Seit 01:05 Uhr Tonart

Mittwoch, 01.04.2020
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Fazit | Beitrag vom 16.03.2020

Soziologe Heinz Bude zu Corona"Solidarität ist heute etwas, worauf wir alle angewiesen sind"

Heinz Bude im Gespräch mit Johannes Nichelmann

Beitrag hören Podcast abonnieren
Der Soziologe Heinz Bude stützt seine Kopf auf seine Hand und blickt in die Kamera. (imago images / photothek / Thomas Imo)
Die Zeit des Neoliberalismus sei vorbei, sagt der Soziologe Heinz Bude. (imago images / photothek / Thomas Imo)

Wird sich durch die Coronakrise unsere Gesellschaft fundamental ändern? Der Soziologe Heinz Bude sieht eine Zeitenwende kommen. Er glaubt an eine Deglobalisierung und betont, dass der Virus auf privilegierte Positionen keine Rücksicht nimmt.

Ob Bundeskanzlerin oder Bundespräsident - in Zeiten von Corona wird von allen Seiten an die Solidarität in unserer Gesellschaft appelliert. Heinz Bude lehrt an der Uni Kassel Makrosoziologie, ist am Hamburger Institut für Sozialforschung Leiter des Arbeitsbereichs "Die Gesellschaft der Bundesrepublik" und hat bereits Anfang vergangenes Jahr ein Buch zu dem Thema geschrieben. Er glaubt, dass sich etwas Grundsätzliches zu verändern scheint: "Solidarität ist heute etwas, worauf wir alle angewiesen sind".

Noch wird scheu geübt

Das Ideal des Neoliberalismus sei der starke Einzelne gewesen, führt Bude aus. Das ändere sich gerade: "Der Virus nimmt auf Klassen und auf privilegierte Positionen keine Rücksicht". Durch die Beispiele aus Italien werden Einzelne angeregt, sich um Ältere oder Kranke zu kümmern: "Dass man zumindest fragt, ob man etwas für sie tun kann. Das sind so Kleinigkeiten, die mir deutlich machen, dass Praktiken von Solidarität ganz scheu eingeübt werden."

Coronavirus-Newsletter

Es habe eine Sehnsucht nach solidarischem Handeln gegeben, auch von der Politik: "Es scheint so zu sein, als ob das Publikum in seiner großen Mehrheit auf so etwas gewartet hat, dass der Staat nach vorne geht, und Solidarität fordert", so Bude.

Suche nach Sicherheit

In allen westlichen Gesellschaften gebe es eine Tendenz des Rückzugs auf kleinere Einheiten und es werde nach Sicherheit gesucht, analysiert der 65-Jährige: "Das ist die große Formel, die seit ungefähr sechs, acht Jahren in der Welt ist."

Damit verbunden sei eine Deglobalisierung und eine Abkehr von der neoliberalen Ideologie: "Die Gesellschaften fangen an, sich auf sich selber zu besinnen und Solidaritätsräume zu definieren." Es werde Abstand genommen von der Idee einer Welt-Innenpolitik zur Lösung der Menschheitsfragen. Die Zeit des Neoliberalismus, die Ende der 1970er-Jahre begonnen habe, sei vorbei, meint Heinz Bude: "Ich glaube schon, dass eine Periode zu Ende geht.".

(beb)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsAufatmen in der Quarantäne
Die polnische Autorin Olga Tokarczuk steht an einem Bücherregal.  (dpa / picuture alliance / Friso Gentsch)

Für die polnische Literatur-Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk ist die Coronakrise auch eine Chance auf einen anderen, gebremsten Rhythmus des Lebens, schreibt sie in der "FAZ". Dies erinnere an die Kindheit, in der sie Zeit verschwenden durfte.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur