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Interview / Archiv | Beitrag vom 19.02.2018

Soziologe fordert ein Schulfach "Gesundheit"Verstehen Sie Ihren Arzt oder Apotheker?

Klaus Hurrelmann im Gespräch mit Ute Welty

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Eine Frau nimmt Tabletten. (imago / photothek)
Die meisten Patienten verstehen die Beipackzettel ihrer Mediamente nicht (imago / photothek)

Mehr als die Hälfte der Deutschen ist damit überfordert, sich um die eigene Gesundheit zu kümmern. Der Soziologe und Gesundheitsexperte Klaus Hurrelmann hat an dem "Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz" mitgewirkt, der unter anderem ein Schulfach Gesundheit fordert.

Heute wird der "Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz" vorgestellt. Wissenschaftler beschreiben darin, wie es um die Gesundheitsbildung der Deutschen steht und geben Handlungsempfehlungen für die Politik. Ihr Befund ist alarmierend, denn mehr als die Hälfte der Bevölkerung (54,3 Prozent) hat eine "eingeschränkte Gesundheitskompetenz". Erschreckend viele Leute haben Probleme damit, sich in Gesundheitsdingen zurechtzufinden. Sie wissen nicht, wie sie Medikamente richtig einnehmen, im Notfall einen Krankenwagen rufen oder verstehen Warnungen vor Gesundheitsrisiken wie Rauchen, Bewegungsmangel oder übermäßigem Trinken nicht. Auch das Wissen über Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen ist unzureichend.

Auch Angehörige sollten als aktive Partner in das Gespräch dem Arzt eingebunden werden, empfiehlt die Kommunikationswissenschaftlerin Annegret Hannawa (Imago)Auch im Krankenhaus ist bessere Aufklärung der Patienten und ihrer Angehörigen wichtig (Imago)

Anspruchsvollere Patienten

"Das liegt daran, dass es wirklich sehr kompliziert ist", sagte der Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann an der Hertie School of Governance in Berlin, der als Mitautor an dem Nationalen Aktionsplans gearbeitet hat. Ein weiterer Grund sei, das die Menschen ihre Gesundheit selbst in die Hand nehmen wollten und anspruchsvoller geworden seien. Das habe sich in den letzten Jahren verändert.

Verwirrende Fülle an Informationen

"Es stehen heute auch so viele Informationen, wie noch nie zuvor", sagte Hurrelmann und verwies auf zahlreiche Plattformen im Internet, Zeitschriften und Broschüren. Gleichzeitig gebe es keine Garantie, dass diese Informationen überprüft seien und einem weiterhelfen. "Eine Fülle von Informationen kann auch Verwirrung stiften." Das führe dazu, dass viele Menschen sagten, mit den Angeboten im Internet  kämen sie nur schlecht zurecht.

Mehr Aufklärung für Junge und Alte  

Hurrelmann sagte, der Aktionsplan sehe deshalb 15 Empfehlungen vor. Darin werde unter anderem gefordert, dass im Kindergarten und in der Schule systematisch mit gesundheitlicher Aufklärung begonnen werde. Er plädiere für ein Schulfach Gesundheit. Für ältere Menschen würden in den Krankenhäusern gute Informationszentren benötigt.


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Wenn heute der Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz vorgestellt wird, dann wird sich mancher fragen, wofür ist das denn gut. Tatsache ist aber, nicht jeder versteht jede Information, wenn es um seine Gesundheit geht, und das soll jetzt gefördert werden – auch damit Medikamente zum Beispiel richtig eingenommen werden. Es macht nämlich einen großen Unterschied, ob ein Blutdruckmittel morgens oder abends oder gar nicht genommen wird. Immer noch gelten Beipackzettel als zu kompliziert.

In Berlin begrüße ich jetzt Klaus Hurrelmann, Professor für Public Health and Education an der Hertie School of Governance. Guten Morgen, Herr Hurrelmann!

Klaus Hurrelmann: Schönen guten Morgen!

Welty: Die Befunde im Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz sind ja alarmierend: Noch nicht einmal die Hälfte der Deutschen kommt zurecht, wenn es um ihre Gesundheit geht. Sie verstehen den Beipackzettel nicht, sie haben Schwierigkeiten, einen Notarzt zu rufen, und sie wissen nicht Bescheid über Vorsorgeuntersuchungen. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Hurrelmann: Nun es liegt daran, dass es tatsächlich sehr kompliziert ist und dass die Menschen heute das selbst in die Hand nehmen möchten. Das ging ja auch aus Ihren Gesprächen gerade hervor: Ich möchte als Patient oder wenn ich noch gesund bin als Vorsorgender, ich möchte wissen, was da mit mir geschieht, und ich möchte einen Eindruck davon haben, wie ein Medikament wirkt.

