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Interview / Archiv | Beitrag vom 09.06.2020

Sozialwissenschaftler über Rassismus„Wir haben ein strukturelles Problem in der Polizei“

Alexander Bosch im Gespräch mit Nicole Dittmer

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Polizisten und schwarze Demonstranten stehen sich in Berlin gegenüber. (picture alliance/Eventpress)
Nach der "Black Lives Matter"-Demonstration am 6. Juni stehen sich am Berliner Alexanderplatz Polizisten und Demonstranten gegenüber. (picture alliance/Eventpress)

Nach den „Black Lives Matter“-Demonstrationen vom Wochenende wird auch hierzulande über rassistische Polizeigewalt diskutiert. Höchste Zeit, das Problem zu benennen, sagt der Sozialwissenschaftler Alexander Bosch. Denn nur dann könne man es ändern.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes kümmert sich um Diskriminierung am Arbeitsplatz, bei Alltagsgeschäften oder der Wohnungssuche. 3580 Meldungen gingen bei der Behörde im Jahr 2019 ein, die Tendenz ist weiter steigend. Jeder dritte Fall basiert auf rassistischer Diskriminierung – so heißt es jetzt in ihrem Jahresbericht.

Diese aktuellen Zahlen zeigten erneut, dass man in Deutschland ein Problem mit Rassismus habe, und dieses Problem habe sich in den vergangenen Jahren noch verstärkt, sagt der Sozialwissenschaftler Alexander Bosch von der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Sein Schwerpunkt ist die Erforschung von Polizeigewalt.

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Zwar mache der Bericht keine Aussage über das Ausmaß des Rassismus in der Polizei, aber weshalb sollte ausgerechnet sie von einem strukturellen Rassismus verschont bleiben, fragt Bosch. Anlässlich der auch in Deutschland aufgekommen Diskussion fügt er hinzu:

"Wir haben ein Problem mit Rassismus, auch in der Polizei, auch ein strukturelles Problem. Das Problem hierbei ist nur, es wird relativ häufig negiert."

Unabhängige Forschung zulassen

Dieser Reflex sei nicht hilfreich. Auch nach den Demonstrationen von "Black Lives Matter" in Deutschland sei es zu Übergriffen seitens der Polizei gekommen. Die daraufhin von Politikern geäußerten Warnungen vor einem "Generalverdacht" gegenüber der Polizei seien jedoch der falsche Weg: "Wir haben ein Problem, das müssen wir auch so benennen. Nur dann kommen wir auch einen Schritt weiter."

Man müsse sich nun erst einmal Klarheit darüber verschaffen, wie vielfältig das Problem sei. Wo finde Rassismus in der Polizei statt – und wie reproduziere er sich? "Das müsste man erst einmal untersuchen. Dazu müsste man erst einmal Forschung zulassen – unabhängige Forschung, die auch Zugänge zur Polizei bekommt."

Stimmen, die eine solche Auseinandersetzung forderten, gebe es schon länger in Deutschland – die Betroffenen des NSU-Komplexes, die sich organisierten zum Beispiel, sagt Bosch: "Sie haben deutlich gemacht, dass sie das Vertrauen in die Polizei verloren haben, dass es einen strukturellen Rassismus gebe – all das wurde jahrelang nicht gehört."

(sed)

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