Soziale Klassen

Mein Porsche, mein Boot, meine Milliarden

Ein Luxusauto, das einst der Familie von Tunesiens Diktator Ben Ali gehörte, wartet in einer Auktionshalle auf einen neuen Besitzer © picture alliance / dpa / Mohamed Messara
Von Stephan Hebel · 09.02.2014
Unpolemisch und anschaulich erzählt die New Yorker Wirtschaftsredakteurin Chrystia Freeland, wie die "Superreichen" zu ihrem Geld kamen. Dabei entlarvt sie den politischen Skandal, der sich hinter deren Aufstieg verbirgt.
"Die Superreichen" – das klingt nach kapitalismuskritischer Streitschrift. Aber das ist Chrystia Freelands Buch keineswegs. Die Wirtschaftsredakteurin versteht sich nicht als Linke – Antikapitalismus ist ihr fremd. Und: Die New Yorkerin pflegt einen angelsächsisch-lockeren Erzählstil, der nach allem Möglichen klingt, nur nicht nach Streit. Aber in diesem Fall entlarvt die unpolemische Annäherung an die "Superreichen" die Verhältnisse überzeugender, als manche erregte Anklageschrift es könnte.
Es geht auf den gut 300 Seiten nicht einfach um die Reichen oder gar um Reichenbashing. Es geht um wachsende Ungleichheit, und zwar keineswegs nur in den USA. Vor allem aber geht es um das, was das Aufkommen einer globalen Schicht von Superreichen aus dem lange Zeit erfolgreichsten Wirtschaftssystem der Welt zu machen droht.
"Um zu verstehen, wie der amerikanische Kapitalismus – und der Kapitalismus auf der ganzen Welt – sich verändert, muss man sich anschauen, was ganz oben an der Spitze passiert."
Unbestechlicher analytischer Blick
Das tut Chrystia Freeland mit einer Hingabe, die auf breitem Wissen und journalistischer Neugier beruht. Sie hat nicht nur fleißig gelesen, sie ist ihnen auch persönlich begegnet, dem Musterspekulanten George Soros, dem indischen Stahlerben Aditya Mittal oder dem Google-Guru Eric Schmidt. Vielleicht betont Freeland ein paarmal zu oft, wie sie ein- und ausging in den Büros der Milliardäre mit Blick auf den Central Park. Aber dieser Schuss Eitelkeit tut weder der Anschaulichkeit ihrer Erzählung Abbruch noch der Unbestechlichkeit ihres analytischen Blicks.
Fundiert, aber leicht lesbar auch in der gelungenen Übersetzung von Andreas Simon dos Santos, liefert Freeman zunächst eine überzeugende Typologie der "Technologiekäuze", die das "goldene Zeitalter der Nerds" bestimmen:
"Den Archetyp derjenigen, die dafür am besten gerüstet erscheinen, könnte man in Amerika vielleicht als 'Harvard-Student mit Provinzschulbildung' auf den Punkt bringen. Sie kommen meist von öffentlichen Schulen in der Provinz, verfügen also über die Fähigkeit des Außenseiters, die Schwächen des herrschenden Paradigmas ausfindig zu machen, und aus diesem Grund ist ihr Interesse an der Bewahrung des bisherigen Systems auch gering genug, so dass sie keine Angst haben, aus ihm herauszutreten."
Ähnliches gilt für diejenigen, die von den früheren Rändern der Weltwirtschaft, also aus China, Indien, Brasilien oder Russland, in die Weltliga aufgestiegen sind. Wir erfahren auch, wie gedacht wird in dieser Liga, wenn Freeland etwa den ägyptischen Telefon-Unternehmer Naguib Sawiris mit dem Satz zitiert:
"Um die Extras zu finanzieren, das Flugzeug, das Boot, da braucht man schon eine Milliarde."
Vor allem aber erfahren wir, dass all das nicht nur zynisch ist, sondern auch in höchstem Maße politisch.
