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Im Gespräch | Beitrag vom 20.12.2019

SPD-Politikerin Sawsan ChebliVom Glück und der Anstrengung, in keine Schublade zu passen

Moderation: Britta Bürger

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SPD-Politikerin Sawsan Chebli schaut zur Seite vor blauen Hintergrund (imago / Metodi Popow)
Jung, kompetent, religiös, offen: SPD-Politikerin Sawsan Chebli. (imago / Metodi Popow)

Sawsan Chebli hat eine Bilderbuchkarriere hingelegt: Als erstes von 13 Kindern palästinensischer Flüchtlinge machte sie Abitur und arbeitet heute in den Chefetagen deutscher Politik. Dabei ist sie immer wieder auch extremem Hass ausgesetzt.

Sie habe durchaus eine klassische SPD-Biografie, findet Sawsan Chebli, Staatssekretärin in der Berliner Senatskanzlei. Denn wenn es nach ihrer Partei gehe, "sollte jedes Kind, unabhängig davon, wie dick das Portemonnaie der Eltern ist, Aufstiegsmöglichkeiten haben - Arbeiterkinder genau wie Kinder aus akademischen Elternhäusern".

Vom staatenlosen Kind ins Auswärtige Amt

Doch da es mitunter nicht immer nach den Wünschen und Grundsätzen der SPD geht, klingt der Aufstieg Sawsan Cheblis geradezu unwahrscheinlich. Geboren 1978 in Berlin als staatenloses Kind palästinensischer Flüchtlinge und aufgewachsen mit zwölf Geschwistern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, spielt Politik schon früh eine Rolle ihrem Leben. Frühmorgens begleitet sie ihren Vater zur Ausländerbehörde, um den Duldungsstatus zu verlängern, oder besucht ihren Vater in Abschiebehaft, da er Deutschland mehrfach verlassen muss und wieder zurückkehrt.

"Ich habe mir immer gesagt, ich möchte nicht, dass andere über mein Leben entscheiden, wie sie über das Leben meiner Eltern entschieden haben. Ich möchte auch nicht so arm sein wie meine Eltern. Ich möchte nicht so mittellos sein."

Bis sie in die Grundschule kommt, spricht Sawsan Chebli kein Deutsch. Doch früh erkennen Lehrer das Potenzial und den Ehrgeiz ihrer Schülerin. Als Erste in ihrer Familie legt sie ihr Abitur ab. Aus Sorge, nicht genügend Zeit für Politik zu haben, entscheidet sie sich schließlich gegen ein Medizinstudium und schreibt sich stattdessen für Politikwissenschaften am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin ein.

Bald knüpft sie erste Kontakte zur SPD und tritt 2001 in die Partei ein. 2014 holt der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier Sawsan Chebli, die bis dahin über keine diplomatische Erfahrung verfügt, schließlich als stellvertretende Sprecherin ins Auswärtige Amt: ein früher Höhepunkt ihrer politischen Karriere.

Hörbare Stimme gegen Hass

Viele sehen ein wichtiges Signal darin, dass eine junge Muslima an diese Stelle berufen wird. Doch bis heute ist Sawsan Chebli auch extremen Hass ausgesetzt.

"Das hat natürlich damit zu tun, dass ich Frau bin, dass ich Muslima bin, dass ich Palästinenserin, Migrantin und dann noch erfolgreich bin, und meine Stimme so hörbar ist", sagt Sawsan Chebli. "Ich zeige, man muss nicht Deutsch sein, um dieses Land zu lieben und dazuzugehören, sondern: Demokratie lebt natürlich von Vielfalt."

Regelmäßig erhält sie Hassbotschaften und Todesdrohungen. "Ich lasse mich nicht kleinkriegen, es geht mir auch nicht nah", sagt die SPD-Politikerin. Wenn man alle paar Tage solche Nachrichten erhalte, pralle es irgendwann von einem ab.

Die Todesdrohungen macht sie immer wieder auch öffentlich, "weil ich der Meinung bin, dass die Mehrheit zu still ist". Sie will damit auch andere motivieren. "Meine Stimme ist einfach für viele Menschen – und das weiß ich, das kriege ich an den Rückmeldungen mit – zu wichtig, als dass ich mich jetzt zurückziehe und Angst habe. Ich darf es gar nicht."

Als Minderheiten an einem Strang ziehen

Einige kämen nicht damit zurecht, sie in keine Schublade stecken zu können. Jung, kompetent, religiös, offen – das passt für viele offenbar nicht zusammen. Obwohl ihre Eltern eher "Kulturmuslime" gewesen seien, die sich erst spät auch intellektuell mit der Religion auseinandergesetzt hätten, ist der Islam für Sawsan Chebli heute wichtiger Teil ihrer Identität. Sie betet, fastet, war in Mekka und hält sich "an ein paar Regeln". Schwer verdaubar für ihre Feinde, dass sie das nicht davon abhält, sich einen Adventskranz auf den Tisch zu stellen, mit jüdischen Freunden Chanukka zu feiern und sich gegen Homophobie, Seximus, Rassismus und Antisemitismus einzusetzen.

"Palästinensisch, muslimisch sein bedeutet für mich erst recht, gegen Antisemitismus zu kämpfen, weil: Wir müssen an einem Strang ziehen als Minderheiten."

Ein anderer Blick auf Hartz IV

Heute ist die 41-Jährige Bevollmächtigte des Landes Berlin beim Bund und Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales in der Berliner Senatskanzlei, so der offizielle Titel ihres Amts. Nach den Querelen der letzten Monate, hofft sie nun, dass die Sozialdemokraten wieder das vermitteln können, wofür sie stünden: "Dieses Versprechen, die Gesellschaft sozial gerechter zu gestalten."

"In der letzten Zeit war es schwierig. In der Kommunikation, aber auch wie wir uns präsentiert haben. Auch mir fiel es schwer, ehrlich gesagt, Gründe zu finden, andere Menschen mitzuziehen und zu begeistern."

Auch dass Hartz IV nun noch einmal neu betrachtet werde, findet sie richtig. "Trotz der Tatsache, dass ich davon gelebt habe und gesehen habe, wie würdelos es sein kann für Menschen, die davon leben und abhängig sind", sei sie ein "großer Unterstützer" dieser Agenda gewesen. "Sie war zu dem Zeitpunkt richtig und sie hat Deutschland auf den richtigen Pfad gebracht, aber es ist richtig, dass wir jetzt nachjustieren, weil wir gemerkt haben, dass sie zu vielen Ungerechtigkeiten geführt hat."

(era)

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