Soziale Gerechtigkeit

    Menschen befähigen, mehr Macht über ihr Leben zu erlangen

    29:52 Minuten
    Illustration von Menschen die sich gegenseitig eine helfende Hand anbieten.
    Der Sozialstaat müsse mehr Menschen unterstützen und erreichen, fordert der frühere Caritas-Chef Georg Cremer © imago / Ikon Images / Stuart Kinlough
    Moderation: Susanne Führer · 26.03.2022
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    Deutschland brauche eine „Politik der Befähigung“, meint der frühere Caritas-Chef Georg Cremer. Der Sozialstaat müsse Menschen mehr stärken, ihre Potenziale zu entfalten. Durch Geld allein könne die soziale Spaltung nicht abgebaut werden.
    Der Sozialstaat in Deutschland ist zwar gut ausgebaut, sagt der frühere Caritas-Chef Georg Cremer, aber zu häufig nützt er ausgerechnet denjenigen nicht, die Unterstützung am ehesten benötigen.
    "Den Dienst der Hebammen in der Familie nach der Geburt nehmen Frauen mit hoher Bildung weit häufiger wahr als Frauen mit niedriger Bildung", sagt Cremer. "Die Erziehungsberatungsstellen kämpfen darum, alle Familien zu erreichen. Der Sozialstaat muss meines Erachtens wirksamer werden in dem Sinne, dass er diejenigen, die besondere Schwierigkeiten haben, auch wirklich erreicht."

    Die Sendung wurde erstmals am 10. Juli 2021 ausgestrahlt.

    Dafür brauche es nicht unbedingt mehr Geld. Wichtig sei es, Zugangsschwellen zu senken. Die Kooperation zwischen den verschiedenen Systemen – beispielsweise Krankenkassen und Kommunen – müsse ausgebaut werden.

    Selbstwirksamkeit stärken

    Wirksamer werden, das bedeute auch, dass der Sozialstaat die Selbstwirksamkeit der Menschen entwickeln müsse. Dafür gebe es gute Ansätze wie zum Beispiel, wenn Fallmanager in den Jobcentern einen Langzeitarbeitslosen ermuntern, eine Schuldnerberatung aufzusuchen. Oder auch Familienhilfen für erschöpfte Familien, sodass diese in die Lage versetzt werden, wieder eigenverantwortlich zu entscheiden.


    Wenn die Selbstwirksamkeit steigt, wenn das Gefühl steigt, ich kann auch mein Leben verändern, dann ist es viel leichter, die Hilfen des Sozialstaats auch in Anspruch zu nehmen und auch eine Auswahl zu treffen und auch zu gucken, dass ich eine Hilfe dort bekomme, wo sie mir am besten nutzt.

    Georg Cremer

    Chancengerechtigkeit reicht nicht

    In unserem Konzept von sozialer Gerechtigkeit spielt die Chancengerechtigkeit eine große Rolle. Das heißt, der Zugang zu Ausbildungsstellen, Hochschulstudium oder Arbeit erfolgt allein über Leistung. "Aber es wirkt der Zufall der Geburt. Kinder werden in sehr unterschiedliche Familien hineingeboren. Deswegen brauchen wir einen erweiterten Blick."
    Nämlich einen Blick für die Befähigungsgerechtigkeit. Unser Bildungs- und Sozialsystem müsse "das Mögliche leisten, damit alle Menschen ihre Fähigkeiten entfalten können und die Voraussetzung erlangen, Leistung erbringen zu können."

    Die bürgerliche Mitte muss mitmachen

    Und das gilt insbesondere für die Schulen. In Deutschland hängen soziale Herkunft und Bildungserfolg besonders eng zusammen. Andere Länder zeigen, dass es auch anders geht.
    "Schulen in sozialen Brennpunkten müssen deutlich besser ausgestattet werden – mit Personal, mit Möglichkeiten Förderunterricht zu machen, Kinder auch mal, wenn sie Schwierigkeiten haben, aus der Klasse zu nehmen und in kleinen Gruppen zu unterrichten", sagt Cremer. "Die Frage ist, ob die bürgerliche Mitte das akzeptiert als Akt der ausgleichenden Gerechtigkeit oder ob sie eine gewisse Konzentration der Ressourcen auf Kinder mit Benachteiligungen als ungerecht empfindet."
    In diesem Zusammenhang erinnert Cremer daran, dass 2010 in Hamburg die damalige schwarz-grüne Regierung mit dem Versuch scheiterte, eine sechsstufige gemeinsame Grundschule für alle Kinder einzuführen.
    (sf)

    Georg Cremer war von 2000 bis 2017 Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes. Seit 1999 ist er außerplanmäßiger Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Freiburg. Zuletzt erschien sein Buch "Sozial ist, was stark macht" (Herder)

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