Prix d'Eurovision de la Chanson 1974 - findet sich zu einem überraschenden Comeback zusammen.

Dass die schwedische Popgruppe "Abba" für zwei neue Songs wieder zusammenkommt, begeistert viele Fans weltweit. Der Buchautor Ole Löding erzählt, welche inspirierende Kraft die legendäre Band bis heute für die schwedische Musikszene entfaltet.

1982 gingen die Vier auseinander, nun findet die legendäre schwedische Popgruppe "Abba" wieder zueinander – zumindest für zwei Songs. "Wir alle hatten das Gefühl, dass es nach 35 Jahren Spaß machen könnte, unsere Kräfte wieder zu vereinen und ins Studio zu gehen", teilten die Musiker per Instagram mit und versetzen ihre Fans weltweit in Aufregung. Die neuen Songs wurden sogleich mit der Ankündigung eines virtuellen Showprojekts verbunden.

Große Erwartungen an die Songs   

Dies zeige den geradezu legendären Geschäftssinn von Abba, sagte der Journalist Ole Löding im Deutschlandfunk Kultur, der sich in seinem Buch "Sound of the Cities" der Gruppe und Stockholm als erfolgreicher Pop-Metropole gewidmet hatte. "Die Band hat es immer geschafft, ganz einfache, authentische Ausstrahlung mit einem kommerziellen Anspruch und riesigem Erfolg zu verbinden." Natürlich gehe es dabei um kommerzielle Erwägungen. "Aber das muss ja nicht heißen, dass die Songs uns nicht dennoch vom Hocker reißen können." Bis heute werde die schwedische Popzene von der Band inspiriert und habe einst mit dem Erfolg von Abba den internationalen Durchbruch erlebt. Bis heute spüre man in Stockholm die Musikalität der Hauptstadt an jeder Ecke.  (gem)   


 

Das Interview im Wortlaut:   

Ute Welty: Zehn Jahre, zwei Paare, vier Menschen und 360 Millionen verkaufte Tonträger. Abba haben unglaubliche Erfolgsgeschichte geschrieben und nach Hits wie "Waterloo", "Dancing Queen" und "Mama mia" folgen Ende des Jahres zwei neue Songs der Schweden. Getroffen hatte man sich eigentlich, um ein virtuelles Showprojekt auf den Weg zu bringen, aber dann war da wohl doch Lust auf mehr. Ole Löding ist Journalist und hat sich ausführlich mit der Geschichte und dem Einfluss von Abba beschäftigt. Er ist Autor des Buches "Sound of the Cities: Eine popmusikalische Entdeckungsreise", und das Kapitel über Stockholm heißt dort "Die A-Klasse". Guten Morgen, Herr Löding!

Ole Löding: Guten Morgen! Vielen Dank für die Einladung!

Welty: Was war Ihre Reaktion auf die Nachricht, dass es eben zwei neue Abba-Songs geben wird. Ich war schon ein bisschen aus dem Häuschen.

Löding: Ja, ich war auch aus dem Häuschen. Man darf ja nicht vergessen, dass Abba nicht nur eine der erfolgreichsten Bands der Popgeschichte sind, sondern auch eine der einflussreichsten. Und dass es jetzt, nach dreieinhalb Jahrzehnten neue Songs geben soll, damit hat niemand gerechnet, und auch für mich ist das eine große Vorfreude, und ich bin sehr gespannt, was da herauskommt.

Welty: Auch, wenn es darum gehen wird, dieses virtuelle Showprojekt zu promoten, trübt das die Freude nicht, oder?

Löding: Ich glaube, dass dieses Showprojekt und natürlich die Tatsache, dass die Ankündigung der zwei neuen Songs sofort mit diesem Projekt verbunden wurde, den geradezu legendären Geschäftssinn von Abba noch einmal beweist. Die Band hat es immer geschafft, ganz einfache, authentische Ausstrahlung mit einem kommerziellen Anspruch und riesigen Erfolg zu verbinden. Natürlich stehen da kommerzielle Erwägungen dahinter, aber das muss ja nicht heißen, dass uns die Songs nicht dennoch vom Hocker reißen können.

Die schwedische Band Abba als Wachsfiguren im Jahr 2015 im Abba-Museum in Stockholm (TT NEWS AGENCY/dpa)Abba als Wachsfiguren im Jahr 2015 im Abba-Museum in Stockholm (TT NEWS AGENCY/dpa)

Schweden auf der Poplandkarte

Welty: Wie möchten Sie die Bedeutung von Abba für die Musikstadt Stockholm darüber hinaus beschreiben?

Löding: Man kann die Bedeutung von Abba für Stockholm und auch für die schwedische Popgeschichte überhaupt nicht überschätzen. Für das gerade angesprochene Buch "Sound of the Cities" bin ich eine geraume Zeit in Stockholm gewesen, hab da mit Musikerinnen und Musikern aus allen Popgenres gesprochen, und es war einhellige Meinung, dass Abba sie alle inspiriert. Ob es Crossover- oder Hardrock- oder Metal-Künstler waren, Indy-Künstler, Popkünstler. Ich glaube, man darf nicht vergessen, dass vor Abba in Schweden zwar natürlich Popmusik, Folkmusik aber auch progressive Rockmusik stattfand, die aber außerhalb der Landesgrenzen überhaupt nicht wahrgenommen wurde.

Und dann kam Abba, und plötzlich geriet dadurch Schweden und Stockholm auf die internationale Poplandkarte und ist seitdem dort auch nicht mehr weggegangen. Für die Künstlerinnen und Künstler in der Stadt ist das eine unglaubliche Inspiration, dass man sehen kann, hier, weitab im Norden, in diesem eigentlich kleinen Land mit gerade mal zehn* Millionen Einwohnern, hier kann man Weltstar werden, hier kann man die Popgeschichte beeinflussen. Das gelingt natürlich nicht jedem schwedischen Künstler oder Künstlerin, aber sie sind extrem inspiriert davon und angeregt, es zu versuchen.

Flirrende Spannung

Welty: Wir können ja ruhig mal ein paar Namen nennen: Europe sind dabei, Roxette, Dr. Alban, Army of Lovers, Mando Diao, den wir heute auch schon gespielt haben, bis hin zum kürzlich verstorbenen Avicii. Wie kann das sein, dass die sich alle auf Abba beziehen? Ist das nur – nur in Anführungszeichen –, ist das das Erfolgsrezept, der kommerzielle Erfolg, oder ist es eben auch eine musikalische Inspiration?

Löding: Ich glaube schon, dass das ganz sicher auch eine musikalische Inspiration ist. Es ist auch kein Zufall, dass Avicii beispielsweise mit Björn und Benny von Abba ja auch zusammen komponiert und gearbeitet hat. Daran kann man schon die Nähe erkennen. Bei Abba, das Faszinierende aus meiner Sicht ist diese unglaublich flirrende Spannung, die entsteht aus dieser fröhlichen Musik – eben haben wir "Dancing Queen" kurz gehört, dieser fröhlichen Musik, die glücklich macht, die zum Tanzen anregt, wo man in Melodien geradezu baden kann, und auf der anderen Seite dieser todtraurigen, melancholischen, von einem kalten nordischen Winter und einer kalten Folkkultur geprägten Texte.

Daraus entsteht eine Spannung und ein Flirren, dass für ganz viele Musikerinnen und Musiker in Schweden ein Anknüpfungspunkt ist. Man kann Ace of Bass nennen, man kann aber auch die Cardigans nennen, und man kann die Elektroniker nennen, bis hin zu dem unfassbar erfolgreichen Produzenten Max Martin, der für Britney Spears, Céline Dion, Taylor Swift oder Ellie Goulding geschrieben hat, wahrscheinlich nach Paul McCartney und John Lennon mittlerweile der dritterfolgreichste Songschreiber aller Zeiten, der genau diese Abba-typische Mischung aus fröhlichen Melodien und traurigen Texten perfektioniert.

Blick auf die schwedische Hauptstadt Stockholm am 12.06.2017.  (dpa / picture alliance / Peter Zimmermann)Blick auf die schwedische Hauptstadt Stockholm (dpa / picture alliance / Peter Zimmermann)

Musikalisches Stockholm

Welty: Inwieweit ist Stockholm auch eine musikalische Stadt abseits des Big Business der Popmusik?

Löding: Wenn man sich durch Stockholm treiben lässt, dann findet man viele Auftrittsorte, kleine, große, nicht ganz so viele natürlich wie in den großen Popmetropolen New York, London, vielleicht auch Berlin. Aber man spürt an jeder Ecke die Musikalität dieser Stadt. Und das hat ganz viel damit zu tun, dass es in Schweden eine sehr stark geförderte öffentliche Musikschulbildung gibt, dass die Schweden ein perfektes Englisch sprechen, die internationalen Poptrends und auch Techniktrends ganz intensiv rezipieren und das in ihr eigenes Modell von schwedischer Popmusik überführen. Ich fand es hoch faszinierend, mich in Schweden und in Stockholm treiben zu lassen und wahrzunehmen, wie musikalisch die Stadt ist. Kein Zufall, dass eben auch in der Stadt ein Abba-Museum existiert, und im Keller dieses Museums eine schwedische Hall of Fame, da kann man Tage verbringen und sich durch die schwedische Popmusik hören.

Welty: Ole Löding hat über Stockholm als die "A-Klasse" der Popmusik geschrieben und natürlich in diesem Zusammenhang auch über Abba, die Ende des Jahres zwei neue Songs herausbringen. Ich danke Ihnen für dieses Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Ole Löding und Philipp Krohn, Sound of the Cities - Stockholm, Verlag Rogner & Bernhard 2015, 22,95 Euro  

*) Im Interview hatte Ole Löding versehentlich eine falsche Einwohnerzahl Schwedens genannt. Wir haben dies korrigiert. 

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