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Sein und Streit | Beitrag vom 27.10.2019

Soziologe Andreas ReckwitzDas Zeitalter der Deregulierung ist zu Ende

Moderation: Stephanie Rohde

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Eine Collage zeigt einen Geschätsmann mit Aktenkoffer zwischen Pfeilen, einem Eurosymbol, Aktienkursen und der Europakarte im Hintergrund.  (imago images / Ikon Images / Alex Williamson)
Es gilt, die richtige Balance von Regulierung und Öffnung zu finden, mahnt der Soziologe Andreas Reckwitz. (imago images / Ikon Images / Alex Williamson)

Berliner Mietendeckel oder Diskussionen um strengere Regeln im Internet: Für den Soziologen Andreas Reckwitz Beispiele dafür, dass wir nach 30 Jahren Deregulierung vor einer Zeitenwende stehen. Für ihn ist die Lösung: "einbettender Liberalismus".

Nach jedem Rausch der Kater: Jahrzehntelang hatten wir uns als Gesellschaft schön im Haus des Fortschritts eingerichtet und waren uns sicher, auf dem richtigen Weg zu sein: dass alles immer besser wird, Demokratie und Menschenrechte auf dem Siegeszug sind und das Internet uns eine wunderbare Welt der grenzenlosen Kommunikation bescheren wird. 

"In den neunziger Jahren, auch in den Nullerjahren hat es ja eine sehr breite Stimmung in der öffentlichen Meinung gegeben, dass man im Grunde – wie das Francis Fukuyama genannt hat – am Ende der Geschichte angekommen ist", sagt der Soziologe Andreas Reckwitz, Professor für vergleichende Kultursoziologie in Frankfurt/Oder. "Das heißt also quasi am Ende, auf der letzten Stufe eines Fortschrittsprozesses mit der Globalisierung, mit der weltweiten Demokratisierung nach dem Mauerfall, Vermarktlichung, Vernetzung durch das Internet, Pluralisierung usw."

In seinem Buch "Das Ende der Illusionen" beschreibt Reckwitz, wie diese Euphorie in den letzten Jahren mehr und mehr einem Katzenjammer gewichen ist: Die Wahl Donald Trumps, das Brexit-Referendum, Finanzkrise, Terroranschläge und Hate Speech statt herrschaftsfreier Kommunikation im Netz hätten dazu geführt, dass die öffentliche Stimmung inzwischen "fast ins Depressive umgeschlagen ist", so der Soziologe. "Man sieht jetzt den Populismus im Aufschwung, sieht gar nicht, wie man ihn besiegen kann." 

Einen nüchternen Blick auf die Entwicklung werfen

Manisch-depressiv nennt Reckwitz diesen Stimmungswandel von einem Extrem ins andere. Und er findet, es sei Zeit, sich von Euphorie wie Katastrophenstimmung gleichermaßen zu verabschieden und einen nüchternen Blick auf das zu werfen, was in den letzten Jahrzehnten passiert ist.

Und dazu gehört dem Soziologen zufolge die Einsicht, dass die liberale Fortschrittserzählung, die in den letzten Jahrzehnten gepflegt wurde, eine Selbsttäuschung war, jedenfalls zum Teil.

"Es ist ein sehr selektiver Blick, der ja nicht die Verluste sieht, der nicht die Rückschritte sieht", sagt Reckwitz. Denn eigentlich sei die Entwicklung der spätmodernen Gesellschaft sehr widersprüchlich verlaufen und durch eine "Parallelität von sozialen Aufstiegsprozessen und sozialen Abstiegsprozessen, von kulturellen Aufwertungsprozessen und kulturellen Entwertungsprozessen" gekennzeichnet.

Der Schriftsteller und Kultursoziologe Andreas Reckwitz am 7.11. 2017 nach der Verleihung des Bayerischen Buchpreises für sein Buch "Die Gesellschaft der Singularitäten - Zum Strukturwandel der Moderne". (picture alliance / Sven Hoppe/dpa)Der Soziologe Andreas Reckwitz plädiert für einen "eingebetteten Liberalismus". (picture alliance / Sven Hoppe/dpa)

So sei aus einer nivellierten Mittelschichtsgesellschaft (Helmut Schelsky) eine Art Dreiklassengesellschaft geworden, in der sich eine liberale, kosmopolitische neue Mittelschicht, eine verunsicherte traditionelle Mittelschicht und ein neues Dienstleistungsproletariat in scharfem kulturellen Gegensatz gegenüberstehen.

Die Unzufriedenheit gerade der traditionellen Mittelschicht greift Reckwitz zufolge der Populismus auf. Aber Unzufriedenheit mit dem liberalen Paradigma kommt auch von anderer Stelle, zum Beispiel in Form von Kritik am Neoliberalismus und den entfesselten Märkten. Und so sieht der Soziologe die Gesellschaft derzeit an einer Zeitenwende: Zu der gehört auch, dass das liberale Paradigma der letzten Jahrzehnte von einem neuen Regulierungsparadigma abgelöst werden könnte.

Ein "nostalgisches Zurück" gibt es nicht

Um ein "nostalgisches Zurück" in die 1950er- bis 1970er-Jahre gehe es dabei nicht, betont Reckwitz. Zumal das in einer globalisierten Welt auch gar nicht funktionieren würde. Seine Lösung ist ein "einbettender Liberalismus", also ein Liberalismus, der stärker auf Regeln setzt und stärker darauf, die dynamischen Prozesse, zum Beispiel die Märkte, einzubetten.

Ein Beispiel dafür, dass diese Entwicklung bereits im Gange ist, sieht der Soziologe in dem sogenannten Mietendeckel, mit dem der Berliner Senat den rasanten Anstieg der Wohnungsmieten stoppen will.

"Das wäre vor zehn Jahren völlig undenkbar gewesen, dass der Staat, also in dem Fall das Land dermaßen in den Mietmarkt eingreift. Da hätte man gesagt: Man muss doch den Markt erstmal florieren lassen. Jetzt ist es aber so, und selbst die CSU, habe ich gelesen, hat einen ähnlichen Gesetzesentwurf für Bayern geplant."

Letztlich, so Reckwitz, gehe es bei diesem "einbettenden Liberalismus" darum, die richtige Balance von Regulierung und Öffnung zu finden. Ob es gelingen wird?

Er hoffe es, sagt Reckwitz. Dazu seien aber auch im liberalen Lager Lernprozesse zu durchlaufen. Und die könnten dadurch gehemmt werden, dass man sich in Teilen der öffentlichen Debatte völlig auf den Gegner, den Populismus fixiert.

(uko)

Andreas Reckwitz: "Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
305 Seiten, 18 Euro (erscheint am 28.10.)

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