Mediatorin Sosan Azad

    Die interkulturelle Brückenbauerin

    Sosan Azad, lange rotbraune Haare, Perlohrringe und lila Blazer, schaut aus dem geöffneten Fenster.
    Sosan Azad © Jakob Hoff
    Ankommen in einer fremden Kultur: Sosan Azad kennt das. Mit 17 Jahren heiratet sie einen Afghanen in Deutschland. Die arrangierte Ehe wird ihr Sprungbrett: Sie lässt sich scheiden, studiert und wird Mediatorin – auch für interkulturelle Konflikte.
    Konflikte gehören zum Leben. Aber wie können wir sie lösen? Hilfe bietet Sosan Azad. Die gebürtige Afghanin ist Gründerin und Geschäftsführerin von "Streit Entknoten – Büro für Mediation und Interkulturelle Kommunikation". Grundlage ihrer Arbeit: Neutralität – und noch mehr. "Wir nennen das all-parteilich. Das heißt: Ich bin sowohl für die eine als auch für die andere Seite da."

    Der Mut, Konflikte auszusprechen

    Sosan Azad wird von Firmen gerufen, wenn es Stress zwischen der Chefetage und dem Betriebsrat gibt, im Team unter Kolleginnen und Kollegen. Sie vermittelt aber auch bei Familienzwist.
    Was braucht man, um all-parteilich zu bleiben? "Geduld, Empathie sind wichtig. Gleichzeitig brauchen wir ganz viel Mut. Konflikte machen Angst, Konflikte verunsichern, und wir sind nicht alle gut trainiert, Konflikte so ernst zu nehmen, dass wir ins Gespräch gehen. Daher braucht man auch als Mediatorin eine gewisse Art von Mut, um die Dinge anzusprechen, die eigentlich unter der Oberfläche gehalten werden, und die Sicherheit auszustrahlen, dass auch über Dialog Menschen wieder Konflikte lösen können.“

    Der Vater als Vorbild

    Das Interesse und die Fähigkeit, Konflikte zu lösen, hat Sozan Azad von ihrem Vater. Sie ist 1967 in Afghanistan geboren, aufgewachsen in Masar-e Scharif, einer "Stadt der Vielfalt", so ihre Erinnerung. "Wir hatten verschiedene Kulturen, in der Schule waren verschiedene Sprachen, das hat mich sehr geprägt. Auch die soziale Ungerechtigkeit, die Schere zwischen Armut und Reichtum. Mich hat auch sehr geprägt, die Vermittlungsgespräche zu beobachten, die mein Vater geführt hat." Zu ihm seien Nachbarn gekommen, die im Streit lagen. Er vermittelte aber auch bei härteren Rachekonflikten zwischen Opfer- und Täterfamilien: "Einerseits diese Abhängigkeit voneinander: Wir müssen zusammen funktionieren und andererseits keine Möglichkeit für die Justiz und Polizei. Die Dinge auch untereinander zu klären, das hat mich fasziniert."

    Durch eine arrangierte Ehe nach Deutschland

    Mit 17 Jahren kommt Sozan Azad durch eine "arrangierte Ehe" nach Deutschland.  "Da unterscheiden wir ganz groß in unserer Kultur, ob es eine Zwangsehe ist oder eine arrangierte Ehe. Das heißt: Mein Ex-Mann war hier in Deutschland, und meine Familie und seine Familie haben das gut vorbereitet, dass ich nach Deutschland kam." Sie wisse, dass sie damit ein Klischee für eine Frau mit Migrationsgeschichte erfülle, und so habe sie es auch immer wieder gespiegelt bekommen. "Es war eine Art Irritation und auch sogar Wut." Dabei wolle sie auf keinen Fall Mitleid: "Nein, nicht Mitleid! Fragt mich!" Denn ihre Mutter habe seinerzeit nur das Beste für sie gewollt: "Es war unter anderem der einzige Weg, damit ich damals als Mädchen aus Afghanistan rauskommen konnte."
    Ihr Mann und sie kennen sich nicht, sie versuchen, nichts falsch zu machen und die Familien nicht zu enttäuschen. "So eine arrangierte Ehe hat viel Vorbereitung, und natürlich ist die Anspannung sehr groß. Wir sind durch eine harte Schule gemeinsam gegangen in einem fremden Land. Zwei junge Menschen, zumindest für mich keine finanzielle Sicherheit hier, damit hatten wir natürlich auch unsere Konflikte."

    Akzeptanz für Menschen mit Migrationsgeschichte

    Letztlich lässt sich Sosan Azad scheiden; nach einer Friseurlehre macht sie ihr Abitur nach, studiert Sozialpädagogik, schlägt den Weg zur Mediation ein und gründet 2001 ihre Beratung "Streit Entknoten". Sie will damit auch zeigen: "Frauen mit Migrationshintergrund können auch hier in Deutschland Unternehmerin sein und auch Arbeitsplätze für andere Menschen schaffen."
    Sie möchte zu einer größeren Akzeptanz für Menschen mit Migrationsgeschichte beitragen, zu einem Dialog auf Augenhöhe: "Ich kann aus meiner Erfahrung sagen, dass es im Alltag tatsächlich ein Unterschied ist, ob ich eine Frau mit Migrationshintergrund, eine weiße Migrantin bin oder eine Frau aus Afghanistan. Dann bin ich eine Frau aus Afghanistan in meiner Situation oder eine Frau aus Afghanistan mit Kopftuch oder eine geflüchtete Frau. Ich glaube, das lässt man uns täglich spüren. Das kann manchmal auch schmerzhaft sein."
    (sus)

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