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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 11.08.2016

Spaltung versus EinheitWider Trennungsängste in EU und NATO

Von Gesine Palmer

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Flaggen der NATO-Staaten vor dem Hauptquartier in Brüssel (picture alliance/dpa/Julien Warnand)
Flaggen der NATO-Staaten vor dem Hauptquartier in Brüssel: Die Republik Türkei ist seit 1952 Mitglied der NATO. (picture alliance/dpa/Julien Warnand)

Allianzen wie NATO und EU würden sich schwächen, wenn sie Einheit bewahren, wo Spaltung ratsamer wäre, meint die Religionsphilosophin Gesine Palmer. Nur ohne Trennungsängste könne Europa wirksam politischen Druck ausüben, beispielsweise auf die Türkei.

Ein Gespenst geht um in Europa. Und nein, es ist nicht der Kommunismus. Der schläft ruhig unter den Akten stalinistischer Regime. Und für seine magersüchtigen Kinder hat er einen Dauerplatz in parlamentarischen Oppositionen gefunden.

Das Gespenst ist auch nicht der Islamismus: der poltert leibhaftig und weithin sichtbar einher. Frech schwingt er in der Türkei die Fahne der Demokratie, um deren Gegenteil zu erreichen. Nein, das Gespenst, das umgeht, trägt den Namen "Spaltung". Es ist der angstbesetzte Zwilling einer irrational übersteigerten Sehnsucht nach Einheit.

Immer wieder heißt es, nur mit Geschlossenheit könnte Gefahren erfolgreich begegnet werden. Und selbstverständlich ist gute Zusammenarbeit vieler gegenüber den Bedrohungen durch Islamismus, Terrorismus oder Wirtschaftskrisen besser, als in handlungsunfähiges Chaos zu versinken. Aber gerade wo es emotional wird, wo eine tiefe Sehnsucht nach der Geborgenheit in einer größeren Einheit sich verselbständigt, wird es politisch manchmal bedenklich.

Spaltung ist nicht weniger gerechtfertigt als Einheit

Mehrfach haben sich die christlichen Kirchen voneinander abgespalten. Gleichwohl bemüht sich der Ökumenische Rat geduldig um eine Einheit des Christentums. Jedoch vermag er lediglich Gemeinsames im Dissens anzustreben. Denn bis heute hat jede religiöse Spaltung ebenso wie andere Trennungen für die Verursacher ihren guten Grund.

Was hilft der Appell an Geschlossenheit, was hülfe eine Zwangsgemeinschaft, wo Interessen, Weltanschauungen, Kulturen einander ausschließen, wo eben ein anderes Sein ein radikal anderes Bewusstsein bestimmt?

Nur wenig vertrauenswürdig erscheint das Ideal einer einheitlichen, geschlossenen Gesellschaft, wenn es in Fantasien von einem islamischen Kalifat beschworen wird oder in den Träumen von dem einzig starken Mann an der Spitze des Staates.

So politisch gespalten nationalistische oder religiös-reaktionäre, alles umgreifende Parteien und Bewegungen auch sein mögen, es eint sie die Sehnsucht nach einem archaischen, undifferenzierten Volkskörper. Diese Art der Einheit ist seit eh und je das Kennzeichen von reaktionärem Gedankengut.

Was Europa verbindet, sind Menschenrechte, Rechtsstaatsprinzip, Freiheit von Wissenschaft, Kunst und Medien. Auf diesen über lange Zeit erarbeiteten Konsens gründet sich, was heute als sogenannte Wertegemeinschaft prekär zu werden droht. Ein Konsens bindet und verbindet – aber er schließt auch aus.

Europa prüft sein Verhältnis zur Türkei Erdogans

So ist es nur folgerichtig, dass Europäische Union und Nordatlantisches Bündnis wieder einmal ihr Verhältnis zum Partner Türkei prüfen, diesmal nicht zu einer Militärjunta, sondern zu einer religiös konservativen Regierung, die mit scheinbar demokratischen Mitteln autoritär zu werden droht.

Müssten die Verhandlungen zum EU-Beitritt nicht ausgesetzt werden, müsste das Land am Bosporus nicht aus der NATO ausgeschlossen werden? Was haben Europa und Amerika mit der Türkei Erdogans noch gemeinsam zivil oder militärisch zu verteidigen? Sollten Union und Allianz ihre demokratische Einheit zu bewahren suchen vor spalterischem Wildwuchs an ihrer Südostflanke?

Sie ahnen, dass ich nicht wirklich dafür plädiere. Gibt es doch vernünftige Gründe, die Zusammenarbeit mit der Türkei aufrecht zu erhalten und deswegen Druck auf Recep Tayyip Erdogan auszuüben, damit die Partnerschaft begründet bleibt. Das aber können EU oder NATO nur dann überzeugend, wenn sie sich der Gespensterfurcht vor der "Spaltung" entledigen.

Gewiss ist es besser, Ankara als Verbündeten zu haben, der gleichermaßen hilft, die Flüchtlingswanderung zu steuern und die Reihen gegen den islamistischen Terror zu schließen. Andererseits: sollte sich die Türkei weiter islamistisch, bildungsfeindlich und menschenrechtsavers entwickeln, dann wäre ein Bündnis mit ihr eben kein gutes mehr. Und dann brauchte es Kraft, es aufzukündigen.

Ich denke: Europa kann stärker auftreten, wenn es "Spaltung" nicht mehr fürchtet. Vielleicht würde der türkische Präsident diese Haltung besser als jede andere verstehen.

Gesine Palmer (privat)Gesine Palmer (privat)Gesine Palmer, geb. 1960 in Schleswig-Holstein, studierte Pädagogik, evangelische Theologie, Judaistik und allgemeine Religionsgeschichte in Lüneburg, Hamburg, Jerusalem und Berlin.

Nach mehrjähriger wissenschaftlicher Lehr- und Forschungstätigkeit gründete die Religionsphilosophin 2007 das "Büro für besondere Texte" und arbeitet seither als Autorin, aber auch als Redenschreiberin, Trauerrednerin und Beraterin.

Ihr wiederkehrendes Thema sind "Religion, Psychologie und Ethik" – im Kleinklein der menschlichen Beziehungen wie im Großgroß der Politik.

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