Reichtum und Sozialstaat in Deutschland

    "Die Mittelschicht ist bereit, mehr zu zahlen"

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    Ein Mädchen schaut in die Auslage eines Juweliergeschäftes in München
    Die Kluft zwischen Reich und Arm in Deutschland wird spürbar größer: Ein Mädchen schaut in die Auslage eines Juweliergeschäftes in München. © picture alliance / dpa / M. C. Hurek
    Christoph Butterwegge im Gespräch mit Axel Rahmlow · 29.06.2021
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    Die Zahl der Millionäre in Deutschland steigt, gleichzeitig zahlen Geringverdiener überproportional viel in die Sozialkassen. Der Soziologe Christoph Butterwegge fordert einen "inklusiven Sozialstaat", in dem Reichtum nicht auf Kosten der Armen wachse.
    In Deutschland gibt es jetzt etwa 1,5 Millionen Dollarmillionäre, knapp 65.000 mehr als noch 2020. Das geht aus dem "World Wealth Report" des Beratungsunternehmens Capgemini hervor. Die Gründe dafür sind der starke Aktienmarkt und die steigenden Immobilienpreise. Aber auch die hohe Sparquote haben die großen Vermögen und ihre Anzahl weiter wachsen lassen.
    Andererseits zahlen Geringverdiener einem Zeitungsbericht zufolge überproportional viel Geld in die Sozialkassen ein: Menschen mit einem Jahreseinkommen bis 30.000 Euro verfügten über 24 Prozent des Gesamteinkommens in Deutschlands, zahlten aber 36 Prozent aller Sozialabgaben, berichteten die Zeitungen der Funke Mediengruppe unter Berufung auf eine Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf Anfrage der Linksfraktion im Bundestag.

    Bürgerversicherung gefordert

    "Die Reichen werden auf Kosten der Armen immer reicher", sagt der Kölner Soziologe Christoph Butterwegge. Während der Pandemie hätten die Reichen ihr Vermögen gesteigert, weil Aktien und Immobilien im Wert gestiegen sind. "Jemand, der von Dividenden oder Mieteinnahmen lebt, zahlt keine Beiträge in die Sozialversicherungen ein." Deshalb fordert Butterwegge eine Änderung der Beitragsbemessungsgrenzen, die hohen Einkommen weitere Abgabe ersparen.
    Die Hauptlast der Sozialversicherungen sollten diejenigen tragen, die gut verdienen, fordert Butterwegge. Eine Bürgerversicherung würde den Sozialstaat auf ein festeres Fundament stellen: "Wenn auch Freiberufler, Beamte und Minister einzahlen würden, gäbe es höhere Einnahmen." Dann könnte ein "inklusiver Sozialstaat" eine Grundsicherung für alle leisten.

    Weniger Strafgefangene bei mehr Gleichheit

    In der wohlhabenden Mittelschicht, zu der sich Butterwegge ausdrücklich zählt, gebe es eine Bereitschaft, mehr zu zahlen. Der Armutsforscher weist darauf hin, dass die 45 reichsten Familien in der Bundesrepublik Deutschland mehr Vermögen besäßen als die "ärmere Hälfte", das heißt 40 Millionen Menschen in Deutschland.
    Die Wohlhabenden könnten mehr dazu beitragen, dass die Gesellschaft sozialer und humaner wird, sagt Butterwegge. Internationale Untersuchungen hätten deutlich gemacht, dass Staaten mit stärkerer Gleichheit zum Beispiel weniger Strafgefangene und Suizide hätten.
    (cre)
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