Seit 17:05 Uhr Studio 9
Freitag, 30.07.2021
 
Seit 17:05 Uhr Studio 9

Tacheles | Beitrag vom 10.07.2021

Soziale GerechtigkeitMenschen befähigen, mehr Macht über ihr Leben zu erlangen

Moderation: Susanne Führer

Illustration von Menschen die sich gegenseitig eine helfende Hand anbieten. (imago / Ikon Images / Stuart Kinlough)
Der Sozialstaat müsse mehr Menschen unterstützen und erreichen, fordert der frühere Caritas-Chef Georg Cremer (imago / Ikon Images / Stuart Kinlough)

Deutschland brauche eine „Politik der Befähigung“, meint der frühere Caritas-Chef Georg Cremer. Der Sozialstaat müsse Menschen mehr stärken, ihre Potenziale zu entfalten. Durch Geld allein könne die soziale Spaltung nicht abgebaut werden.

Der Sozialstaat in Deutschland ist zwar gut ausgebaut, sagt der frühere Caritas-Chef Georg Cremer, aber zu häufig nützt er ausgerechnet denjenigen nicht, die Unterstützung am ehesten benötigen.

"Den Dienst der Hebammen in der Familie nach der Geburt nehmen Frauen mit hoher Bildung weit häufiger wahr als Frauen mit niedriger Bildung", sagt Cremer. "Die Erziehungsberatungsstellen kämpfen darum, alle Familien zu erreichen. Der Sozialstaat muss meines Erachtens wirksamer werden in dem Sinne, dass er diejenigen, die besondere Schwierigkeiten haben, auch wirklich erreicht."

Dafür brauche es nicht unbedingt mehr Geld. Wichtig sei es, Zugangsschwellen zu senken. Die Kooperation zwischen den verschiedenen Systemen – beispielsweise Krankenkassen und Kommunen – müsse ausgebaut werden.

Selbstwirksamkeit stärken

Wirksamer werden, das bedeute auch, dass der Sozialstaat die Selbstwirksamkeit der Menschen entwickeln müsse. Dafür gebe es gute Ansätze wie zum Beispiel, wenn Fallmanager in den Jobcentern einen Langzeitarbeitslosen ermuntern, eine Schuldnerberatung aufzusuchen. Oder auch Familienhilfen für erschöpfte Familien, sodass diese in die Lage versetzt werden, wieder eigenverantwortlich zu entscheiden.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)
"Wenn die Selbstwirksamkeit steigt, wenn das Gefühl steigt, ich kann auch mein Leben verändern, dann ist es viel leichter, die Hilfen des Sozialstaats auch in Anspruch zu nehmen und auch eine Auswahl zu treffen und auch zu gucken, dass ich eine Hilfe dort bekomme, wo sie mir am besten nutzt", sagt Cremer. 

Chancengerechtigkeit reicht nicht

In unserem Konzept von sozialer Gerechtigkeit spielt die Chancengerechtigkeit eine große Rolle. Das heißt, der Zugang zu Ausbildungsstellen, Hochschulstudium oder Arbeit erfolgt allein über Leistung. "Aber es wirkt der Zufall der Geburt. Kinder werden in sehr unterschiedliche Familien hineingeboren. Deswegen brauchen wir einen erweiterten Blick."

Nämlich einen Blick für die Befähigungsgerechtigkeit. Unser Bildungs- und Sozialsystem müsse "das Mögliche leisten, damit alle Menschen ihre Fähigkeiten entfalten können und die Voraussetzung erlangen, Leistung erbringen zu können."

Die bürgerliche Mitte muss mitmachen

Und das gilt insbesondere für die Schulen. In Deutschland hängen soziale Herkunft und Bildungserfolg besonders eng zusammen. Andere Länder zeigen, dass es auch anders geht.

"Schulen in sozialen Brennpunkten müssen deutlich besser ausgestattet werden – mit Personal, mit Möglichkeiten Förderunterricht zu machen, Kinder auch mal, wenn sie Schwierigkeiten haben, aus der Klasse zu nehmen und in kleinen Gruppen zu unterrichten", sagt Cremer. "Die Frage ist, ob die bürgerliche Mitte das akzeptiert als Akt der ausgleichenden Gerechtigkeit oder ob sie eine gewisse Konzentration der Ressourcen auf Kinder mit Benachteiligungen als ungerecht empfindet."

In diesem Zusammenhang erinnert Cremer daran, dass 2010 in Hamburg die damalige schwarz-grüne Regierung mit dem Versuch scheiterte, eine sechsstufige gemeinsame Grundschule für alle Kinder einzuführen.

(sf)

Georg Cremer war von 2000 bis 2017 Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes. Seit 1999 ist er außerplanmäßiger Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Freiburg. Zuletzt erschien sein Buch "Sozial ist, was stark macht" (Herder)

Mehr zum Thema

Reichtum und Sozialstaat in Deutschland - "Die Mittelschicht ist bereit, mehr zu zahlen"
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 29.06.2021)

Friedenspreis für Amartya Sen - Vernunft ist mehr als Eigennutz
(Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit, 11.10.2020)

Zwei neue Bücher über Armut - Markige Skandalisierung gegen spröde Analyse
(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 06.02.2017)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Tacheles

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur