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Lesart / Archiv | Beitrag vom 20.08.2018

Soziales Engagement in KolumbienMüllmann rettet Zehntausende Bücher

Von Tobias Wenzel

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José Alberto Gutiérrez in seinem Haus im Süden von Bogotá (Tobias Wenzel)
Der Buch-Retter José Alberto Gutiérrez in seinem Haus im Süden von Bogotá (Tobias Wenzel)

In 51 Prozent der kolumbianischen Haushalte ist kein einziges Buch vorhanden. Dagegen kämpft José Alberto Gutiérrez aus Bogotá. Der Müllmann rettet Bücher vor der Müllhalde und verschenkt sie.

Spät abends im spärlich beleuchteten Zentrum Bogotás: José Alberto Gutiérrez beginnt seine Nachtschicht als Fahrer der städtischen Müllabfuhr. Seine zwei Kollegen draußen werfen die Abfalltüten in die Müllpresse.

"Das hier ist eine heikle Gegend, eine sehr heikle Gegend."

Eine Prostituierte redet mit zwei finsteren Gestalten. Raubüberfälle sind hier normal. José Alberto Gutiérrez lächelt trotzdem. Er spitzt die Ohren und hofft auf den bekannten Ruf der Kollegen draußen:

"Don José, libros!"

Das bedeutet: Sie haben im Müll Bücher entdeckt und bringen sie ihm ins Führerhaus. Aber bisher rufen sie nur aus Spaß, um Gutiérrez zu necken. Wenn wirklich Bücher auftauchen, ist José Alberto Gutiérrez immer noch so freudig erregt wie vor über 20 Jahren, als er sein erstes Buch, Tolstois "Anna Karenina", aus dem Müll rettete:

"Das ist, wie wenn ein Goldsucher gräbt und schürft und dann Goldstückchen findet. Ich habe nämlich Büchern einiges zu verdanken. Sie haben mir so viel gegeben."

"Als Kind hat mir meine Mutter viel vorgelesen"

Ein Haus am Hang im armen Süden Bogotás. Drinnen mischt sich der Gesang von Kanarienvögeln mit dem Surren von Leuchtstoffröhren. Die beleuchten 30.000 bis unter die Decke gestapelte Bücher. Gutiérrez nimmt hier und da eins in die Hand und küsst es. Dabei muss der "Herr der Bücher", wie er in Bogotá heißt, aufpassen, dass er keinen Stapel umstößt. Fast alles ist nämlich Buch im Wohnhaus der Familie Gutiérrez, seit der Hausherr 1997 bei der Müllabfuhr anfing.

"Nach zwei Monaten habe ich eine Route im Norden Bogotás bekommen. Da habe ich erstaunt festgestellt, dass einige Menschen Bücher wegwerfen. Das hat mich traurig gemacht. Ich mag nämlich Bücher sehr. Als Kind hat mir meine Mutter viel vorgelesen. Ihr habe ich zu verdanken, dass für mich heute ein Buch der beste Freund ist. Einem Menschen kann doch nichts Besseres passieren, als viele Bücher zu besitzen."

Ob wohl seine Ehefrau Luz Mery Gutiérrez diesen Satz unterschreiben würde? Im Haus ist der Schneiderin nur eine winzige Nische für ihre Arbeit an der Nähmaschine geblieben. Und selbst dieser Ort könnte schon bald von Büchern geschluckt werden.

"Das ist etwas unangenehm. Mein Mann mag nun mal Bücher so sehr. Aber ich muss dann sehen, wo ich sie noch unterbringen kann. Das mit den ganzen Büchern hier ist schon unangenehm. Für uns alle."

Wenn auch weniger unangenehm für den "Herrn der Bücher".

Gutiérrez ist stolz darauf, dass er schon mehr als 20.000 Bücher verschenkt und über 100 kleine Bibliotheken (Stand 2015; Anm. der Red.) in armen Gegenden hat entstehen lassen.

Spenden für eine öffentliche Gemeindebibliothek

Die Sozialarbeiterin Lilly Margarita Cipagauta ist aus dem südlichen Stadtteil Usme gekommen, um sich von Gutiérrez Bücher schenken zu lassen.

"Die Bücher sind für eine öffentliche Gemeindebibliothek. Für Kinder, die aus mittellosen Familien kommen, Kinder, die vergewaltigt wurden oder aufgrund des bewaffneten Konflikts ihr Heimatdorf verlassen mussten. Kinder, die einen Ausweg suchen. Und wir bieten dazu Musik und Bücher an, damit sie nicht nur fernsehen, was ihnen doch überhaupt nichts gibt."

In wenigen Minuten werden die Kinderbücher verladen.

Eine Stunde später hält der Lieferwagen vor einem Haus in Usme. Die Gegend erinnert an eine brasilianische Favela. Jemand hat den Namen der Bibliothek unbeholfen an die Seite der Eingangstreppe gesprüht.

Fünf Kinder sind aus dem Haus gerannt, als wäre weihnachtliche Bescherung. Ein Junge hält schon stolz einen Bildband über prähistorische Tiere in den Händen, der fast so groß ist wie er selbst.

Es ist Mitternacht. José Alberto Gutiérrez fährt mit seinem Müllwagen auf der breiten Carrera Caracas.

"Diese Arbeit in der Nacht fasziniert mich sehr. Ich kann die Morgendämmerung erleben. Das ist wie ein Neubeginn, wie Hoffnung."

Die Hoffnung, heute noch Bücher zu finden, ist allerdings schon gestorben: Einige Meter vor dem Müllwagen eilen zwei Papiersammler in Lumpen von Müllsack zu Müllsack.

"Die durchwühlen alles und nehmen das gesamte Material mit. Auch Bücher. Die verkaufen sie dann pro Kilo."

Hier im Zentrum Bogotás hat der ehrenamtliche Bücher-Retter schlechte Bedingungen. Deshalb spekuliert er darauf, bald wieder für eine Route im reichen Norden eingeteilt zu werden. Damit seine Kollegen dann wieder Bücherfunde mit den ersehnten Worten melden:

"Don José, libros!"

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