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Interview | Beitrag vom 20.10.2020

Soziologe über Jugend und Corona"Wir können nicht beobachten, dass Jugendliche antisozial denken"

Michael Corsten im Gespräch mit Dieter Kassel

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Junge Menschen feiern nachts eine Outdoor-Party in Berlin-Marzahn. (laif / Gordon Welters)
Einige junge Leute wollen auch in der Corona-Zeit nicht auf das Feiern verzichten. Ob sie damit hauptverantwortlich für die Pandemie sind, ist eine andere Frage. (laif / Gordon Welters)

Der Soziologe Michael Corsten warnt davor, die steigenden Neuinfektionen vor allem den jungen Menschen anzulasten. Für ihn sind diese derzeit Sündenböcke für eine Gesellschaft, die in "moralischer Panik" nach Schuldigen für die Pandemie sucht.

Auf den traurigen Corona-Rekord im Berchtesgadener Land folgt nun der faktische Lockdown. Ab sofort gelten dort harte Ausgangsbeschränkungen.

Wie es zu der Infektionswelle in Bayern kommen konnte, ist noch nicht ganz klar. Aber der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) machte schnell Verantwortliche aus - und sprach von feiernden Jugendlichen.

Moralische Panik

Die Sichtweise, dass die Jugend den Anstieg der Neuinfektionen durch Partys und unvorsichtiges Verhalten mit verschuldet, ist weit verbreitet.  

Der Hildesheimer Soziologe Michael Corsten arbeitet an einer aktuellen Studie zum Thema und findet keine Belege dafür. Es handele sich vermutlich vielmehr um eine gesellschaftliche Reaktion, bei der vermeintlich Schuldige gesucht würden, sagt er. Im angelsächsischen Raum werde das als "moral panic" (moralische Panik) bezeichnet.

"Das sind ganz oft die Jugendlichen, das hat man auch in anderen Umbruchzeiten schon getan", sagt Corsten über den Versuch, bestimmte Gruppen in Krisenzeiten für Probleme verantwortlich zu machen. Er erinnert an die 1950-er Jahre, in denen "Halbstarke" für Krawalle kritisiert worden seien, und an die Studentenbewegung in den 1960er-Jahren:

"Das kann man im 20. Jahrhundert gut verfolgen, dass die gesellschaftliche Wahrnehmung sehr einseitig auf die Jugend blickt."

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Bei den Interviews, die er für seine aktuelle Studie mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen geführt hat, fänden sich sehr häufig Rücksichtnahme, eine soziale Perspektive und das Hineindenken in andere, sagt Corsten: "Wir können nicht beobachten, dass Jugendliche antisozial denken."

Ältere Menschen infizieren sich gerade

Zahlen des Robert Koch-Instituts zeigen für die 33. Kalenderwoche, also für den August, ein Durchschnittsalter von 32 Jahren bei den Neuinfektionen. In der vergangenen Woche habe das Durchschnittsalter bereits bei 39 Jahren gelegen, so der Soziologe. Damit bewegten sich die Zahlen auf das Durchschnittsalter der Bevölkerung von 44,5 Jahren zu.

Das bedeute, dass sich in den vergangenen Wochen vor allem Teile der älteren Bevölkerung infiziert hätten - und nicht mehr jüngere Leute wie in den späten Sommermonaten. "Hier verschiebt sich die Lage und kann eben nicht mehr vollständig mit dem Partyfeiern der Jugendlichen erklärt werden."

Besondere Herausforderung für die Jugend

Es seien zwar alle gleichzeitig von der Coronakrise betroffen, aber je nach Lebenslage und Altersphase sei die Perspektive sehr unterschiedlich, sagt der Soziologe. "Hier ist natürlich wirklich interessant: dieses ungeheure Zeitempfinden der Jugendlichen, dieses hohe Bewusstsein dafür, dass man möglicherweise etwas in dieser Übergangssituation von der Jugend ins Erwachsenenalter verpassen kann."

Für junge Menschen fielen wichtige Fragen der Ausbildung, des Studiums, des beruflichen Einstiegs und der Familiengründung in die Coronazeit. Dabei gehe es um Weichenstellungen für die nächsten Jahrzehnte ihres Lebens: "Hier fühlen sich die Jugendlichen sicherlich anders herausgefordert als die Erwachsenen und die Älteren."

(gem)

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