"Sie neigen zum Glauben an die Institutionen, die gesellschaftliche Mobilität ermöglichen, legen aber in Bezug auf wirtschaftliche Umverteilung – das heißt Steuern –, die zur Bezahlung dieser Institutionen erforderlich ist, weniger Enthusiasmus an den Tag."
Demaskierung der Überheblichkeit
Also: Gute Schulen, gute Bildung, gute Infrastruktur, aber bitte nicht auf Kosten derer, die all dem ihren Aufstieg verdanken. Seite für Seite nähert sich die Autorin dem politischen Skandal, der sich hinter dem Aufstieg der Superreichen verbirgt. Staunend lassen wir uns daran erinnern, dass der Spitzensteuersatz in den USA 70 Prozent betrug, als Ronald Reagan 1981 antrat, den Siegeszug des Neoliberalismus anzuführen – und den Satz auf 28 Prozent senkte. Kopfschüttelnd lesen wir nach, wie die Wall Street mit Geld und schlechten Worten gegen jeden Versuch ankämpfte, ihr Tun zu regulieren. Und wie die Vermögendsten der Vermögenden ihr Tun als Dienst an der ganzen Welt verkaufen:
"Auf einer Firmenkonferenz sagte Larry Page, Mitgründer von Google, allen Ernstes, dass Googles größte Leistung die Rettung von Menschenleben sei: Das selbstfahrende Auto, eines von Pages Steckenpferden, werde schließlich mehr Menschenleben retten als jede andere politische, soziale und humanitäre Anstrengung."
Besonders lobenswert ist, dass Chrystia Freeland auch diejenigen Milliardäre kritisch betrachtet, die sonst allseits gelobt werden: jene Wohltätigkeitsunternehmer, die Bill Gates anführt.
"Tatsächlich haben die Philanthrokapitalisten eine solche Macht, dass sie manchmal unabsichtlich das soziale Sicherungsnetz ganzer Länder verzerren. So lautet die Klage einiger afrikanischer Länder, wo die finanziell reich ausgestatteten, gnadenlos fokussierten Programme für Aids-Medizin, Tuberkulose- und Malariaimpfungen lokale Ärzte und Krankenschwestern von der verzweifelt benötigten, aber weniger glanzvollen alltäglichen Versorgung der Patienten weggelockt haben."
Klassenstrukturen verfestigen sich
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Cover: Die Superreichen© Westend-Verlag
Keinen Zweifel lässt dieses Buch daran, dass die Sphäre der Superreichen zwar jenseits der Vorstellungskraft einer großen Mehrheit liegt, aber für diese Mehrheit nicht ohne Folgen bleibt. Die Bank Citigroup hat einen Index erstellt, der nur das absolute Luxussegment enthält – und die Billiganbieter, die die Unterschicht mit dem Nötigsten versorgen. Die Mittelschicht, erstes Opfer der Automatisierung und der Auslagerung von Arbeitsplätzen, verschwindet als zentrale Nachfragemacht – und als Faktor gesellschaftlicher Stabilität. Die Klassenstrukturen verfestigen sich.
"Wenn die Ungleichheit in Gesellschaften zunimmt, gerät die soziale Mobilität ins Stocken. Der Erfolg dieser Gesellschaften, der sich zum Teil durch die Herausbildung einer Superelite manifestiert, droht eine der Voraussetzungen für ihren Aufstieg zu zerstören: die soziale Mobilität."
Was also tun? Zu dieser Frage hat das Buch, abgesehen von angedeuteten Forderungen nach mehr Regulierung und besserer Steuerpolitik, wenig zu bieten. Ein paar Sätze zu der Frage, wie der Herrschaft der modernen Plutokratie zu begegnen sei, hätte man sich schon gewünscht. Da fehlt dem Buch dann doch etwas: ein Hauch von antikapitalistischer Streitschrift.

Chrystia Freeland: "Die Superreichen. Aufstieg und Herrschaft einer neuen globalen Elite"
Westend Verlag, Franfurt/Main
358 Seiten 22,99 Euro