Das hat sich verändert in den letzten Jahren. Wir sind anspruchsvoller geworden, und deswegen kommt das so zustande. Gefragt danach, ob man gelegentlich oder öfter Schwierigkeiten hat, sich die richtigen, die guten Informationen zu besorgen und sie dann auch auf sich selbst noch zu beziehen, dass dann die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland sagt, nein, das schaffe ich nicht.

Der Bielefelder Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann  (dpa / picture alliance / Miguel Villagran)Der Bielefelder Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann fordert mehr Informationen in leichter Sprache für die Patienten (dpa / picture alliance / Miguel Villagran)

Verwirrende Suche im Internet

Welty: Aber das klingt einigermaßen absurd, dass mehr Wissen wollen dazu führt, dass man weniger weiß.

Hurrelmann: Ja, es geht noch weiter. Es stehen heute ja auch so viele Informationen zur Verfügung wie noch nie zuvor. Denken wir an alle die wunderbaren Plattformen im Internet, neben den vielen Broschüren, Zeitschriften, die es gibt. Auch die wunderbare, übrigens wirklich sehr, sehr gute "Apotheken-Umschau", wo wir gerade bei Apotheken waren. Da ist eine Fülle von Informationen.

Man kann wirklich aus dem absolut Vollen schaffen, das ist so, aber gleichzeitig hat man nicht die geringste Garantie, dass die Informationen, die man da hat, überprüft sind, dass die etwas zu bedeuten haben für meine eigene Situation. Also hier merkt man, eine Fülle von Informationen kann auch Verwirrung stiften, und genau in der Situation sind wir heute. Und das führt auch dazu, dass die meisten Menschen sagen, mit den Angeboten im Internet kommen sie nur sehr, sehr schlecht zurecht.

Welty: Also besser nicht lesen, was gesund macht, wann man denn tatsächlich gesund werden will oder gesund bleiben möchte.

Hurrelmann: Ja, so ungefähr. Wir haben natürlich auch geschaut in der Untersuchung, welche Bevölkerungsgruppen sind denn nun ganz besonders betroffen, und da fällt auf, dass es die Jungen sind, die Schulkinder, aber auch die Jugendlichen – sie geben besonders viele Schwierigkeiten zu Protokoll beim Gesundheitswissen –, und es sind die Ältesten, bei denen natürlich dann auch viele, die schon krank geworden sind.

Also immer dann, wenn man betroffen ist, dann wird es besonders schwierig, dann hat man einen großen Bedarf, die richtigen Informationen im richtigen Moment zu bekommen, und wenn man jung ist, fühlt man sich noch so schrecklich jung, dass man keine Mühe sich macht, um die richtigen Informationen zu besorgen. Und das sind auch zwei Bevölkerungsgruppen, die jetzt in dem von Ihnen angesprochenen Plan, wo wir 15 Empfehlungen gefiltert haben aus der ganzen Literatur, den schon vorliegenden solchen Aktionsplänen aus anderen Ländern, wo wir einen besonderen Akzent drauf gesetzt haben. Wir fordern also zum Beispiel, dass man schon in Kindergarten und Schule mit gesundheitlicher Information und gesundheitlicher Aufklärung richtig systematisch beginnt.

Also wenn es sein soll, würde ich es hinzufügen – steht auch in dem Plan drin –, ein Schulfach Gesundheit, und wir fordern am anderen Ende der Lebensspanne, richtig gute Informationszentren in den Krankenhäusern, in den Altersheimen, in den Apotheken, die Sie erwähnt haben, sodass alle Menschen die Chance haben, für ihre Bedürfnisse auf ihren persönlichen Denk- und Handlungsgrad abgestimmte Informationen möglichst in einfacher Sprache zu bekommen. Hier liegen enorme Herausforderungen.

Ein Arzt tupft den Oberam eines Jungen in einer Praxis. (imago/Westend61)Ein Arzt tupft den Oberam eines Jungen in einer Praxis. (imago/Westend61)

Schulungen für das Personal

Welty: Wo Sie gerade sagen einfache Sprache: Warum trägt man nicht längst und verstärkt dem Rechnung, dass es ein Bedürfnis nach mehr Information und auch profunder Information gibt? Warum gehört es nicht zu einer Medizinerausbildung, ein Gespräch eben in einfacher Sprache zu führen?

Hurrelmann: Gehört dazu, wir fordern das auch in einer der 15 Empfehlungen, in denen wir das alles auf den Punkt gebracht haben: Eine Schulung der Ärztinnen und Ärzte, aber natürlich auch der anderen therapeutischen Berufe, der Pflegekräfte, die sich übrigens in den letzten Jahren hier schon sehr bemüht haben – aber alle Berufsgruppen haben das erkannt. Ich muss in der Lage sein, als Arzt und als Ärztin mit meinem Patienten so zu sprechen, dass der das nachvollziehen und verstehen kann, und da gibt es auch bestimmte kleine Methoden.

Ich kann den Patienten fragen, sagen Sie doch noch mal in Ihren eigenen Worten, was ich Ihnen hier jetzt erklärt habe, und dann kann ich als Arzt schon erkennen, ob das angekommen ist. Solche Regeln, solche kleinen Trainingsschritte, die gehören mit in die Ausbildung hinein, aller Berufe, die etwas mit der Gesundheit von Menschen zu tun haben. Und hier bewegt sich auch was, aber wir wollen mit dem Plan anstoßen, dass das auf breiter Fläche geschieht.

Da kommen heute ganz viele Menschen aus den verschiedensten Einrichtungen – des Bildungssystems, der Arbeitsplätze, die müssen wir ja auch noch erwähnen, der Medien, aber natürlich auch des Gesundheitssystems und des Altersversorgungssystems –, und die haben das alle erkannt, das Problem, sonst würden sie nicht kommen. Und mit ihnen zusammen wollen wir dann versuchen, diese 15 Empfehlungen in den nächsten Jahren so umzusetzen, dass sie realisierbar sind, und wir freuen uns sehr, dass das so eine große Resonanz gefunden hat. Offenbar haben wir einen Nerv getroffen damit.

Leichte Sprache ist wichtig

Welty: Welche Rolle spielt die Bildung, gibt es da so etwas wie eine soziale Schere, wenn man das Verständnis für Gesundheit beschreibt?

Hurrelmann: Ja, ganz klar. Wer sehr gut gebildet ist, hat eher die Möglichkeit zu erkennen, dass der Beipackzettel, von dem vorhin die Rede war, wirklich nur eine juristische Formulierung ist. Der kann dann eventuell es schaffen, im Internet zu schauen, was denn nun wirklich mit dem Wirkstoff ist und wie man ihn denn tatsächlich einnehmen soll. Aber das verlangt eben sehr viel, und damit das nicht von dem Bildungsgrad der Menschen abhängt, brauchen wir einmal diese leichte Sprache in allen Informationen, die wir eben schon erwähnt haben, und wir brauchen zweitens ein viel besseres Training der Schülerinnen und Schüler.

Da haben wir eine Untersuchung gemacht vor wenigen Wochen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, und es stellte sich heraus, dass sie das auch als ein richtiges Defizit empfinden, dass sie so wenig über Gesundheit wissen. Sie haben ganz klar mit riesiger Mehrheit sich dafür ausgesprochen, ein Schulfach Gesundheit einzuführen oder wenigstens in den bestehenden Unterrichtsfächern ganz viele gesundheitliche Themen immer wieder anzusprechen.

Ich glaube, man erkennt hieran, wie bedeutsam den Menschen es geworden ist, gesund zu leben. Das ist ja heute auch so ein bisschen schon so ein Elixier, so ein Lebensstilelement – ich möchte gesund sein körperlich und psychisch, damit ich gut durchs Leben komme –, und bei Jugendlichen fängt das an. Und wir haben hier eine sehr gute Chance, auch das Thema eben schon früh voranzubringen, sodass es am Ende nicht von der sozialen Herkunft und nicht von der Bildung, vom Bildungsgrad abhängt, wie gut man mit Gesundheitsinformationen zurechtkommt.

Welty: Es gibt eine Menge zu tun. Klaus Hurrelmann war das, Professor für Public Health and Education an der Hertie School of Governance. Herr Hurrelmann, haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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